Mitten in der Nacht steht ihr Vater bei ihr im Zimmer. Im Schlafanzug. Verwirrt. Verwirrt ist auch Eva Maria Müller, die Tochter. Vor allem aber ist sie erleichtert. Diese Situation vor einigen Jahren, die sie noch heute eindrücklich schildern kann, prägt sie seit Jahren. Immer wieder begleitete sie die Frage: "Was wäre gewesen, wenn mein Vater nicht meine Zimmertür genommen hätte, sondern zur Haustüre raus wäre?"

Müller hat ihren Vater gemeinsam mit ihrer Mutter über zehn Jahre in Wallenfels im Landkreis Kronach gepflegt. Er war nicht bettlägerig, aber er musste umsorgt werden. Zehn Jahre, die Müller eines verdeutlicht haben: "Wie anstrengend Pflege für den Menschen ist, der pflegt." Vor allem Kleinigkeiten seien es, die Zeit und Nerven rauben. Für Müller steht fest: Damit alte Menschen in Franken bleiben können, müssen die Bedingungen stimmen. "Vielleicht können ländliche Regionen aus den Städten sogar Senioren abgreifen, weil es hier günstiger ist, zu wohnen."



Eva Maria Müller ist 57 Jahre alt, lebt in einer 3000-Einwohner Stadt und arbeitet im Gesundheitswesen im Qualitätsmanagement. Seit einigen Jahren erscheint ihr Name auch, wenn es um Telemedizin geht. Eine Freizeitbeschäftigung von ihr, die nach der nächtlichen Begegnung zugenommen hat. "Ich nenne es Digitalisierung", sagt Müller und erklärt, dass für sie hinter Telemedizin mehr als eine Ferndiagnose von einem Arzt steht. Telemedizin und Robotik - diese Felder können eine Lücke schließen - und müssen dies wohl auch. Denn, nicht mehr in jedem Ort wird künftig ein Arzt praktizieren. Die Generation der Babyboomer geht in Rente und damit auch zahlreiche Ärzte auf dem Land. Einerseits. Andererseits seien die technischen Rahmenbedingungen bereits gelegt. Es geht nicht um die jetzt Hochaltrigen. Doch die 60-Jährigen seien schon oft mit einem PC ausgestattet, sagt Müller. Auch wenn es bei Menschen immer Hemmnisse geben werde, "wir dürfen nicht davon ausgehen, dass alte Menschen Angst vor Technik haben". Wichtig ist Müller, dass die Technik den Menschen nicht ersetzen, sondern unterstützen soll. "Am Ende geht es immer um den Menschen." Doch es geht Müller um das Szenario, wenn kein Nachfolger mehr für den Arzt auf dem Dorf gefunden wird. Oder um Altersgerechte Assistenzssysteme (AAL), die weder den Arzt, noch die Pflegekraft, noch die fürsorgliche Tochter ersetzen, sondern die Zeit alleine überbrücken können. Beispiele, die Müller einfallen: Wenn es an der Haustüre klingelt, wird auf das Smartphone oder Tablet ein Bild übertragen, wer vor der Türe steht.

So kann der Pflegende vom Bett aus entscheiden, ob er die Türe öffnet oder nicht. Oder: Wenn der Vater alleine daheim stürzt, wird ein Signal auf das Handy der Angehörigen gesendet, die sofort Kontakt aufnehmen und auch den Rettungsdienst verständigen können.


Vorreiter in der Autoindustrie

Befunde, medizinische Daten, seien das persönlichste, das ein Mensch habe, doch würden schon heute allerlei Daten - bewusst wie unbewusst - preisgegeben werden. Ob Roboterstaubsauger oder Einparkhilfe, Exoskelette, mit denen Gelähmte wieder gehen können oder eine App, mit der allzeit nachgeschaut werden kann, wo sich der Partner gerade aufhält - für Müller ist Technik nicht gut oder böse, sondern: "Technik ist nur so gut wie der Anwender".

In Düsseldorf und Hamburg haben kürzlich testweise Roboter Pakete zugestellt. Warum nicht auch bald die vorbereiteten Medikamente zur richtigen Zeit an den Patienten liefern?

In Nürnberg konzipieren Studierende, Doktoranden und Wissenschaftler der Technischen Hochschule seit Jahren den Rettungsroboter Schrödi, der Einsatzkräfte unter anderem in dichtem Rauch sicher durch den Raum lotsen soll. Warum nicht auch in den Staubsauger einen Sensor einbauen, der registriert, wo ein hilfsbedürftiger Mensch liegt - inklusive Notrufknopf für den Nutzer? Menschen sprechen mit Siri, einem Sprachassistenten auf dem Smartphone, um nicht mehr lange im Telefonbuch nach der Nummer suchen zu müssen. Warum nicht auch mit einem Roboter über das Wetter, über den letzten Tatort, seine Sorgen reden - Schach spielen können Computer schließlich auch schon!?

Klar sei, dass der Markt der AALs wachsen wird, um alten Menschen ein möglichst langes Leben in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen. Und es werden immer mehr Menschen, die alleine leben. In Bayern gibt es laut Landesamt für Statistik insgesamt 5 679 508 Haushalte. Mehr als ein Drittel davon sind Einpersonenhaushalte. In Franken leben laut einer Hochrechnung von 2011 in 387 685 von 2 101 371 Haushalten ausschließlich Senioren über 65 Jahre.

"Um die Umsetzung in Häusern und Wohnungen vorantreiben zu können, braucht es vor allem eine Zusammenarbeit zwischen Wohnraumberatung, Kammern, Innungen und den Gewerken Elektro, Sanitär und Innenausbau", sagt Müller. Hier mangle es an einem Netzwerk, in dem alle Akteure zusammenarbeiten. Ein Punkt, den Müller in den nächsten Jahren ausbauen möchte. Eine Prognose, wie weit die Technik in 20 Jahren sein wird, wagt sie nicht. Ihrer Meinung nach werde es einen Druck auf die Kassen geben. Hat einer einen Roboter, will der Nachbar auch einen.

Sicher ist sich Müller, dass beispielsweise ein gelähmter Mensch mit einem motorisierten Exoskelett, also einem Gerüst, mit dem er trotz Lähmung laufen kann, weniger Folgeerkrankungen haben und dadurch weniger Kosten generieren wird - die Anschaffungskosten von etwa 70 000 Euro könnten sich so wieder aufrechnen.
Auch teure Heimkosten ließen sich für Senioren vermeiden, wenn Menschen durch eine technische Hilfe länger daheim bleiben können. Wie es auch vorangeht: "Der Kern ist der Mensch. Der Roboter wird kontrollieren, er wird nicht pflegen."