Ingo Cesaro gilt als einer der bekanntesten Haiku-Publizisten im deutschsprachigen Raum. Und obwohl er in seinem Leben viel herumgereist ist, blieb er seiner Geburtsstadt Kronach treu. Am Freitag feiert Cesaro nun seinen 75. Geburtstag.

Der Tisch in seiner Wohnung ist voller Publikationen. "Das habe ich alles im vergangenen Jahr verfasst und 2016 in Buchform veröffentlicht", sagt Cesaro voller Solz. Zu sehen ist auch ein Leporello, ein Faltbuch, das in Form eines langen Papierstreifens ziehharmonikaartig zusammengelegt ist. Stolz ist der 74-Jährige auch auf seinen "Babylon-Projekt"-Gedichtband. Klappt man diesen auf, stellt sich der "Turmbau zu Babel" auf.

Viele Veröffentlichungen sind sehr aufwendig gestaltet. Insgesamt hat der Künstler weit über 200 Einzelveröffentlichungen, darunter Lyrik, dreizeilige Kurzgedichte in Haiku-Form, Kurzprosa und Kinderbücher, verfasst.
Weiterhin sind über 500 Anthologien und Sammelbänder im In- und Ausland erschienen, zu denen Cesaro Gedichte beigesteuert hat. Außerdem gibt es eine außergewöhnliche Edition mit rund 30 großformatigen und bibliophilen Bänden mit Engel-Gedichten, um nur einen kleinen Überblick über seine Werke zu geben. Cesaro ist an Schulen und Universitäten im In- und Ausland unterwegs, um Heranwachsenden über das Schreiben das Lesen näher zu bringen. "Das Schreiben ist mein Leben", bringt es Ingo Cesaro auf den Punkt. Er denkt noch lange nicht an ein Rentnerleben. "Ich fühle mich auch nicht wie 75 Jahre."


Übers Radio zum Schreiben

In seiner Kindheit hatte Ingo Cesaro mit dem Schreiben noch nichts am Hut. Erst als Jugendlicher fand er Gefallen daran. "Ich bin mit Hörspielen aufgewachsen." Und er glaubt, dass er durch das Radio über die Sprache zum Schreiben gekommen ist. Seine Inspirationen holt er sich, so betont der Schriftsteller, "indem ich in die Welt hinausschaue". Und er gesteht: "In meinem Kopf schreibe ich immer." Er spricht davon, dass er seine Gedanken mit einem Bleistift auf einem Blatt Papier festhält. Danach tippt er den Text mit der Schreibmaschine ab. Oftmals gibt es anschließend zehn und noch mehr Fassungen, bis ein Gedicht vollendet ist. Es gibt Gedichte, so erklärt Cesaro, die stehen in ihrer endgültigen Form innerhalb von zwei Wochen. "Für andere benötige ich Monate, manchmal auch Jahre."

Mit seinen Werken will Cesaro Aufmerksamkeit erzeugen und auf Missstände hinweisen. Er beschreibt sich selbst als "politischen Autor", der zum Nachdenken anregen will. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit sind deshalb auch politische Gedichte. Hier orientiert sich der Künstler an realistischen Gegebenheiten. Beispielsweise fragt er in einem Gedicht nach, wo denn die Engel waren, als in Persien ein 14-jähriges Mädchen aufgehängt wird, weil sie ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann gehabt haben soll.

Der Super-Gau von Tschernobyl beschäftigt den Kronacher auch noch 30 Jahre danach. So hätte ihn ein russischer Kollege unmittelbar nach der Katastrophe auf die Offenbarung des Johannes unter "Das siebte Siegel" und "Die ersten sechs Posaunen" aufmerksam gemacht. Hier ist von einem Wermut-Stern die Rede, der vom Himmel fällt. Wermut-Stern heißt auf ukrainisch "Tschernobyl", und das obwohl Tschernobyl 1196 erstmals urkundlich erwähnt wurde.


Internationale Messe

Seinen Geburtstag wird Ingo Cesaro in Frauenfeld in der Schweiz feiern, wo die internationale Buch- und Druckkunst-Messe stattfindet. Der Kronacher wird dort nicht nur die von ihm herausgegebene bibliophile Edition "Mein Kopfkissenbuch" des Schweizers Beat Brechbühl vorstellen und lesen, sondern mit seiner "mobilen Handpresse" vor Ort auch aktiv werden. Die Besucher können also selbst ihre Gedichte mit Bleisatz setzen und auf der Handnudel drucken.

Der Dichter kannte und kennt viele nationale und internationale Berühmtheiten in der Literaturszene. Und trotzdem ist er mit Aunahme der Jahre 1960 bis 1975 seiner Heimatstadt treu geblieben. Er habe schon manchmal über einen Wechsel seines Lebensmittelpunktes nachgedacht, räumt er ein, aber letztendlich überwog die Lebensqualität, die man in Kronach finde. Ein anderer Grund seien die familiären Bindungen. Stolz ist er auf seine Frau Gisela: "Sie ist meine heimliche Sekretärin." Sie erledige all das, was er unterwegs nicht schaffe. Mittlerweile hat Cesaro auch in Kronach Spuren hinterlassen. So betreut er konzeptionell unter anderem die Galerie EINblicke und organisiert verschiedene Ausstellungsprojekte. Er entwickelte das Konzept für den Lucas-Cranach-Preis der Stadt Kronach, dessen Gesamtorganisation er 2011 wieder übernommen hat. Seit 20 Jahren organisiert er das Internationale Kunstprojekt "HolzART" und seit vielen Jahren auch die Lauensteiner Werkstätten. Außerdem ist er stellvertretender Cranach-Beauftragter, Stiftungsrat der Bürgerstiftung "Historisches Kronach", Vorsitzender des Vereins "Regionale Kunstförderung Kronach". Und er schrieb auch für die WDR-Fernsehserie "Sendung mit der Maus" drei Bildergeschichten und verfasste Texte fürs politische Kabarett "Die Stachelbären". Und damit ist die Liste seiner Leistung längst nicht vollständig...