Hajzer hat seinen zweiten ersten Schultag - mit 17 Jahren. Dabei hat er in seiner Heimat, dem Kosovo, schon Architektur studiert. Aber von da musste er aus Angst um sein Leben fliehen. "Problems", sagt er und deutet an, dass er ungern darüber redet. Vor einem Monat und drei Wochen kam er nach Deutschland. In Kronach wird er künftig die Schulbank drücken. Hajzer ist einer von 21 unbegleiteten Flüchtlingen, die an der Lorenz-Kaim-Schule ausgebildet werden.

Draußen bestaunen Berufsschüler mit gezückten Handys die "Sonnenfinsternis". In dem Raum im vierten Stock der Berufsschule sitzen die 21 Jugendlichen ruhig und erwartungsvoll an ihren Pulten. Erster Schultag. Hajzer sitzt vorne rechts und wartet auf die Begrüßung des Schulleiters. Er verrät dem Reporter, was er mal werden will. "Automechaniker", sagt er auf Deutsch. Er mischt Bruchstücke der Sprache mit makellosem Englisch. Er sagt noch, dass er gern bleiben würde. Sein Ziel: "Finish School, get Beruf."

Minderjährige Gestrandete

Alle im Raum sind zwischen 16 und 21 Jahren alt und unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Das heißt, sie sind ohne Begleitung eines für sie verantwortlichen Erwachsenen aus ihrer Heimat geflohen. Sie kommen aus Somalia, Eritrea, Äthiopien, dem Kosovo, Senegal, Marokko und dem Irak. Asylbewerber unterliegen in Bayern der Schulpflicht. Sie dauert in der Regel zwölf Jahre.

"Seien Sie tüchtig. Nehmen Sie mit, was geboten wird. Und fühlen Sie sich wohl", begrüßte Schulleiter Rudolf Schirmer die Klasse. Ziel der Ausbildung an der Lorenz-Kaim-Schule sei: "Dass Sie in die Lage sein werden, einen Ausbildungsberuf zu erlernen."

Landrat Oswald Marr übergab symbolisch zum ersten Schultag Schultüten an die Jugendlichen. Wichtiger als diese materiellen Güter sei aber das Wissen, das sie erwerben, denn: "Wissen kann ihnen keiner mehr nehmen."
Vielleicht spielte er damit auch auf die Unsicherheit an, in der sich die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge bewegen. Denn ob sie bis zum Abschluss ihrer Ausbildung - oder gar länger - bleiben dürfen, entscheidet sich wie bei Erwachsenen in individuellen Verfahren.

Zwei Jahre Vorbereitung

Das neue Lehrkonzept der Lorenz-Kaim-Schule orientiert sich an den Richtlinien zur "Beschulung von berufsschulpflichtigen Asylbewerbern und Flüchtlingen an bayerischen Berufsschulen" (BAF). Das sieht ein zweijähriges Unterrichtsangebot in Vollzeit vor. Im ersten Jahr, der "Vorklasse", nimmt Sprachunterricht einen hohen Stellenwert ein (über 20 Stunden pro Woche). "Das ist die Grundlage dafür, dass sich die Jugendlichen hier gut zurechtfinden", so Schirmer. Zusätzlich geht es im ersten Jahr um Berufsorientierung. Sozialpädagogen begleiten während der Schul- und Freizeit das Angebot.

Im zweiten Jahr steht verstärkte Berufsvorbereitung auf dem Plan. Die pädagogische Betreuung bleibt erhalten, zudem wird die Sprachausbildung berufsspezifischer. Ein allgemeinbildender Schulabschluss - (qualifizierter) Hauptschulabschluss - wird nach zwei Jahren angestrebt. Schirmer wies aber darauf hin, dass begabte Schüler auch einen Probeunterricht am Gymnasium absolvieren könnten. Zwei Lehrer unterrichten die Klasse.

Weitere Informationen zu dem Lehrkonzept finden Sie unter www.isb.bayern.de/schulartspezifisches/materialien/baf_beschulung/.

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Kreis

Vormundschaft Grundsätzlich ist das Jugendamt für die sozialpädagogische Betreuung zuständig (in Kronach das Kreisjugendamt). Außerdem kümmert sich das Amt um die wirtschaftliche Jugendhilfe (Verwaltung und Finanzielles) und bekommt in der Regel die Amtsvormundschaft übertragen. Sobald das Jugendamt erfährt, dass sich in seinem Zuständigkeitsbereich ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling aufhält, muss es den Minderjährigen in seine Obhut nehmen.

Bezugsperson Bei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen hat das Jugendamt unverzüglich die Bestellung eines Vormundes oder Pflegers zu veranlassen. Der Vormund nimmt all die Aufgaben wahr, die bisher etwa von den Eltern erfüllt wurden oder hätten erfüllt werden müssen.

Betreuung Die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge im Kreis Kronach werden von der Rummelsberger Diakonie der Kinder- und Jugendhilfe Oberfranken in Mainleus betreut.

Lehrplan Schulfächer in der Klasse für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge an der Lorenz-Kaim-Schule sind Deutsch, Englisch, Landeskunde, Lebenskunde, Sozialkunde, Rechnen, Sport sowie Vorbereitung auf eine Berufsausbildung. Die Integration steht dabei im Mittelpunkt. Die Unterrichtssprache ist Deutsch. Die Schule besuchen die jungen Leute mit öffentlichen Verkehrsmitteln.