Die Unsicherheit nagt am Nervenkostüm aller Beteiligten - Bewohner, Angehörige und nicht zuletzt Beschäftigte. Sie stellen sich die zentrale Frage: Wie geht es weiter mit dem Bürgerhospital, nachdem der Träger des Pflegeheims, die Arbeiterwohlfahrt, den Mietvertrag mit der Stadt gekündigt hat und vor zwei Wochen endgültig den Rückzug aus der Einrichtung verkündete?

OB Henry Schramm (CSU) betont, er sei "nach allem, was vorbesprochen war", von der Entscheidung des Awo-Kreisverbands und dessen Vorsitzender Inge Aures überrascht worden. Sie wiederum bekundet, man habe fristgerecht alle Verträge auslaufen lassen. Und: Keiner werde auf der Straße stehen. Sowohl die 31 Bewohner als auch die 30 Mitarbeiter haben das Angebot bekommen, ins generalsanierte Awo-Heim Am Rasen umzuziehen.

Das aber würde definitiv das Ende des Bürgerhospitals bedeuten. Eine Entwicklung, der sich Schramm vehement entgegenstemmt. Er kündigte an, dass Stadt und Bürgerhospitalstiftung sich - bei aller Kurzfristigkeit - um einen neuen Träger bemühen, um die Einrichtung im Stadtkern zu retten. Er signalisierte Bereitschaft seitens der Bürgerhospitalstiftung, dem neuen Träger bei der Modernisierung finanziell unter die Arme greifen zu wollen. Wer immer dieser Träger sein wird.

Am Montag lupfte Schramm den Schleier: "Ich habe beim BRK-Kreisverband angeklopft und gefragt, ob man sich eine Übernahme der Trägerschaft vorstellen kann." BRK-Kreisgeschäftsführer Jürgen Dippold bestätigte gegenüber der BR, man prüfe derzeit "unter Hochdruck" diese Möglichkeit. Es sei noch zu früh, Wasserstandsmeldungen abzugeben. "Wir müssen diverse Fragestellungen abarbeiten. All das stets unter der Voraussetzung, dass unser Kreisverband für eine solche Entscheidung letztlich grünes Licht gibt."

Ein Heim führen zu wollen, ist das eine. Doch es braucht dafür vor allem qualifiziertes Personal. "Da gibt es bestimmte Stellen- und Pflegeschlüssel, die der Betreiber zu erfüllen hat", sagt Dippold. Das BRK selber könne aus den eigenen Reihen die benötigten Fachkräfte nicht zur Verfügung stellen. "Insofern wäre es wichtig, dass wir möglichst viele - am besten wohl alle - Mitarbeiter der Awo übernehmen könnten." Derzeit beschäftigt die Arbeiterwohlfahrt 30 Mitarbeiter, 27 davon sind fest angestellt (viele arbeiten in Teilzeit). Allen wurde nach dem Ende im Bürgerhospital eine Übernahme angeboten.

Das würde das BRK offenbar auch tun, wie Dippold andeutet. "Das hängt natürlich auch von der künftigen Nutzungskonzeption ab. Da sind wir noch in der Planungsphase. Wir stehen aber im vertrauensvollen Kontakt mit dem Awo-Verband und haben vor, parallel dazu mit den Beschäftigten über ihre mögliche Zukunft im Bürgerhospital zu sprechen."


Bereitschaft signalisiert

Die Mitarbeiter scheinen dafür offen zu sein. BR-Recherchen im Umfeld der Einrichtung haben gezeigt: Nicht nur manche Bewohner wollen nicht aus dem Haus ausziehen (einige Angehörige machen sogar aktiv gegen eine Schließung mobil) - auch ein Großteil der Belegschaft möchte offenbar gern weitermachen. Selbst unter einem neuen Träger. Die Rede ist von zwei Drittel der Angestellten.

Deren sehnlichster Wunsch lautet: die Zeit der Spekulationen beenden und Fakten auf den Tisch legen, wer unter welchen Bedingungen das Haus weiterführen würde und dazu wirtschaftlich in der Lage ist. Die Verbundenheit zur Einrichtung und zu den Bewohnern sei sehr groß, sagt man der BR gegenüber. Namentlich zu erkennen geben will sich jedoch keiner; der Druck der vergangenen Tage sei immens gewesen.

Qualifizierte Mitarbeiter zu finden, das fällt auch den Arbeitgebern im Pflegebereich zunehmend schwerer. Die Branche hat, wie viele andere, mit einem Fachkräftemangel zu kämpfen. Das zeigen Zahlen aus dem Bericht der Agentur für Arbeit. Der wies zum Stichtag 30. September 2016 insgesamt 617 000 erwerbstätige Altenpflegekräfte in Deutschland aus, ein Großteil davon Frauen. Über die Hälfte arbeitet demnach in Teilzeit. Bundesweit bestehe, so die Agentur, ein Mangel an examinierten Altenpflegekräften. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum ist die Nachfrage um 17 Prozent (plus 2800 Stellen) gestiegen.

Das sagt die zuständige Heimaufsicht im Landratsamt

Uwe Oetter ist der zuständige Sachgebietsleiter im Landratsamt für den - wie es heißt - Fachbereich für Pflege- und Behinderteneinrichtungen, Qualitätsentwicklung und Aufsicht (FAQ). Als solcher berät er Verantwortliche, inwiefern die Vorgaben des 2008 in Kraft getretenen Pflege- und Wohnqualitätsgesetzes umzusetzen sind - und ob es berechtigte Ausnahmen davon für den Betreiber geben kann. Eine solche hatte die Awo für das Bürgerhospital.

"Zur Ausgestaltung des neues Gesetzes ist 2011 auch eine Ausführungsverordnung erlassen worden. Darin eingearbeitet sind bauliche Vorgaben an die Träger und deren Einrichtungen", erläutert Oetter. Sie verweisen dabei auf die DIN-Norm 18040/2, eine Vorschrift zur Barrierefreiheit. Sie besagt, dass es genügend uneingeschränkte Bewegungsflächen geben muss, auch für Menschen, die im Alltag auf Rollatoren oder Rollstühle angewiesen sind.

Der Gesetzgeber hat den Trägern eine Übergangsfrist eingeräumt, die Einrichtungen entsprechend anzupassen. "Wir als Heimaufsicht beraten beim Umbau. Wir können aber dort, wo die Umsetzung aufgrund technischer oder baulicher Gegebenheiten nicht oder nicht zeitnah möglich ist, gegebenenfalls Ausnahmen zulassen." Einen entsprechenden Antrag auf Ausnahmegenehmigung hatte der bisherige Träger, die Arbeiterwohlfahrt, jüngst zurückgezogen. Der Bescheid war bis dato nicht ergangen, die Awo hat den Mietvertrag mit der Stadt gekündigt. Seither ist es vonseiten der Heimaufsicht ein schwebendes Verfahren.

Ob ein neuer Träger sich auf den Status quo in Sachen Fristverlängerung beziehen kann? Oetter: "Wenn ein nahtloser Übergang gewährleistet ist und der neue Träger mit ähnlicher Konzeption aufwartet, dann können wir dem Nachfolger der Awo die gleichen Maßgaben einräumen. Das ist auch mit der Regierung so abgesprochen."
Das ändert freilich nichts daran, dass sich baulich im Bürgerhospital etwas tun muss.

"Einige Sachen lassen sich sicherlich relativ schnell auch bei laufendem Betrieb umsetzen", sagt Oetter. Er gibt aber zu bedenken: Wenn größere bauliche Veränderungen aufgrund der Gesetzeslage notwendig sind, "dann verlagern wir das mit einer Fristverlängerung eben in die Zukunft. Das aber muss dann die Stadt Kulmbach zusammen mit dem neuen Träger entscheiden. Wir gewähren die Ausnahme für maximal 15 Jahre, also bis 2031. Das ist relativ großzügig."