Maria Gerstner bekommt sie manchmal hautnah mit, die Lohnungleichheit. Die KAB-Mitarbeiterin erzählt von einer Frau, Supermarktleiterin. Die hat ihr erzählt, dass sie monatlich 200 Euro weniger verdiene als ein Kollege. "Obwohl beide jeden Tag genau die gleiche Arbeit verrichten." Im Jahr macht das 2400 Euro Miese für die Frau. Situationen wie diese prangert der "Equal Pay Day" an.

Maria Gerstner ist eine ideale Gesprächspartnerin, wenn es um den internationalen Aktionstag für Entgeltgleichheit zwischen Männern und Frauen geht. Sie ist Kreisrätin für die Frauenliste, arbeitet bei der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) und ist im im Verdi-Kreisvorstand. Auf ihrem Büroschreibtisch liegt ein Aufkleber, auf dem - unter einem Bild von einem Männerkopf - steht: "Wäre ich eine Frau, hätte ich bis zum Equal Pay Day umsonst gearbeitet!"

Frauen verdienen im Schnitt fast ein Viertel weniger als Männer. Davon leitet sich der Spruch ab. "Dieser Stichtag, der 20. März, kann skeptisch gesehen werden. Aber Fakt ist, dass Unterschiede da sind", erklärt Gerstner.
Das liege einerseits daran, dass die typischen "Frauenberufe" schlecht bezahlt werden: Friseurin, Erzieherin, Arzthelferin... Aber auch in Managementpositionen, meint Gerstner, seien Lohnunterschiede nachweisbar.

"Es wird nicht über Lohn geredet. Das ist das größte Problem", meint sie. Es gebe sogar noch immer Verträge, in denen stehe, dass Angestellte nicht über ihr Gehalt sprechen dürfen. Das sei rechtswidrig. Lohntransparenz ist heuer das übergeordnete Thema des Aktionstages. Dazu passend plant Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) ein Gesetz, mit dessen Hilfe sich Angestellte über das Gehalt von Kollegen in gleicher Position informieren können. Im Juni will sie einen Referentenentwurf vorlegen.

Selbstbewusstsein muss sein

Christina-Anne Bijok, Kronacherin und Wirtschaftsprüferin, sieht den Vorstoß mit gemischten Gefühlen und fragt: "Braucht man hier wirklich ein Gesetz?" In Großunternehmen orientiere sich die Bezahlung normalerweise nur an Funktionen. An der Ausarbeitung unternehmensinterner Vergütungssysteme arbeiteten stets Mitarbeiter(innen) mit.

Aber: "Frauen müssen sich in Gehaltsverhandlungen auch selbstbewusst auf diese Systeme berufen", meint Bijok. Maria Gerstner glaubt, dass Frauen in solchen Verhandlungen manchmal weniger offensiv vorgehen als ihre männlichen Kollegen. Und dann überrascht seien, wenn sie mitbekämen, dass Kollegen in gleicher Position pro Monat 500 Euro mehr mitnähmen. "Ich glaube aber, dass gerade die jungen Frauen auf einem guten Weg sind."

Die Kinderbetreuung verbessern

In einigen Branchen legen noch Tarifverträge Entgeltgruppen fest. Dabei erfolgt die Einordnung unabhängig vom Geschlecht. "Aber das lässt nach. Nur rund 40 Prozent der großen Betriebe zahlen noch tarifgebunden", schätzt Gerstner.

Wichtiger als ein Gesetz zur Lohntransparenz, meint Bijok, sei zum Besipiel eine Verbesserung der Kinderbetreuung. Häufig entstünden Lohnunterschiede zwischen Mann und Frau, weil Mütter über Jahre ihren Beruf aufgeben müssten. So verlören sie an Kenntnissen und Berufserfahrung. Beide sind bares Geld wert. "Ein Mann, der ,durcharbeitet', hat dieses Problem nicht", meint Bijok.

Frauenquote als Problemlöser?

In Deutschland gibt es den "Equal-Pay-Day" seit 2008. Immer wieder geht es im Windschatten des Aktionstages um die Frauenquote in den oberen Etagen von Firmen und Politik. Maria Gerstner "wäre froh, wenn wir sie nicht brauchen. Aber wir sehen, dass es ohne sie nicht geht." Sie nennt Schweden, Norwegen, Finnland als Beispiele. Da hat es sich eingependelt, dass mehr Frauen in Führungspositionen kommen. Und damit auch Dinge wie Lohngleichheit maßgeblich mitbestimmen können.

Christina-Anne Bijok steht der Quote mit gemischten Gefühlen gegenüber. "Ich möchte zum Beispiel nicht als ,Quotenfrau' in einem Aufsichtsrat sitzen, sondern weil ich mit meinen Kenntnissen Überwachungs- und Beratungsfunktion ausüben kann."

Sie meint, man müsse Frauen generell "ermutigen, nicht nur klassisch weibliche Berufsbilder wie Bürokauffrau oder Arzthelferin zu ergreifen". Diese Berufe seien naturgemäß nicht üppig bezahlt. Sie empfiehlt jungen Frauen, weniger Scheu vor Naturwissenschaft, Informatik und Technik zu haben. Gerstner stimmt zu: "Einige Frauen trauen sich noch immer zu wenig zu. Unbegründeterweise."

Als selbstständige Wirtschaftsprüferin ist Christina-Anne Bijok unabhängig von der Lohnwillkür irgendeines Vorgesetzten. Bis in diese Position war es allerdings ein Weg, den sie überwiegend mit Männern teilte. Das Wirtschaftsstudium etwa. Aber da, meint sie, "zählt ausschließlich die Leistung. Alle Prüfungen werden anonym geschrieben". Ungleichbehandlung habe sie während ihres Studiums nicht erlebt. Auch in mündlichen Prüfungen sei nur das Wissen des Kandidaten, auf keinen Fall sein Geschlecht, beurteilt worden. Nach ihrem Abschluss bewarb sich Bijok bei einer großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. "Die Anforderungen und die Vergütung waren für Männer und Frauen identisch", weiß sie. Auch habe sie nie eine nachteilige Behandlung ihres Geschlechts wegen erlebt.

Hier würde Gerstner einhaken: "Es wissen doch die wenigsten Angestellten, was ihre Kollegen verdienen." Deshalb könnten auch statistische Erhebungen zu Lohnunterschieden bestenfalls Näherungswerte liefern. Selig sei die Zeit gewesen, als es noch Lohntüten gab, scherzt die Kreisrätin.

Das Konzept des "Equal Pay Day" finden beide Ansprechpartnerinnen sinnvoll. Es mache auf Missstände aufmerksam, meint Bijok. Noch wichtiger aber sei, "dass Unternehmen, Tarifparteien und Berufsverbände in ständigem Dialog bleiben, um geschlechterspezifische ,Schwachstellen' bei der Entgeltfindung auszuschalten". Gerstner pocht auf ihre Forderung: "Es muss mehr über Lohn gesprochen werden!"