Ein Fall, um den sich keiner reißt, lag am Dienstag auf dem Tisch des Kulmbacher Schöffengerichts. Eine verfahrene Geschichte, denn das Drama um Urkundenfälschung, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch und Beleidigung spielt in einer total zerstrittenen Familie. Sohn, Vater, Mutter, Großmutter - alle wohnen unter einem Dach.

Es ging gleich gut los: Der Angeklagte fehlte. Am Gerichtstor war ihm aufgefallen, dass er ein Kratzen im Hals verspürt. Die Justizwachtmeister schickten ihn zum Corona-Abstrich. Erst eineinhalb Stunden später tauchte der Herr Angeklagte mit einem negativen Ergebnis wieder auf.

Schluck aus der Pulle

Richterin Nicole Allstadt rügte, dass er sich nicht eher um einen Test gekümmert habe. Als er während der Verhandlung auch noch einen Schluck aus der Pulle mit der braunen Brause nahm, ermahnte die Vorsitzende den 45-Jährigen: "Das ist hier keine Spaßveranstaltung."

In der Tat hatte die Staatsanwaltschaft eine Menge gegen den Mann vorzubringen. So soll er das Geld seiner 87-jährigen Großmutter großzügig ausgegeben und dabei deren Unterschrift gefälscht haben. Laut Anklage hat er elfmal Geldbeträge vom Konto der Oma an sich selbst überwiesen - zusammen circa 2600 Euro. Er habe sich auf ihren Namen einen Staubsauger im Wert von 799 Euro gekauft und eine Vielzahl von Mobilfunkverträgen abgeschlossen, für die 3100 Euro sowie weitere 1980 Euro fällig wurden.

Ganz nebenbei soll der Angeklagte die Großmutter beleidigt und gegen deren Willen ihre Wohnung betreten haben. Aus der Pergola der Eltern habe er Kleinholz gemacht - Schaden 3000 Euro - und seinen Vater als "Hurensohn" bezeichnet.

Gutscheine als Geschenk

Der 45-Jährige berief sich darauf, dass die Überweisungen mit Billigung seiner Großmutter erfolgt seien. Sie habe ihm zwei Gutscheine über jeweils 1000 Euro geschenkt. Die Überweisungsträger habe er stets der Oma zur Unterschrift vorgelegt.

Auch der Staubsauger und die Mobilfunkverträge - alles sei mit ihr abgesprochen gewesen. "Wenn ich eine Rechnung hatte, hat sie bezahlt", so der Angeklagte. Die Beleidigungen, die Beschädigung der Pergola und den Hausfriedensbruch gab er zu. "Alle sind total zerstritten in dem Haus. Es geht nur über Anwälte", sagte der Mann. Eskaliert sei die ganze Situation im Frühjahr 2018, als er von seinem Vater mit einer Schusswaffe bedroht wurde. Die Polizei rückte mit einem Spezialeinsatzkommando an, und er leide seitdem unter einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Die Großmutter schilderte dem Gericht eine ganz andere Wahrnehmung. Nach einem längeren Krankenhausaufenthalt sei ihr Konto abgeräumt gewesen. Die Sparkasse habe ihr geraten, den Enkel anzuzeigen. Dies habe sie zunächst abgelehnt. Schließlich seien immer mehr Rechnungen und Mahnungen gekommen. "Ich habe gar nicht gewusst, was ein Inkassobüro ist", sagte sie. "In meinem Alter werde ich in so was reingezogen." Schließlich habe ihr der Enkel gedroht, sie mit einem Messer abzustechen. Dann sei sie zur Polizei gegangen.

Unterschrift gefälscht?

Die Zeugin bestritt, jemals eine Überweisung für den Enkel unterschrieben zu haben. "Er hat meine Unterschrift gefälscht", sagte sie. Auch der vom Gericht vorgelegte Geschenkgutschein sei gefälscht. "Das habe ich nicht geschrieben", erklärte die alte Frau. Nur die Unterschrift könnte echt sein.

Das Gericht bat die Zeugin um eine Schriftprobe, sah aber davon ab, ein graphologisches Gutachten in Auftrag zu geben. Denn der Vergleich mit den Unterschriften bei der Sparkasse sei sinnlos, da die Überweisungsträger nicht mehr im Original vorhanden sind, sondern nur noch digital als eingescannte Bilder.

Ein vager Hinweis des Angeklagten, dass es bereits ein graphologisches Gutachten zur Schrift der Großmutter in einem anderen Gerichtsverfahren gebe, führte gestern dazu, dass die Verhandlung ausgesetzt wurde. Der Prozess wird wiederaufgenommen, wenn die Nachermittlungen der Staatsanwaltschaft abgeschlossen sind.

"Ich mag nimmer"

Es gab also kein Urteil, aber die Meinung der 87-Jährigen über ihren Enkel stand bereits fest: "Der soll sich schämen, was er mit seiner Oma macht." Sie fühle sich ihres Lebens nicht mehr sicher, seit er ihr gedroht habe: "Ich ertränk' dich in der Wassertonne."

Bevor der Familienstreit weiter ausartete, sprach die Vorsitzende ein Machtwort: "Wir machen jetzt Schluss. Ich mag nimmer."