Es war wie bei jedem Gottesdienst - und doch war am Sonntag auch vieles anders. In der Hirschfelder Marienkirche fand nach acht Wochen Pause wieder ein Gottesdienst statt. Nur 50 Gläubige waren zugelassen. Es musste ja Abstand gewahrt werden.

"Ich freue mich, mit Euch wieder einen Gottesdienst feiern zu können", begrüßte Pfarrer Cyriac Chittukalam die Gläubigen. Seine Predigt stand ganz im Zeichen von Corona, von den damit verbundenen Veränderungen, von Einschnitten im Alltag, von Hoffnung und Zuversicht. "Euer Herz sei ohne Angst, lasst Euch nicht verwirren - lasst Euch nicht aus der Fassung bringen!", appellierte er an die Kirchenbesucher.

Über Ängste gesprochen

Der Geistliche sprach die Ängste vieler Menschen an und versuchte Mut zu machen. Wie wird diese Welt aussehen? Wird sich die Wirtschaft wieder erholen? Verliere ich meine Existenz? Was ist mit Klimaschutz, Artenvielfalt, den Flüchtlingsströmen? Kommt eine zweite Coronawelle? Es sei leicht gesagt, dass man ohne Ängste leben sollte. Dennoch, so Chittukalam, sollte einem bewusst sein: "Gegen Angst hilft nur eins, nämlich Vertrauen zu Gott und Zuversicht!" Es komme vor, dass sich manche Gegebenheiten zum Guten entwickeln. Auch für ihn sei es eine ungewöhnliche Situation, beteuerte er. Er befasse sich viel damit. So sei auch seine Predigt entstanden.

In den Fürbitten wurde an viele Aspekte gedacht: an die Entscheidungsträger in der Politik, an die Ärzte und Krankenpfleger, an überforderte Eltern, an Aggression und Gewalt, die es aufgrund der Ausgangsbeschränkungen in manchen Familien gibt. Es wurde dafür gebetet, dass sich die Menschen bald wieder ohne Beschränkungen treffen können, dass die Politik die richtigen Entscheidungen fällt und dass Gottesdienste wieder in gewohnter Weise stattfinden können.

Einen Gottesdienst zu besuchen, sei doch etwas anderes, als einen im Fernsehen mitzuerleben, sagte Carmen Fehn nach der Messe. Sie lobte die Besucher: Alle seien diszipliniert gewesen und hätten die Vorsichtsmaßnahmen eingehalten.

Man könne den Pfarrer zu seiner Predigt nur gratulieren, meinte Roswitha Kühr. Zudem freue sie sich, dass er trotz Corona und den Beschränkungen auch an die Mütter gedacht habe.

Ein etwas zwiespältiges Gefühl verspürte Pfarrgemeinderatsvorsitzende Loretta Herrmann. Vor allem am Freitagabend, als in der Kirche die Abstände markiert und Platzkarten an den Bänken angebracht wurden. Es fehle einfach der normale Gottesdienstablauf. Sie sei aber auch dankbar dafür, dass nun wieder Gottesdienste stattfinden können. Insgesamt "überwiegt die Freude!"

Der persönliche Blickwinkel

Und wie ging es mir bei meinem ersten Gottesdienstbesuch in Coronazeiten? Die Atmosphäre wirkte für mich vertraut und gleichzeitig befremdlich. Vor Beginn der Messe gab ich meine Anmeldung bei Günter Fehn ab und desinfizierte meine Hände. In jeder zweiten Reihe waren in jeder Bank drei Platzmarken angebracht. Die Gottesdienstbesucher trugen Schutzmasken. Der Organist spielte Kirchenlieder, gesungen wurde nicht. Allesamt Maßnahmen, so dachte ich, die eine andere Atmosphäre schaffen, als es vor Corona üblich war. Dennoch hatte ich Respekt, denn trotz all des Infektionsschutzes wirkte die Kirche auf eine eigene Weise einladend.

Gebannt folgte ich den Worten des Pfarrers und dachte an die turbulente Zeit. Ich dachte an die Menschen, die verfolgt werden, kein sauberes Trinkwasser und kein Dach über den Kopf haben, und an solche Länder, die noch massiver unter Corona zu leiden haben. Zwischendurch klangen immer wieder die Worte des Pfarrers ans Ohr: "Seid ohne Angst!" Ich blickte zu den brennenden Kerzen am Marienaltar, die für mich auch Licht und Hoffnung widerspiegelten.

Als das Lied "Preis dem Todesüberwinder" erklang, wurden Erinnerungen an vergangene Jahre wach. An Ostern beispielsweise, wenn der Pfarrer mit seinen Ministranten und zahlreichen Fahnenabordnungen in die voll besetzte Kirche einzog. Mit kräftigen Stimmen wurde dieses Lied dann gesungen. Nach dem Gottesdienst wurden Worte gewechselt und Hände geschüttelt.

Ein ganz anderes Osterfest

In diesem Jahr dagegen gab es keinen Kreuzweg am Karfreitag, keine Auferstehungsfeier, keine Fahnenabordnungen, keine Osterpredigt in der Marienkirche und kein Osterfrühstück im Jugendheim.

Es gab die Andachten, die der Hirschfelder Pfarrer Tobias Fehn per Whatsapp von seinem Wirkungsort aus in seinen Heimatort verschickte. Und es gab eine emotionale und ansprechende Videobotschaft des Pfarrers in der neu sanierten, aber leeren Pfarrkirche St. Nikolaus, die eigentlich am letzten Märzsonntag durch den Erzbischoff wieder eingesegnet werden sollte. Binnen weniger Minuten erreichte die Osterbotschaft des Pfarrers viele Gläubige per Whatsapp.

Vieles wird heuer fehlen

In den nächsten Wochen wird es keine Fronleichnamsprozession durch das blühende Dorf geben, dachte ich. Zum ersten Mal seit vielen Jahrzehnten werden keine Altäre geschmückt. Die Heiligenfiguren werden nicht mit Blumen verziert und bei der Prozession von Vereinsvertretern getragen. Die Feuerwehr, der Gemeine- und Pfarrgemeinderat, die Erstkommunikanten und Kleinsten werden nicht in ihren Trachten das Allerheiligste begleiten. Auch der anschließende Frühschoppen bei "Güntersch", der für einige erst am späten Nachmittag endet, fällt ins Wasser.

Nicht stattfinden wird die Heimatprimiz von Julian Altmann in der Pfarrkirche St. Nikolaus. Es wäre die dritte Primiz innerhalb von vier Jahren in der Pfarrei gewesen.

Mehr als ein Ort des Betens

Bei all den Gedanken wird deutlich: "Die Kirche ist nicht nur ein Ort des Betens, des Glaubens und des In-sich-Kehrens, sondern die Kirche bedeutet auch Gemeinschaft und ein Stück weltliches Gemeindeleben!" Ohne Kirche wäre ein Dorf ärmer.

Ich wünsche mir jedenfalls, dass sich nach zwei bis drei Wochen anfänglichen Befremdens wieder die gesunde und vertraute Praxis der Gottesdienstfeiern einstellen wird. Noch schöner wäre es natürlich, wenn man wieder wie früher Gottesdienste, die damit verbundenen Feste und demnächst auch die Wiedereinsegnung der Pfarrkirche in Windheim feiern könnte.

Und Pfarrer Cyriac Chittukalam hofft, dass Ostern - so wie es in diesem Jahr stattfand - eine einmalige Sache bleibt. Es sei nicht schön, fern seiner Gemeindeglieder sein zu müssen, sagte er. Karfreitag ohne Liturgie, die Osterfeiertage ohne die Auferstehungsfeiern - das sei für ihn mit vielen Emotionen verbunden gewesen. Seine Gedanken seien während dieser Tage nahezu immer bei seinen Gläubigen gewesen. "Dass ein Virus, das man nicht sehen kann, alles lahmlegen kann, daran dachte wohl keiner!" Aber die Maßnahmen geschahen und geschehen zum Schutz der Menschen.

Klar wurde an diesem Sonntagmorgen auch: "Vieles, was oftmals selbstverständlich erscheint, ist nicht selbstverständlich!"