Ein siebenjähriger krebskranker Junge, der mit dem längsten Kettenbrief der Welt ins Guinessbuch der Rekorde will - würden Sie diesen Brief weiterleiten?
Verschiedene Geschäftsstellen der AWO, der Caritas, Stadt- und Gemeindeverwaltungen, Unternehmen und viele mehr haben es getan. Sie haben zehn andere Einrichtungen ausgewählt, den Brief kopiert, an diese versandt und auch dem Universitätsklinikum Tulln in Niederösterreich - wie im Brief erbeten - brav mitgeteilt, dass sie den Brief weitergeleitet haben.


Von Büchenbach nach Kasendorf

Tut ja nicht weh, werden sich viele gedacht haben und auch: Wenn sich der arme Junge das wünscht, wollen wir ihm nicht im Wege stehen.
Auch die Mitarbeiterin des Pfarramtes in Büchenbach im Landkreis Roth, die den Brief von einer Kollegin erhalten hatte, hat sich nichts weiter gedacht und den Brief weitergeleitet.
"Ich habe noch nie einen Kettenbrief weitergegeben, nicht mal am Handy", so die Pfarramtssekretärin. In diesem Fall aber dann doch. "Schließlich hatten ja auch schon so viele Kollegen mitgemacht, da hab ich mir nichts dabei gedacht und den Brief auch weitergeleitet."
Unter anderem an das Pfarramt in Kasendorf. Pfarrer Stefan Lipfert wusste gar nicht, ob er lachen oder entsetzt sein soll. "Es ist Wahnsinn, wer da alles mitmacht!" Er hatte zum Glück den richtigen Riecher und den Kettenbrief der unserer Redaktion übergeben.
Denn eine Nachfrage im Universitätsklinikum Tulln ergibt: Der scheinbare krebskranke Junge existiert nicht. Und noch mehr: Hätte er jemals existiert, hätte er einen anderen Grund ins Guinessbuch der Rekorde einzuziehen, denn er altert nicht: Das Universitätsklinikum beschäftigt der Fall seit elf Jahren - noch immer ist der Junge sieben Jahre alt. Ein bis zwei Mitarbeiter sind mit der Bearbeitung beschäftigt.
"Der Kettenbrief ist außerhalb unseres Einflussbereichs", heißt es aus der Klinik. "Der Junge war nicht bei uns und der Brief ist auch nicht von uns weitergeleitet oder gar initiiert worden", so Alexander Herz vom Universitätsklinikum. "Wir kennen auch die Motivation hinter dem Brief nicht."


Bis zu 50 Briefe täglich

Täglich trudeln Briefe aus ganz Österreich und Deutschland ein, denn in dem Kettenbrief ist vermerkt, dass jeder den Brief nicht nur an zehn andere weitergeben, sondern auch, dass er die Liste der Adressaten an das Universitätsklinikum senden soll.
In einer schriftlichen Stellungnahme des Universitätsklinikum Tulln, die auch an viele von denen versendet wird, die den Brief weitergegeben haben, heißt es unter anderem: "Wir erhalten täglich rund 20 Briefe, an Spitzentagen sind es sogar 50 Stück. (...) Dieser Fall ist auch schon bei den Spam- und Betrugsexperten der TU Berlin längst aktenkundig geworden. Unsere Bitte an die Anfragenden: Den Brief nicht beantworten."
Leider können diese Aufklärungen ja immer nur im Nachhinein verschickt werden. Ob der Brief jemals aufgehalten werden kann?