Rolf Hering ist kein Designer, wie man ihn von den Mode-Laufstegen der Welt kennt oder ihn sich weithin vorstellt: durchgeknallt, chaotisch. Vielmehr sagt er von sich selbst, er stelle die Funktionalität in den Vordergrund und habe eine Liebe für das technische Detail.
Trotzdem ist seine wichtigste Fähigkeit natürlich die Kreativität. Und dafür wurde er vor kurzem gleich doppelt preisgekrönt.

Hauptsächlich ist Hering in der Kosmetikbranche tätig. Er holt einen Parfumflakon vom Sideboard. "Das ist ein Männerparfum, das der Schweizer Taschenmesserhersteller Victorinox auf den Markt gebracht hat und das Mann mit aufs Matterhorn nehmen können soll", sagt er und erklärt anhand dessen seine Arbeitsweise: Der Duft ist die erste Information, die er in diesem Fall hat. Danach sammelt er so viele Informationen über den Hersteller und dessen Image, wie es nur geht.
"Dann muss ich natürlich auch die Fakten wissen: Wie hoch ist die Auflage? Wie viel Geld darf der Entwurf kosten? Welche Materialien dürfen verwendet werden?", erklärt Hering. Nicht zu vergessen die sogenannten Soft-Facts wie beispielsweise die Zielgruppe.

Wenn der Designer all das gesammelt hat, entstehe bei ihm schon eine Vision von dem Produkt - und diese gelte es dann "vom Hirn über den Arm auf das Papier zu bringen". Hering nutzt nämlich noch die klassische Art des Skizzierens auf Papier. "Aber das mache ich nur für mich selbst, das bekommen meine Kunden nicht zu sehen. Ich übertrage das dann im Computer gleich in 3D, so dass der Kunde gleich ein reales Ergebnis sieht."
Dem Taschenmesserhersteller präsentierte Hering einen kleinen Flakon, den man immer wieder auffüllen und an einem Karabinerhaken sogar mit auf den Gipfel tragen kann. "Talking design", nennt sich das. "Damit trägt man die Geschichte des Unternehmens nach außen." Für einen Entwurf, den er seinem Kunden vorlegt, braucht Hering drei Tage, denn am liebsten arbeitet er unter Druck.

Hering arbeitete nach seinem Studium zum Produktgestalter in der Designabteilung bei Siemens in München, beschäftigte sich mit der Entwicklung von Computern, Handys und anderen elektronischen Geräten. Eine Zeit lang durfte er dort sogar Designforschung mit betreiben. 1988 kehrte er in seine Heimatstadt Kronach zurück und machte sich im Januar 1989 selbstständig.

"Im Rückblick war das die beste Entscheidung", sagt er heute. "Ich habe zwar weiter freiberuflich für Siemens gearbeitet, aber ich habe auch klassisches Klingelputzen gemacht", erinnert er sich. Nach und nach habe er immer mehr Kunden aus dem Landkreis bekommen, zum Beispiel aus der Glas- und Kunststoffindustrie. Zuerst seien diese Unternehmen seine direkten Auftraggeber gewesen, weil sie selbst keine eigene Designkompetenz im Haus hatten. Mittlerweile sei es so, dass die internationalen Endkunden sich gleich direkt an ihn wenden.
Sein Spezialgebiet ist die Kosmetikbranche. "In dieser Branche wird viel Wert auf Design gelegt und viel Geld dafür ausgegeben. Da hat das Design einen besonderen Stellenwert, weil die Verpackung der Transporteur dafür ist, was man dem Kunden mitteilen will." So sei bei Parfums der finanzielle Aufwand für den Flakon oft sieben- bis achtmal so hoch wie der für den Duft selbst. "An diesen Verhältnissen sieht man wie entscheidend die Verpackung ist." Das gilt auch für Herings jüngsten Auftrag: ein Parfum aus Schweizer Kräutern und Blumen. So befindet sich auf dem Flakon ein quadratisches Stück Filz, das die Schweizer Flagge zeigt. Und in der Verpackung - ebenfalls aus Filz - ist ein sogenanntes seed paper enthalten. "Das ist ein Samen. Wenn man das Parfum auspackt, in die Verpackung etwas Erde gibt und diese anfeuchtet, dann wächst eine Schweizer Blume, die auch in dem Duft enthalten ist", erklärt Hering.

Bezahlt wird Herings Arbeit meist nach einem gewissen Honorarsatz. Eine andere Möglichkeit ist aber auch, dass er ein gewisses Mindesthonorar erhält sowie an der Lizenz des Produktes beteiligt ist.
In der Parfumbranche hat der Designer natürlich auch mit Stars und Sternchen zu tun, die gerne ihr eigenes Parfum auf den Markt bringen würden. Mit solchen zu arbeiten, bezeichnet der Designer als "Horror". Da erinnert er sich lieber an das am meisten verkaufte Produkt, das er designt hat: eine Farbdose für den Modellbauhersteller Revell. Oder an sein erstes entworfenes Produkt im Jahr 1983, mit dem er auch seinen ersten Preis gewonnen hat. Auf den ersten Blick erinnert es in seiner Form an den runden Babybel-Käse. Doch vielmehr handelt es sich dabei um ein Schutzbehältnis für Ohrstöpsel.
Hering designt zwar hauptsächlich, aber eben nicht nur für die Kosmetikindustrie. So gehören zu seinen Kunden beispielsweise auch ein Medizintechnikhersteller oder die Firma Sitec in Hummendorf, die sich der Sicherheitstechnik verschrieben hat. Für Siemens galt es auch einmal, einen Zahnarztstuhl zu designen, der die ergonomischen Probleme von Arzt und Patient berücksichtigt.

Derzeit befasst sich Hering auch mit Gießkannen. "Die Firma Rokiplast hat mich beauftragt, eine Gießkanne zu entwickeln, die produktionstechnisch exakt zu einer vorhandenen Maschinen passt. Sie ist der Grundstein einer neuen, designorientierten Produktlinie, die unter einer eigenen Marke vertrieben werden soll.

Fahrzeug- und klassisches Modedesign - das sind die zwei Spezialgebiete, die Hering nicht interessieren. "Aber ansonsten gibt es kein Produkt, bei dem ich mich nicht freuen würde, das Design entwickeln zu dürfen", sagt er. Besonders reizt ihn derzeit eines: das Design für Produkte herzustellen, die in einem sogenannten 3D-Drucker - eine Maschine, die dreidimensionale Werkstücke aufbaut - vor Ort entstehen. Rapid manufacturing nennt sich das in der Fachsprache. Das bedeutet, dass ein Produkt werkzeuglos und quasi in einem Guss hergestellt wird. "Das bietet ganz neue technische Möglichkeiten."

Da kommt er wieder durch der Designer, der "die Funktionalität in den Vordergrund stellt und eine Liebe für das technische Detail" hat. Es überrascht bei Hering nicht, dass er als wichtigste Voraussetzungen für einen Designer folgende Eigenschaften nennt: Geduld, Talent zur Umsetzung, den Wunsch, nach dem Grundsätzlichen zu suchen - und technisches Verständnis natürlich.

Zwei Preise für Hering

Red dot award Rolf Hering hat innerhalb weniger Wochen gleich zwei bedeutungsvolle Preise gewonnen. Einer davon ist der wohl wichtigste Designpreis - der "Red dot award". Und zwar für das Design einer Kunststoff-Flaschenserie, die er für den dänischen Kosmetikhersteller "iD-Hair" entwickelt hat.
"Produziert wurden die Kunststoffflaschen von der Firma Rebhan aus Stockheim. Da ich mit der Firma Rebhan schon lange zusammenarbeite, ist der Kontakt entstanden", erklärt der selbstständige Designer, wie es überhaupt zu dem preisgekrönten Produkt kam und wer seine Partner dabei sind.

Bewerbungen Allein in der Kategorie "communication", in der er er den Preis bekommen hat, habe es 7000 Bewerbungen gegeben. Knapp unter 400 haben einen Preis erhalten. "Die Bewerbungen für den ,Red dot award' kommen aus der ganzen Welt, vor allem bewerben sich viele Asiaten darum, weil sie sich dadurch den Eintritt in den europäischen Markt erhoffen", weiß Hering.

Pentawards Der wohl bekannteste Preis in der Verpackungsindustrie ist der "Penta wards". Und kaum war Hering von der Verleihung des "Red dot awards" in Berlin zurück, wartete bereits diese Auszeichnung auf ihn. In der Kategorie "Konzept-Ökologie" erhielt er den "Pentawards" in Bronze - für ein neues Fertigungsverfahren für Kunststoffflaschen.
Verfahren Diese Entwicklung geht zwar weit über den normalen Arbeitsbereich eines Designers hinaus - nicht aber über den des technisch interessierten Rolf Hering. "Es handelt sich um eine Kombination aus zwei bekannten Herstellungsverfahren, wodurch Material und Energie eingespart wird", erklärt der Designer. Dabei müsse der Kunststoff nicht wie bisher zweimal, sondern lediglich einmal erwärmt werden, so dass sich eine Energieeinsparung von 40 Prozent ergibt.

Umsetzung Für die Umsetzung dieses Verfahrens hat sich, so Hering, bereits ein Team aus Konstrukteuren, Werkzeugbauern und Maschinenbauherstellern mit ihm zusammengefunden.