Die Familie ist ein Grundpfeiler der Gesellschaft, Vermittlerin von Werten und Normen und Ort der Liebe und Barmherzigkeit - darin sind sich Pfarrer Traugott Burmann von der Kulmbacher Petrikirche und Imam Bünyamin Kayikci von der türkischen Gemeinde in Kulmbach einig. Beim interreligiösen Gespräch im Rahmen der interkulturellen Woche haben sie am Sonntag mit Hilfe eines Übersetzers miteinander über das Thema Familie diskutiert und die Fragen der rund 30 Besucher muslimischen und christlichen Glaubens beantwortet. Ergebnis war vor allem, dass der Familienbegriff in der evangelischen Kirche weiter gefasst ist, als im Islam. Traugott Burmann zitierte hierzu eine Handreichung der EKD aus dem Sommer 2013, in der neben verheirateten Paaren auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften, Alleinerziehende, kinderlose Paare und Menschen, die sich um pflegebedürftige Angehörige kümmern und mit diesen zusammenleben als Familie bezeichnet werden.
Imam Kayikci dagegen benennt das verheiratete Paar als Grundstock jeder Familie. Eine Familie zu gründen sei im Islam ein ausgemachtes Ziel. Schwule und Lesben werden nicht als Familien anerkannt, wenngleich sie die Moschee besuchen und am Gemeindeleben teilnehmen dürfen, so der Imam auf Nachfrage. Der Prophet Mohammed wird mit den Worten zitiert: "Wer sich nicht trauen lässt, ist nicht von uns." Dementsprechend seien uneheliche Beziehungen nicht erlaubt, die Ehe und die damit verbundene Zeugung von Nachkommen sei das Ziel.
Was nicht toleriert werde, sei die Verbindung einer muslimischen Frau mit einem nicht-muslimischen Mann. Die Religion sei ein entscheidender Grundstock innerhalb der Familie. Die Verbindung eines Muslimen und einer Andersgläubigen sei nur möglich, wenn die Frau ebenfalls einen - zum Beispiel christlichen - Glauben habe. Der Islam geht davon aus, dass die Ehe auch im Jenseits fortgeführt wird.


Im Jenseits nicht gebunden

Im Gegensatz dazu zitiert Traugott Burmann Martin Luther, der sagte: "Die Ehe ist ein weltlich Ding." Trauungen in der Kirche sind eigentlich "nur" Gottesdienste anlässlich der Trauung, die vor einem Standesbeamten vollzogen wird. Ehe und Familie sind im christlichen Glauben Ordnungen für das Leben auf der Erde. Im Jenseits, so beschreibt es schon Jesus Christus, sind alle "wie die Engel im Himmel" und nicht mehr an einen anderen Menschen gebunden.
Nach den jeweiligen Referaten der beiden Glaubensmänner konnten die Besucher Fragen stellen. Zum Beispiel, ob es angesichts dessen, dass Familien auch scheitern können und in Familien auch oft unter dem Deckmantel der heilen Welt furchtbare Dinge geschehen, nicht auch eine Alternative geben müsse. "Wie können wir die Suche nach Werten anders lösen, als in die Kraft der Familie zu vertrauen?", so eine Besucherin. Beide Männer waren sich einig: Ohne eine Familie - in welcher Form auch immer - funktioniert unsere Gesellschaft nicht. "Die Familie ist die emotionale Stütze. Sie ist als Übungsfeld für die Werte und Normen in unserer Gesellschaft unersetzlich", so Burmann. Da stimmte der Imam zu. Allah habe die Menschen als Paar erschaffen. Wenn die Familie versage, müssten Verwandtschaft und Gesellschaft eingreifen und die Betroffenen auffangen. Von vorneherein ersetzen könne nichts die Familie.


Steigende Scheidungsrate

Die Frage nach der steigenden Scheidungsrate beantwortet der Pfarrer mit der gestiegenen Lebenserwartung und auch damit, dass die Menschen die Ehe mit weniger Ernst sähen als früher. "Man will sich nicht mehr so sehr persönlich belasten, sondern geht Konflikten heute lieber aus dem Weg." Kayikci ist sich sicher: Barmherzigkeit ist der Grundstock jeder gelingenden Beziehung, wenn die fehle, habe die Ehe keine Chance mehr. Eine Trennung sei dann unausweichlich und werde auch vom Islam toleriert.
Bei allen Übereinstimmungen wurde aber auch klar: Die Vorstellungen von Familie unterscheiden sich in einigen Punkten deutlich. Da ist es gut, dass man ins Gespräch kommt, sich austauscht und lernt, den jeweils anderen zu verstehen. Ohne Zweifel wird das interreligiöse Gespräch im nächsten Jahr fortgesetzt.