So wie an diesem Tag im Gymnasium Marktbreit (Lkr. Kitzingen) sollte es an jeder bayerischen Schule die Regel sein: Im Schulfach „Medienkunde“ erfahren Schülerinnen und Schüler, wie Recherche geht, welche Rechte und Pflichten die Presse hat oder wie man seine Informanten schützt.

Der „Lehrer“ an diesem Tag ist ein ganz Besonderer: Klaus Ott ist Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung (SZ) im Ressort „Investigative Recherche“. Der 57-Jährige beschäftigt sich mit den hochbrisanten Fällen internationaler Wirtschaftskriminalität, hat zum Beispiel an der Aufklärung des VW-Abgasskandals, bei den Panama-Papers, der WM-Affäre 2006 oder der Aufdeckung des Steuerfalls Hoeneß mitgewirkt.

Heimspiel in Marktbreit

Heute hat der Franke ein Heimspiel: Klaus Ott wurde in Kitzingen geboren, ist in Ochsenfurt aufgewachsen – und hat sein Abitur just am Gymnasium Markbreit abgelegt. „Mit lausigen Noten, Durchschnitt 3,2“, wie er lachend erzählt. „Ich habe damals häufiger im Unterricht gefehlt, weil ich schon als Schüler für die Main-Post als freier Mitarbeiter in Ochsenfurt unterwegs war. Dieses Vorgehen würde ich euch heute aber nicht empfehlen, dafür ist der Stoff zu komplex geworden. In meinem Fall hat es zum Glück funktioniert.“

Fragen an den Experten

Knapp 80 Schülerinnen und Schüler der elften Jahrgangsstufe hören dem Redakteur gebannt zu. Genauer gesagt, sie freuen sich erkennbar darüber, wie präzise und gelegentlich mit einer Prise Humor Ott ihre Fragen beantwortet: 37 hat er nach Zählung von Deutsch-Fachberater Florian Geißler in den zwei Schulstunden bewältigt. Insgesamt 61 waren in den Wochen zuvor im Deutschunterricht mit den Elftklässlern erarbeitet worden.

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Ob ihm schon mal ein schlimmer Fehler unterlaufen ist, will jemand wissen. „Leider ja,“ gibt Ott offen zu, 2014 habe er bei einer Geldbuße eine Null zuviel angehängt, zehn Millionen statt eine Million Euro geschrieben. „Da gibt es nur eins: Offen damit umgehen. Ich habe sofort bei den Betroffenen angerufen und mich entschuldigt. Und natürlich haben wir die falsche Zahl berichtigt“. Sorgfalt sei oberste Pflicht, dieser Ausrutscher solle ein Einzelfall bleiben.

Den Abgas-Skandal im Visier

Dann wird gefragt, wie Ott vorgeht, wenn er belastende Dokumente über ein Unternehmen entdeckt oder zugespielt bekommen hat. „Als Erstes die Richtigkeit überprüfen. Und dann unbedingt den oder die Beschuldigten konfrontieren, bevor man etwas schreibt.“

Und wie reagieren die Firmen dann? „Sehr unterschiedlich, mit zwei Grundmustern: wegdrücken oder in die Offensive gehen. „Das hat zum Beispiel Siemens nach der Korruptionsaffäre gemacht: Sich selbst neue Regeln gegeben, die Aufklärung unterstützt“. Bei VW hingegen sei lange versucht worden, den Abgasskandal kleinzureden. „Das macht es am Ende meistens viel schlimmer.“

Die Recherche als Puzzle

Recherche sei vergleichbar mit einem Puzzle: Man bekommt einen Hinweis, fängt an. „Und wie beim Puzzle versucht man, erst den Rahmen zu setzen und sich dann nach innen vorzuarbeiten“. Ein Schüler fragt sich, warum jemand Informationen an die Presse gibt, beispielsweise über schwarze Kassen. „Da ist die Bandbreite groß: Es kann aus Ärger über die Firma sein, Stress oder vielleicht sogar eine Kündigung. Oder schlechtes Gewissen: Gelegentlich rutschen Mitarbeiter irgendwo hinein, bis sie irgendwann feststellen: Hoppla, das geht es ja um ein schweres Kapitalverbrechen“.

Dieser Informant könnte später vor Gericht ein wichtiger Zeuge werden.

Das Grundprinzip sei erst Information, dann Meinungsäußerung

Ott wird gefragt, ob er, ob die SZ immer objektiv berichtet „Ich habe ein Problem mit dem Wort. Überlegt euch mal, wenn ihr jetzt sieben Teams mit zehn Mann bilden würdet, und jedes entscheiden müsste, was die drei wichtigsten Nachrichten des gestrigen Tages waren: Da kämen ganz verschiedene Ergebnisse heraus.“

Was die SZ für die wichtigsten Nachrichten hält, könne man tagsüber entweder online sehen – und täglich in der Zeitung auf Seite eins. „So ist unser Aufbau: Auf der Zwei folgt unser Thema des Tages, auf der Drei Reportagen aus allen Lebensbereichen, und erst auf Seite vier sind Kommentare“. Das Grundprinzip sei: Erst Information, dann Meinungsäußerung. „Mit Kommentaren wollen wir einen Anreiz zur Debatte schaffen: Die Leser sollen sich an uns reiben, sich ihre eigene Meinung bilden.“

Als es ums Thema Smartphone und soziale Netzwerke geht, wird Ott plötzlich von einem lauten Gongschlag und einer Lautsprecherdurchsage unterbrochen: „Morgen ist Adventsandacht, Beginn 7.40 Uhr. Alle sind eingeladen.“ Dann erklärt Ott, man könne das Smartphone sehr sinnvoll nutzen, aber auch für völligen Unsinn. „Es gibt keinerlei Beschränkungen, die Datenflut ist dramatisch“. Als er zwölf Jahre war, habe er Main-Post, Spiegel und SZ gelesen, Fernsehen bestand nur aus ARD, ZDF und drittem Programm. „Und im Haus hatte nicht jeder sein Smartphone, sondern wir teilten uns ein Wandtelefon mit Wählscheibe“.

Gefahr von „fake news“

Die Gefahr, cleveren Verführern oder falschen Informationen aufzusitzen, sei heute enorm groß. „Deshalb lautet nicht nur meine Forderung: Es muss das Schulfach Medienkunde eingeführt werden, zwei bis drei Jahre in den mittleren Altersstufen.“ Junge Menschen müssten geschult darin werden, nicht auf jede Schlagzeile oder jeden Post hereinzufallen.

Aber Klaus Ott stellt nicht nur Forderungen, er trägt aktiv zur Medienkompetenz bei: Dies ist bereits sein zweiter Auftritt in seiner früheren Schule. Er gibt Recherchekurse bei künftigen Redakteuren der Süddeutschen Zeitung und an der Journalistenschule. Sein wichtigster Tipp: „Dem Gesprächspartner genau zuhören. Oft werden die spannenden Dinge irgendwo ganz am Rande erwähnt. Und dann heißt es, mit Recherche loszulegen.“