An der Kreuzung bei der "Frischen Quelle" stehen aus allen vier Richtungen Autos an. Zwei hier, drei dort, da nochmal zwei und schließlich an der vierten Einmündung mein Wagen. Es ist 21.01 Uhr und noch so ein Betrieb? Eigentlich müsste wegen der Ausgangsbeschränkungen doch Ruhe auf den Straßen herrschen. Nehmen die Kronacher die Auflagen im Kampf gegen die Pandemie etwa nicht ernst? Ich will es genau wissen und unternehme deshalb einen kleinen Streifzug durch den Landkreis.

Kurz zuvor war ich noch bei einem Pressetermin in der Polizeiinspektion Kronach zu Gast. Ich erinnere mich in diesem Moment an eine Aussage von Polizeichef Matthias Schuhbäck, wie groß das Verständnis der Menschen für die Einschränkungen wegen der Pandemie ist. Mit einem maskenverhüllten Schmunzeln stellte er fest: "Da gilt für mich die 80/20-Regel. 80 Prozent sagen, die Situation ist eben so. 20 Prozent haben den Ernst der Lage nicht parat."

Nur ein Zufall

Treffe ich an dieser Kreuzung gerade auf jene 20 Prozent, die nach Schlupflöchern suchen? Oder ist es purer Zufall, dass da schon wieder drei Autos näherkommen? Wenige Hundert Meter weiter bekomme ich die Antwort. Die Fahrzeuge verschwinden so schnell aus dem Blickfeld, wie sie gekommen waren. Es folgen keine mehr nach. Ich fahre völlig alleine über die Spitalbrücke in die Innenstadt.

Keine Menschenseele verliert sich dort auf dem Pflaster. Ich knipse einen leer gefegten Marienplatz. In diesen Minuten passieren mich gerade mal zwei Fahrzeuge. Einmal ein Firmenwagen. Dann doch einer, der wohl eher den 20 Prozent zuzurechnen ist. Der tiefergelegte, silberne Flitzer biegt mit flottem Fahrstil schlitternd in die Schwedenstraße ein und ist im Nu verschwunden. Es herrscht wieder absolute Ruhe.

Ein Zeichen von Vernunft

Auch in der Oberen Stadt sieht es nicht anders aus. Die Weihnachtsbeleuchtung über der Straße strahlt goldgelb auf die Fahrzeuge darunter. Bei keinem Auto gehen die Lichter an, in keinem sitzt ein Fahrer. Die Polizei darf hoffen, dass es in Kronach also sogar mehr als 80 Prozent der Bürger gibt, die bewusst und vernünftig mit der Situation umgehen.

Eine Hoffnung, die Matthias Schuhbäck teilt. "Selbst als es noch keine Pflicht war, haben wir fast keinen ohne Maske angetroffen", erinnert er sich an die Anfänge der Pandemiebekämpfung. "Das zeigte schon, dass wir eine Bevölkerung im Landkreis haben, die weiß, worum es geht."

"Landkreis" ist mein Stichwort. Ist Kronach vielleicht die rühmliche Ausnahme? Meine Fahrt führt weiter über Neuses, Theisenort und Tüschnitz nach Küps. Der Pkw-Verkehr ist sehr überschaubar. Selbst Lastwagen begegnen mir nur wenige. Bei der Fahrt durch Theisenort stechen mir die vielen geschmückten Häuser heuer besonders ins Auge. Die Dunkelheit lenkt den Blick auf die festlichen Beleuchtungen, wo sonst Scheinwerfer und Rücklichter abgelenkt haben.

Meine Stimmung pendelt bei dieser Nachtfahrt zwischen Besinnlichkeit und Unbehagen. Denn so schön die schillernde Dekoration am Straßenrand auch wirkt, so seltsam muten die verwaisten Gehsteige davor an. Und außerhalb der Ortschaften wird es dann zappenduster. Ich bin inzwischen gefühlt alleine unterwegs. Kaum ein Auto taucht auf. Und gerade einmal drei Fußgänger treffe ich während der 75-minütigen "Journalisten-Streife" im südlichen Landkreis: zwei Arbeiter, die sich auf den Nachhauseweg machen, ein Mann der noch eine Gassirunde mit seinem Hund dreht.

Die Menschen haben es offensichtlich wirklich "schnell umrissen", dass es in diesem Advent ernst zugeht, man gegenseitig Acht aufeinander geben muss, wie Schuhbäck es formulierte. Die Erfahrungen aus dem Frühjahr hätten da möglicherweise positiv gewirkt, vermutete er. Die Leute wüssten inzwischen, was es mit der Pandemie und dem Lockdown auf sich hat. "Manche Diskussionen von damals sind jetzt hinfällig."

Entscheidende Tage

Der Polizeichef und seine Kollegen hoffen nur, dass die Vernunft anhält. Das würde beiden Seiten das Leben leichter machen und die Mitmenschen schützen. Die erste Nagelprobe für diesen Wunsch wird es an Weihnachten geben. "Ein paar werden's halt probieren", fürchtet Schuhbäck, dass doch einige über die Stränge schlagen könnten. Dann folgt der stille Silvesterabend als zweite Bewährungsprobe. Doch die jetzigen Erfahrungen lassen den Polizisten zuversichtlich nach vorne schauen. "Ich gehe davon aus, dass es nur eine Minderheit sein wird, die nach Schlupflöchern suchen wird. Wichtig ist jetzt, dass wir uns auf die Gemeinschaft einschwören."

Im Kreis trifft er mit diesem Anliegen zumindest zu Beginn des harten Lockdowns anscheinend auf offene Ohren. In diesem Sinne fahre ich jetzt meinen Wagen in die Garage. Und da bleibt er nach Dienstschluss.