Wie eine typische Rebellin oder Aktivistin wirkt sie nicht, wenn sie zu Hause an ihrem Küchentisch sitzt. Jede Ecke des Raumes, jede Zeichnung am Kühlschrank, jedes vielleicht hastig in die Ecke geräumte Spielzeug verrät, was Claire Funke in erster Linie ist: Mutter von zwei Söhnen (3 und 10).

In dieser Rolle wird die 44-Jährige auch am Samstag in Berlin vor dem Brandenburger Tor stehen. Gleichzeitig allerdings auch in zwei weiteren: als Rebellin und Aktivistin. Gemeinsam mit anderen Alleinerziehenden wird sie eine Demonstration anführen: gegen Kinderarmut. Gegen Altersarmut.

Und dagegen, dass die Erziehungs- und Fürsorgearbeit, die Mütter tagtäglich leisten, vom Staat nicht als Arbeit anerkannt wird.


Von der Mutter zur Rebellin

Der Weg vom Küchentisch zur Kundgebung - ein langer. "Ich war sehr lange ein sehr angepasster Mensch", erzählt Funke. Irgendwann sei sie an den Punkt gekommen, an dem sie sich so weit von sich selbst entfernt hatte, dass sie rebellieren musste. "Und das habe ich in meinem Leben oft nicht auf die richtige Art und Weise getan."

Mit Anfang 30 wird sie zum ersten Mal Mutter - ein geplantes Wunschkind. Als ihr Lebensgefährte sie verlässt, fällt sie aus allen Wolken. Aber es funktioniert. Sie geht arbeiten, organisiert den Berufsalltag um ihren Sohn herum. "Ich habe mich viele Jahre angepasst und versucht, irgendwie durchzukommen - ich habe mich auch geschämt."

Sie frisst viel in sich hinein - bis der Körper die Überforderung auch nach außen trägt. Lange Jahre leidet die Mutter an Neurodermitis, durch die vielen Spritzen während der Behandlung entwickelt sich ein Abszess. Funke muss dreimal operiert werden.

Frisch getrennt, frisch operiert und mit Vollzeitjob nimmt die Überforderung überhand. "Da bist du fertig - da brauchst du Hilfe", sagt Funke heute. Die sucht sie damals beim Vater des Kindes. "Ich konnte nicht mehr. Ich wollte, dass er seinen Sohn für ein paar Tage nimmt", erzählt sie. "Ich hab gesagt: Nimm dein Kind und geh - und bin aus der Wohnung geflüchtet." Der Vater verständigt die Polizei, Funke verbringt diese Nacht in der Psychiatrie. Statt Hilfe angeboten zu bekommen, bringt man ihr dort Unverständnis entgegen. "Der Staat hat es nicht vorgesehen, dass Eltern in eine solche Lage kommen",sagt sie. Viele Alleinerziehende seien überfordert - nicht weil sie faul oder naiv sind - sondern weil es schlichtweg zu viel werde.

Eine Ursache sieht sie in der Änderung des Unterhaltsrechts 2008. Demnach endet das Anrecht auf Betreuungsunterhalt für die Mutter mit dem dritten Lebensjahr des Kindes. Ab dann ist ihr Vollzeitarbeit zuzutrauen. "Das System geht nicht auf Kinder ein - die haben sich dem Arbeitsmarkt anzupassen." Sie geht weiter arbeiten, doch die Rebellin in ihr wächst.

Mit Ende 30 wird sie zum zweiten Mal Mutter - ein ungeplantes Wunschkind. Seitdem ist sie alleinerziehend mit zwei Kindern. Funke arbeitet schon damals in der Erwachsenenbildung, wo befristete Arbeitsverträge Regel sind. Die große Unsicherheit, wie es nach der Elternzeit weitergeht, ist nur ein Grund, der Funke damals an das Ende ihrer Kräfte bringt. Als ihr jüngster Sohn acht Monate alt ist, bricht sie zusammen - kann nicht mehr. Von den Vätern kann sie wenig erwarten, deshalb kontaktiert sie das Jugendamt. Sie gibt ihre Kinder in eine Pflegefamilie, erklärt ihrem älteren Sohn, ihr Akku sei leer.


Der Wendepunkt

Nach drei beziehungsweise vier Wochen sind ihre Jungs zurück. Für Funke ist das ein wichtiger Punkt der Umkehr. Sie beschließt, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen, die Frauenzeitschrift "Brigitte" porträtiert sie.

"Das war die Initialzündung", sagt sie. "So habe ich wieder Kontrolle über mein Leben zurückbekommen." Denn sie lernt, dass es viele Frauen in ähnlichen Situationen gibt. "Die ganze Zeit habe ich mich selbst abgewertet." Über Foren und Gruppen im Internet findet sie wieder Mut, sie beschäftigt sich mit Lebensgeschichten und Schicksalen anderer gut ausgebildeter Frauen, die mit dem Spagat zwischen Arbeitswelt und Kindererziehung überfordert sind. Nach und nach lässt sie ihr individuelles Versagen los.


Mama bloggt

Sie beginnt selbst zu schreiben, auf ihrem Blog "Mama streikt". Sie schreibt über den Alltag einer Alleinerziehenden, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und vor allem darüber, dass die Care-Arbeit, also die Pflege von Angehörigen und Kindern, sichtbar werden muss. "Es ist Arbeit, wenn ich mich um meine Kinder kümmere", sagt sie. Natürlich mache sie es gerne, mache es aus Liebe. "Aber von meiner Liebe können meine Kinder nicht leben." Im Nachhinein sagt sie, wäre ihr Zusammenbruch vielleicht nicht so vehement ausgefallen, wenn auf sie nach der Elternzeit mehr Sicherheit, eine Alternative zu Arbeitslosigkeit und Hartz IV gewartet hätte.

"Dass ich mich um meine Kinder kümmern will, darf mich nicht arm machen", so Funke. Und es dürfe sie auf dem Arbeitsmarkt nicht benachteiligen. Deshalb fordert sie mit einer Online-Petition und auf der Demonstration ein sogenanntes Fürsorge-Gehalt. Dieses soll für einen Elternteil in angemessener Höhe für mindestens zwölf Jahre pro Kind gezahlt werden und flexibel mit Teilzeitarbeit kombinierbar sein. Auch pflegende Angehörige sollen so künftig abgesichert werden.

"Es wird uns unnötig schwer gemacht, arbeiten zu gehen und uns gleichzeitig ausreichend um die Kinder zu kümmern", so Funke. Nachdem ihr letzter befristeter Arbeitsvertrag nicht verlängert wurde, hat sie den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. In der Erwachsenenbildung habe sie fast zehn Jahre Menschen bei beruflichen Veränderungsprozessen begleitet und bietet nun Beratungen in diesem Bereich an. Der Existenzgründerzuschuss des Arbeitsamtes läuft in diesem Jahr aus - für danach hat sie noch keine konkreten Pläne. Doch im Gegensatz zu früher sei sie dieser Unsicherheit nicht mehr hilflos ausgeliefert, sagt die Funke. "Durch den Blog habe ich eine Ausdrucksmöglichkeit", erzählt sie, vor allem an Tagen, an denen die Energie aufgebraucht ist. "Es darf nicht mehr passieren, dass ich in ein Loch falle." Aus der großen Resonanz auf Petition und Demo und vom Zuspruch durch Gleichgesinnte ziehe sie viel Kraft.

Natürlich hofft Funke, dass ihre Forderungen gehört werden. "Wir brauchen Zeit für Fürsorgearbeit und gleichzeitig auch finanzielle Unterstützung", sagt Funke, "das ist meine Forderung - das muss in die Mitte der Gesellschaft."