Ein Thema geht am Stammtisch immer: Fußball. Leider haben die Männer, die sich Sonntagabend regelmäßig im Kirchleuser Gasthaus Pistor treffen und sich "Die lustigen Brüder" nennen, diesmal nicht viel zu reden. Ihr FC musste pausieren. "Spielfrei", weiß Erwin Limmer. "Dann schimpfen wir eben über die, die nicht da sind", sagt er ("Scherz!") und wendet sich dann doch einem Anwesenden zu: "Einen Preußen haben wir auch bei uns."


Assimilierter Oberfranke

Gemeint ist Thomas Mews, der inzwischen zum assimilierten Oberfranken befördert worden ist. Ihm hat der Kirchleuser Stammtisch zu verdanken, dass es ihn überhaupt noch gibt. So kann man am Samstag das 60-Jährige feiern.

Rückblende ins Jahr 1957 - eine Zeit des Übergangs. Die Menschen sehnen sich nach ein bisschen heiler Welt. Nach dem Elend und den Entbehrungen in der Kriegs- und Nachkriegszeit will man auch in Kirchleus wieder feiern und fröhlich sein.


ZDF gab's noch gar nicht

Laut Dieter Fischer gibt es seinerzeit in dem Dorf zwischen Kulmbach und Kronach drei oder vier Fernsehgeräte. "Dafür hatten die Leute noch kein Geld." Sehen kann man nur ARD - natürlich schwarz-weiß. Das ZDF geht erst 1961 auf Sendung.

Unterhaltung ist vor allem im Wirtshaus geboten. Deshalb gründen zwölf junge Männer am 20. März 1957 den Stammtisch "Die lustigen Brüder". Ein Name, so Chronist Fischer, "der sehr gut passte, denn es ging bei den regelmäßigen Treffen zum Sonntagsfrühschoppen im Vereinslokal Pistor recht lustig zu."

Preisschafkopf, Faschingstanz, Sommernachtsfest, Tagesausflüge und später auch größere Reisen mit Frauen und Freundinnen in die Schweiz, nach Österreich oder an die Nordsee - "Die lustigen Brüder" sind überaus unternehmungslustig.


Streitigkeiten verboten

So geht es über viele Jahre. 1982 hat der Stammtisch 22 Mitglieder, aktuell sind es 21. Eine bunte Mischung. Laut Fischer war es immer "der Kerngedanke, über die aktuellen Dorfereignisse zu diskutieren, aber auch über Sport oder Politik". Streitigkeiten sollen möglichst vermieden werden. "Manchmal musste der Wirt aber einschreiten und die Streithähne er mahnen."

Und es wird gern gesungen, vor allem deutsche Volks- und Heimatlieder. Fischer: "Ging es recht fröhlich und lustig zu, schmeckte das Bier besonders gut. Da kam es schon vor, dass daheim der Sonntagsbraten längst fertig, der Frühschoppen aber noch nicht beendet war."

Winfried Pistor bringt Bier. Am Stammtisch stoßen sie an und kramen noch mal das Fußball-Thema raus. Diesmal den FC Bayern. "Thomas Müller hat endlich wieder getroffen", heißt es - das finden sie gut.


Schluss mit lustig

Vor drei Jahren wäre dem Stamm- tisch fast die Puste ausgegangen. Schluss mit lustig, die Gemeinschaft gerät in die Krise. Der Bau der Windräder auf der Kirchleuser Platte bringt Unfrieden ins Dorf und spaltet die Bevölkerung in zwei Lager: die einen, die eine Verschandelung ihrer Heimat ablehnen, und die anderen, die mit der Windkraft Geld verdienen wollen.

Ein Streitthema, bei dem am Stammtisch nach wie vor ein rauer Wind weht. Einer sagt hinter vorgehaltener Hand: "Die schöne Landschaft der Kirchleuser Platte ist kaputt." Ein anderer Stammtischler wiegelt ab und meint, man solle das Thema nicht mehr hochkochen.

2013 legt Ortssprecher und Windkraftbefürworter Richard Ströbel sein Amt als Stammtischvorsitzender nieder. Dazu will er sich öffentlich jetzt nicht mehr äußern. Windkraftgegner Hans Limmer macht für ein Jahr kommissarisch weiter. Ein Nach folger findet sich nicht. "In dieser schweren Windkraftzeit drohte der Stammtisch auf der Strecke zu bleiben", sagt der Preuße Mews.


"Wertvoll und wichtig"

Den früheren Oberamtsrat bei der Berliner Senatsverwaltung, der zusammen mit seiner Frau schon 1995 in der Siedlung ein Haus gebaut hat, stört der Anblick der Windräder. Aber er erkennt, "dass die Wirtshaustradition für den Ort wertvoll und wichtig ist und den Querelen nicht zum Opfer fallen darf".

Mews erfindet das Modell eines Vorstandsteams mit ihm an der Spitze. Das Gremium koordiniert das Vereinsleben mit den Stammtischabenden im Wirtshaus ("Gäste immer willkommen") und greift Traditionen wieder auf: Ausflüge, Museumsbesuche und Wirtshaussingen.


Drei Neue an Bord

Spät ist es geworden. "Die lustigen Brüder" trinken aus und machen sich langsam auf den Heimweg. Mews schaut in die Runde. Der Stammtisch lebt. Und es gibt auch wieder Zuwachs. Mit Andi Herold, Stefan Limmer und Roland Limmer sind drei junge Neumitglieder eingetreten. Mews: "Das ist die Zukunft."



Der Stammtisch

Aktive Mitglieder
Christian Kögel, Erwin Michel, Adolf Pistor, Hans Toeffels (alle Gründungsmitglieder), Karl-Heinz Dietrich, Dieter Fischer, Andi Herold, Franz Herold, Wolfgang Kerstan, Gerhard Kögel, Gerhard Limmer, Erwin Limmer, Roland Limmer, Stefan Limmer, Thomas Mews, Michael Münch, Harald Pensel, Winfried Pistor, Marco Ruppert, Bernhard Schmidt und Richard Ströbel

Die Vorsitzenden
1957 - 1961 Werner Herrmann
1961 - 1965 Hans Limmer
1965 - 2007 Heinrich Eber
2007 - 2013 Richard Ströbel
2013 - 2014 Hans Limmer (kommissarisch)
ab 2014 Vorstandsteam: Thomas Mews, Winfried Pistor, Gerhard Limmer und Hans Limmer (2015 ausgeschieden) sowie Michael Münch (ab 2015)