"Wir stehen jetzt wieder da, wo wir schon einmal standen", sagte Richter Christoph Berner nach der Beweisaufnahme am Amtsgericht mit einem Achselzucken. Vorher hatte er mit beständigem Nachfragen versucht, klare Aussagen der minderjährigen Zeuginnen zu erhalten - jedoch mit mäßigem Erfolg.

Der Hintergrund: Auf der Anklagebank saß ein 23-Jähriger aus dem Landkreis Kulmbach, der im Juni 2016 mit einer damals erst 13-Jährigen mehrere Zungenküsse ausgetauscht haben soll. Da Heranwachsende in Deutschland bis inklusive des 14. Lebensjahres als Kinder gelten, wurde er von der Staatsanwalt wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes angeklagt.


Erst Wodka, dann Knutschen

Zur strafbaren Situation kam es nach einem gemütlichen Abend, an dem reichlich Alkohol floss. "Auf dem Heimweg von einer Kneipe habe ich einen Kollegen getroffen", gab der Angeklagte an. Anschließend gingen sie zusammen in dessen Wohnung und tranken dort einige Gläser Wodka. Dabei waren neben weiteren erwachsenen Freundinnen und Freunden auch zwei damals zwölf- und 13-jährige Mädchen, die der Wohnungsbesitzer an diesem Tag kennengelernt hatte, dabei.

"Ich war irgendwann kaputt, habe mich hingelegt und ferngesehen. Dann kam sie dazu, schmiegte sich an mich und fing an, mich zu küssen", erzählte der Angeklagte. Die Initiative sei vom Mädchen ausgegangen, er habe sich aber nicht gewehrt. Ob es zu Zungenküssen oder "normalen" Küssen kam, wollte er zunächst nicht sagen, gab dann aber doch an, dass die Zunge mit im Spiel gewesen sei.


Alter angeblich nicht gekannt

"Damit ist es strafrechtlich relevant", kommentierte Richter Christoph Berner das Teil-Geständnis des 23-Jährigen, der einen Anklagepunkt jedoch vehement bestritt. "Ich habe sie auf 15, 16 geschätzt", gab der Angeklagte an. Das tatsächliche Alter der Mädchen habe er zum Tatzeitpunkt nicht gekannt.

Die Mädchen, die in der Tatnacht schon von der Polizei gesucht und kurz vor 3 Uhr dann in der Wohnung in Kulmbach gefunden wurden, hatten bei vorherigen Vernehmungen allerdings das Gegenteil behauptet. Ein Widerspruch, der ihre Befragung im Zeugenstand unumgänglich machte.

Eindeutige Klarheit brachten ihre Aussagen jedoch nicht: Die Ältere gab zu, den Angeklagten attraktiv gefunden zu haben. Weiter erzählte sie, dass sich nicht der Angeklagte, sondern der Wohnungsinhaber nach dem Alter der beiden Mädchen erkundigt habe und sie ihm korrekt geantwortet hätten.

Nach einigen Nachfragen des Richters gab sie zwar an, dass der 23-Jährige zu dieser Zeit im Wohnzimmer war, entlastete ihn aber mit der Aussage, dass der Fernseher lief und durcheinander gesprochen wurde; er das Gespräch also eventuell gar nicht mitbekommen habe.


Aussagen widersprechen sich

Die anschließende Aussage ihrer Freundin stellte jedoch einiges wieder auf den Kopf. Sie konnte sich an eine Frage im Wohnzimmer nicht erinnern, gab stattdessen an, dass nur ihre ältere Freundin vom Wohnungsinhaber nach dem Alter gefragt worden sei - und zwar früher am Tag, als man sich kennenlernte.

"Ich habe aber nicht genau darauf geachtet, wer da alles dabei stand", sagte das Mädchen, das viele Fragen mit "Weiß ich nicht" beantwortete. Richter Berner verlas anschließend das Protokoll ihrer polizeilichen Vernehmung, bei der sie ausgesagt hatte, dass der Wohnungsinhaber "und der Ding" nach dem Alter gefragt hätten. Richter und Staatsanwalt gingen im Vorfeld davon aus, dass sie mit "Ding" den Angeklagten meinten. Nach der Beweisaufnahme erschien dies aber unklar.

Deshalb verkündete Richter Berner den Beschluss, das Verfahren wegen Geringfügigkeit einzustellen, dem alle Beteiligten zustimmten. Zur Begründung sagte Berner, dass Zungenküsse eine leichte Form des sexuellen Missbrauchs darstellten und das Alter des Mädchens mit 13 am obersten Rand des geschützten Bereichs liege.

Die im mittleren vierstelligen Bereich liegenden Kosten des Verfahrens trägt die Staatskasse. Sie stiegen, da aufgrund eines schwerwiegenderen Anfangsverdachts bei der 13-Jährigen ein Blutgruppen-, ein medizinisches und ein psychologisches Gutachten durchgeführt wurden. Sämtliche Ergebnisse waren negativ, was den Angeklagten entlastete.