Die Schaufenster des kleinen Schuhlädchens am Bahnhofsplatz sind vollgeklebt mit riesigen Rabattankündigungen: 30 Prozent, 50 Prozent, 70 Prozent. Ausverkauf. Ulrike Hümmer (56) möchte das Traditionsgeschäft schließen. "Es ist schon schade, denn das Schuhgeschäft war 150 Jahre in Familienbesitz", sagt sie. Aber dennoch hat sie ihre Entscheidung getroffen und möchte sie nicht mehr rückgängig machen. "Die Leute kommen nur, wenn es Rabatte gibt. Das ist nicht nur bei uns so, sondern überall", sagt Hümmer.

Jungen kaufen im Internet

Tatsächlich ist der Laden voll. "Wenn es so weiter geht, dann sind die Regale schon früher leer. Bis Ende des Jahres soll der Ausverkauf über die Bühne sein", sagt Hümmer. "Jetzt geht mein Mann in Rente und ich möchte mich nicht kaputt machen. Es ist Zeit, aufzuhören", erklärt die Ladeninhaberin.
Ihr ist das Risiko einfach zu groß, erst investieren zu müssen und nie vorher planen zu können, wie viel und ob am Ende etwas übrig bleibt. "Am Monatsende bleibt nicht mehr übrig, als wenn ich angestellt wäre. Das war früher anders", klagt Hümmer. "Das Schlimmste ist der seelische Druck. Die alten Kunden, die immer gekommen sind, sterben weg und die jungen wachsen nicht nach. Die kaufen im Internet", erklärt Hümmer ihre Beweggründe für die Aufgabe.

Doch nicht nur das Schuhgeschäft Hümmer mitten in der Kronacher Innenstadt schließt, auch Jochen Deuber, Chef des Herrenausstatters Deuber, möchte Schluss machen. "Mit 68 Jahren ist es an der Zeit, einen Nachfolger zu suchen", sagt er. Die beiden Kinder der Familie Deuber haben ihre eigenen Existenzen. Die ältere Tochter Petra hat eine eigene Musikschule, die jüngere der beiden Deuber-Kinder lebt schon seit 17 Jahren auf Jamaika und hat dort ein Reisebüro und ein Taxiunternehmen. "Eigentlich sollte sie das Geschäft übernehmen, aber die kommt nicht zurück", sagt Jochen Deuber ohne Groll.

Deshalb sucht er jetzt einen Nachfolger, mit Hilfe von Zeitungsanzeigen. "Ich habe schon eine gute Resonanz bekommen, aber ich möchte mir die Leute anschauen. Denn mein Nachfolger soll das Geschäft auch in meinem Sinne weiterführen", wünscht sich der 68-Jährige. Und das bedeutet: Deuber wünscht sich, dass auch in Zukunft hochwertige Männermode - auch in Übergrößen - angeboten wird.

"Es wäre natürlich auch schön, wenn mein Nachfolger ein bisschen Einzelhandelserfahrung hätte. Aber für die Einarbeitung stehe ich gerne zur Verfügung. Ich helfe auch beim Ordern und bei der Beratung. Vielleicht würde ich sogar aushelfen", sagt Deuber.

Kaufverhalten hat sich verändert

"Bis jetzt haben sich schon eine Handvoll Interessenten gemeldet", verrät er. Doch noch keinen der Bewerber kennt er persönlich. Denn erst in den nächsten Tagen sollen die persönlichen Gespräche stattfinden. Deuber möchte allerdings für sein eingerichtetes Geschäft eine Ablöse. "Aber die Einrichtung und die Büroausstattung sind ja alles vorhanden. Mein Nachfolger muss nur kommen und den vorhandenen Laden weiterführen", sagt Deuber.

Doch wie läuft eigentlich das Geschäft? "Die Miete ist sehr günstig und wir konnten immer sehr gut von dem Geschäft leben", sagt Deuber. Natürlich hat auch der Einzelhändler die Eurokrise erleben müssen. "Ja, das Kaufverhalten hat sich seit der Einführung des Euro verändert, aber unsere Kunden kommen immer wieder und sie gehen oft nicht nur mit einem Teil hinaus, sondern mit zwei Tüten", sagt Deuber und will sich nicht beschweren. "Das Geschäft ist eine sichere Existenz, allerdings sollte es als Familienbetrieb geführt werden - so wie wir es auch immer gemacht haben", so der Herrenausstatter.

Jochen Deuber hat erst vor wenigen Wochen das 40-jährige Bestehen der Firma gefeiert. Derzeit gewährt er Jubiläumsrabatte und die Kunden geben sich die Klinke in die Hand. Viele Frauen kaufen für ihre Männer. "Mir würde das Herz bluten, wenn ich einen Ausverkauf machen müsste. Vor allem täte es mir für meine Kunden leid", sagt Deuber.