Jeder hat es geahnt, viele haben es gewusst: Der Neonazi-Sumpf in Thüringen mit der beispiellosen Mordserie sickerte weit über die Landesgrenzen. Immer mehr Spuren der Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) führen nach Bayern und werfen neues Licht auf die Ermittlungsarbeit der Behörden im Freistaat. Jetzt wurde bekannt, dass der Bayerische Verfassungsschutz einen V-Mann in die rechte Thüringer Szene eingeschleust hatte:

Verfahren wegen Todesliste wurde eingestellt


Es handelte sich um einen bekannten Neonazi aus Franken. Informationen des Nordbayerischen Kuriers zufolge handelt es sich um den Neonazi Kai D. aus dem Landkreis Kronach. Laut der Zeitung sei Kai D. von 1994 bis Juni 1998 V-Mann des bayerischen Verfassungsschutzes gewesen. Um das Jahr 1994 half Kai D. bei der Herausgabe einer Todesliste mit, veröffentlicht in der Hetzschrift "Der Einblick".

Darin wurden mehr als 250 Namen und Adressen von politischen Gegnern veröffentlicht, zusammen mit dem Aufruf, ihnen "unruhige Nächte" zu bereiten und sie "endgültig auszuschalten". Verlegt und gedruckt wurde der "Einblick" damals im Odal-Verlag. Der Druckereichef Eberhard Hefendahl, selbst führender Rechtsextremist, wurde 1995 zu 2600 Euro Geldstrafe verurteilt, das Verfahren gegen Kai D. wurde damals eingestellt.

Damit hatten die Behörden mindestens zwei verdeckte Ermittler im NSU - neben dem Franken D. den prominenten Neonazi Tino Brandt aus Rudolstadt, der unter anderem einer der Drahtzieher im "Thüringer Heimatschutz" war.

Die Linken im Thüringer Landtag haben den Geheimdiensten am Mittwoch "aktive Mitwirkung am Aufbau von Neonazi-Strukturen vorgeworfen". Hintergrund sind die Details, die trotz höchster Geheimhaltung über den V-Mann aus Franken durchgesickert sind. Der Mann sei ein "bundesweit hervorragend vernetzter Organisator der Szene gewesen und habe Aufbauarbeit für das Thüringer Netzwerk ,Heimatschutz' geleistet", sagte die Fraktionsvize Martina Renner in Erfurt.

Sein Name finde sich auch in einer Telefonliste des späteren NSU-Mitglieds Uwe Mundlos, das mit Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe für die Neonazi-Mordserie zwischen 2000 und 2006 in mehreren Großstädten Deutschlands verantwortlich gemacht wird. Fünf der Morde wurden in Bayern verübt.

Schon deshalb war es von Anfang an offenkundig, dass das rechtsradikale Netzwerk in Thüringen seine Fäden bis nach Bayern gesponnen hatte - auch wenn die bayerischen Behörden sich dazu lange eher zurückhaltend geäußert hatten.

Das rechte Netzwerk


"Es ist inzwischen jedem klar geworden, dass das Mördertrio in Thüringen nicht alleine auf weiter Flur agierte, sondern zahlreiche Helfershelfer und Mitwisser hatte, ein richtiges Netzwerk", sagt der Vorsitzende des Verfassungsausschusses im bayerischen Landtag, Franz Schindler (SPD) aus Schwandorf, unserer Zeitung.

Die Tatsache, dass der bayerische Verfassungsschutz selbst einen V-Mann in der rechten Szene hatte, traf den Ausschuss bei seiner Sitzung am Dienstag unvorbereitet. "Das gibt unseren Untersuchungen eine neue Qualität", sagte Schindler. Der fränkische V-Mann war durch Aussagen von Tino Brandt aufgeflogen, den der Verfassungsschutz in Thüringen bei den Neonazis eingeschleust hatte. Gegen Brandt liefen zahlreiche Strafverfahren unter anderem wegen Volksverhetzung und Landfriedensbruchs. Verurteilt wurde er bislang nicht.

Die Behörden in Bayern hatten bislang auch im Ausschuss bestritten, dass sie einen Maulwurf unter den Rechtsterroristen hatten. Am Dienstag beschloss das Gremium deshalb auf Betreiben der Opposition einmütig, den früheren Präsidenten des Landesamts für Verfassungsschutz, Gerhard Forster, erneut vorzuladen. Im Gremium hat sich die Meinung verfestigt, dass die Verfassungsschützer den NSU-Mördern näher waren, als Forster bislang eingeräumt hat.

Gegen den Franken, der V-Mann gewesen sein soll, liefen Verfahren wegen der Bildung einer kriminellen Vereinigung, wie unsere Zeitung aus Ermittlerkreisen erfahren hat. Diese wurden eingestellt. Der Mann war Drahtzieher in einem der vielen Nazi-Netzwerke im Internet, wo sich ein Großteil der rechten Aktivitäten abspielt.

"Das macht unsere Ermittlungsarbeit sowohl leicht als auch schwer", sagt Klaus Eckel-mann, der die Abteilung Staatsschutz bei der Kriminalpolizei in Schweinfurt leitet. Leicht deshalb, weil es für die Polizei nicht schwierig ist, die Neonazi-Seiten anzuzapfen. Schwer, weil es bei der Fülle von Material im Netz mühsam ist, die Spreu vom Weizen zu trennen. "Hinter so manchem Aktionsbündnis oder Netzwerk steckt nur ein einzelner Spinner am Computer."

Wie weit "Spinner" aber gehen können, wissen Eckelmann und alle anderen, die die Rechtsextremen kennen, nicht erst seit den Neonazi-Morden. Und für Franz Schindler steht seit Dienstag fest: "Der NSU ist definitiv ein bayerisches Problem. Und das Problem hat auch eine fränkische Note bekommen." gf/jgö