Dies ist eine Geschichte von großen Plänen, bitteren Enttäuschungen, persönlichen Animositäten, bürokratischen Schneckengängen - und einem Fünkchen Hoffnung.

Erster Akt: Die Vision

Die Baugenossenschaft Kulmbach und Umgebung will den Kulmbacher Stadtteil Blaich runderneuern. Sowohl in der Michel-Weiß-Straße als auch an der Hermann-Limmer-Straße sollen alte, marode Wohnblocks abgerissen und durch moderne, barrierefreie Wohnanlagen für Leute mit schmalem Geldbeutel ersetzt werden. Die Pläne sind fix und fertig.

Zweiter Akt: Das gescheiterte Bauvorhaben

Bei Abbrucharbeiten auf dem Areal an der Michel-Weiß-Straße im Herbst 2015 werden im Boden Müllablagerungen entdeckt. Hinweise aus der Bevölkerung legen die Vermutung nahe, dass Teile des Stadtteils Blaich auf einer ehemaligen Mülldeponie liegen, die bis etwa 1950 betrieben wurde. Bodenproben werden genommen, die den Verdacht erhärten. Die Bauarbeiten werden verschoben. Ein Gutachten soll klären, was da im Untergrund liegt - und wer die Beseitigung bezahlt.

Damit springt die bürokratische Maschinerie an. Sollte es sich um eine einstige städtische Deponie handeln, wäre die Stadt für die Beseitigung zuständig. Die Kosten könnten in die Hunderttausende gehen. Die Stadt könnte sich das finanzieren lassen: von der Gesellschaft für Altlastensanierung in Bayern (GAB). Bis die das Vorhaben genehmigt, geht viel Zeit ins Land. Ein entsprechendes Gutachten sollte schon Anfang 2020 fertig sein, steht aber immer noch aus (siehe Letzter Akt: Perspektive und Hoffnung)

Im Mai 2018 kochen die Wogen hoch. Die Baugenossenschaft untersagt ihren Mietern vorläufig die Gartennutzung und beklagt in einer Pressemitteilung den Stillstand. Man ist stinksauer auf die Stadt. Der damalige Kulmbacher Oberbürgermeister Henry Schramm (CSU) weist die Kritik höchst empört zurück. Udo Petzoldt, Vorstand der Baugenossenschaft, macht keinen Hehl daraus, dass sein Verhältnis zum Stadtoberhaupt schlecht ist.

Intermezzo: Der Spielplatz

Die Mülldeponie scheint größer gewesen zu sein als das Gelände, auf dem die Genossenschaftshäuser stehen. Auch auf dem Spielplatz an der Hugo-Hesse-Straße werden Bodenproben genommen. Anfang 2018 wird der Spielplatz gesperrt, einige Zeit später auch der Fußweg, der die Hugo-Hesse-Straße und die Blaicher Straße miteinander verbindet. Die Stadt Kulmbach meint zunächst, das Problem mit einem Bodenaustausch lösen zu können, verwirft diese Pläne aber. Anfang 2019 wird in der Pörbitscher Au ein neuer Spielplatz gebaut.

Nicht wenige Anwohner der Blaicher Straße, deren Gärten nach Süden gehen, fragen sich indessen, ob auch dort der Boden belastet ist.

Dritter Akt: Noch ein Bauvorhaben

In den Wohnblocks an der Ecke Ängerlein/Hermann-Limmer-Straße, kurz nach dem Krieg in Eile und preiswert errichtet, um Unterkünfte für Flüchtlinge zu schaffen, wird es zusehends ruhiger: Immer mehr Wohnungen stehen leer, werden nicht mehr vermietet. Die Baugenossenschaft will auch diese Häuser abreißen, um eine moderne Wohnanlage zu schaffen. Aber: Auch hier gibt es Hinweise auf Altlasten im Untergrund, die allerdings schwerer zu verifizieren sind.

Ab 1912 stand auf dem Areal, das nach Osten und Norden von der heutigen Friedrich-Ebert-Straße und der Caspar-Fischer-Straße begrenzt wird, der Kulmbacher Schlachthof; in der Nähe lagen Wohnungen und Kleingärten für Schlachthof-Mitarbeiter. Das zeigen alte Fotos, und das bestätigt auch eine 89-Jährige Kulmbacherin, die dort aufgewachsen ist. An eine Mülldeponie kann sie sich nicht erinnern.

Die Baugenossenschaft informiert schon 2016 das Landratsamt über ihre Vermutungen.Einmal mehr stellt sich die Frage: Wenn sich der Verdacht bestätigt - wer zahlt für die Beseitigung? Diese Frage ist bis dato noch nicht geklärt. Vorstand Udo Petzoldt will allerdings erfahren haben, dass das Areal mittlerweile ins Altlastenkataster eingetragen wurde. Wäre die Stadt zuständig, müsste sie auch hier Mittel bei der GAB beantragen.

Vierter Akt: Große Verärgerung

Bei der Baugenossenschaft wächst die Verärgerung. Immerhin geht es um viel Geld: Durch die Verzögerung entgehen der Baugenossenschaft Mieteinnahmen. "Der Schaden geht in die Millionen", sagt Vorstand Petzoldt. Er beklagt auch, dass in der Öffentlichkeit der Eindruck entstehe, als habe die Baugenossenschaft kein Interesse mehr an den Häusern und lasse diese verkommen.

Was Petzoldt besonders ärgert: In Sachen Altlasten wird seiner Ansicht nach mit zweierlei Maß gemessen. Sowohl ein Parkplatz am Beruflichen Schulzentrum als auch ein Bauvorhaben südlich der Hugo-Hesse-Straße seien durchgewunken worden. "Ohne Umweltprüfung!"

Um seinem Anliegen Nachdruck zu verleihen, bittet Udo Petzoldt die Bayerische Staatsministerin für Wohnen, Bau und Verkehr, Kerstin Schreyer, um Unterstützung.

Fünfter Akt: Die Plakat-Aktion

Dass das Verhältnis zwischen der Baugenossenschaft und der Stadt Kulmbach in den Jahren, in denen Henry Schramm (CSU) Oberbürgermeister war, nicht das beste war, ist in Kulmbach ein offenes Geheimnis. Auch jetzt, unter Oberbürgermeister Ingo Lehmann (SPD), scheint das beiderseitige Verhältnis nicht optimal zu sein: "Wirkliche Dialoge gibt es nicht", sagt Petzoldt. Weil sich die Sache nun schon annähernd fünf Jahre hinziehe, habe man sich zu einer Plakataktion entschlossen. "Aus Verzweiflung", so der Vorstand. An den Häusern in der Hermann-Limmer-Straße und in der Michel-Weiß-Straße hängen seit einiger Zeit großformatige Banner. "Warten auf Grün" steht auf einem. Was soviel heißt, wie: Die Baugenossenschaft könnte sofort loslegen. Anfragen potenzieller Mieter soll es reichlich geben.

Letzter Akt: Perspektive und Hoffnung

Eine Stellungnahme der Stadt Kulmbach lässt hoffen, dass sich in absehbarer Zeit etwas bewegt. Das Fachgutachten zur Detailuntersuchung des Bodens in der Michel-Weiß-Straße liege zwischenzeitlich vor, heißt es aus dem Rathaus. Noch müssten die beteiligten Fachbehörden ihre Stellungnahmen abgeben. Erst dann werde sich zeigen, ob für bestimmte Bereiche überhaupt Maßnahmen notwendig sind, und wenn ja, welche.

Im Januar, spätestens im Februar werde man soweit sein, der Bevölkerung die Ergebnisse präsentieren zu können. Zudem erhielten dann alle betroffenen Grundstückseigentümer ein Schreiben, in dem die Ergebnisse für das betreffende Grundstück detailliert dargestellt sind, so Pressesprecher Jonas Gleich.