Im Landgut ein Leben als Privatier und Forscher
Glücklich die Fügung, dass sich anno 1803 bei Kitzingen ein ebenso vielseitig interessierter Arzt und Naturforscher niedergelassen hatte: Christian Gottfried Daniel Nees, dessen Familie in Mainstockheim ein landwirtschaftliches Gut geerbt hatte. Der Mediziner, Botaniker und Zoologe, der in Gießen promoviert hatte, ließ sich selbst nun in Sickershausen nieder, in einem ehemaligen Rittergut am Ortsrand. Seine zweite Ehefrau war vermögend genug, um dem Naturforscher ein Leben als Privatier zu erlauben.
Döllinger und Nees waren Forschungsfreunde. Und so zogen die Würzburger Wissenschaftler also für ihr embryologisches Projekt auf das 24 Kilometer entfernte Landgut. Und noch einer kam dazu: Joseph Wilhelm Eduard d'Alton, Naturforscher, Philosoph und Künstler und berühmt für seine Radier- und Zeichenfertigkeit.
Die Reihenuntersuchung konnte beginnen. In einer selbstkonstruierten Brutmaschine aus Blech – das Wasser in den Zwischenwänden wurde stetig beheizt – ließen die Forscher frischgelegte Eier brüten. Sie wollten wissen, was in den ersten fünf Tagen nach der Befruchtung im Innern geschah. Vorsichtig präparierten sie ein Ei nach dem anderen, Dutzende, Hunderte, Tausende. Und schauten sich die Stadien unter dem Mikroskop genau an.
Ignaz Döllinger hatte in Würzburg schon Vorarbeiten geleistet. Und die Forscher kannten eine ältere Untersuchung von Caspar Friedrich Wolff aus dem Jahr 1759 über die Entwicklungsstadien des Hühnchens. Darin war die „Keimblatt-Theorie“ erstmals formuliert worden. Und genau an dieser Keimblatt-Hypothese arbeitete jetzt Christian Heinrich Pander in Sickershausen für seine Doktorarbeit weiter. Ei um Ei untersuchten die Forscher, schauten, was im Eigelb zu sehen war, dokumentierten, diskutierten, zeichneten. „Die erste große Datenerfassung der Medizingeschichte“, sagt Reinhard Feisel.
„200 Jahre BIG DATA in Sickershausen“ ist die Ausstellung, gefördert von der Kulturstiftung des Bezirks Unterfranken, deshalb betitelt. Das kleine Team des Kitzinger Museums hat die Anordnung der Geräte für die Brutversuche rekonstruiert, und Szenographie-Techniker Klaus Hofmann bildete die damalige Laborsituation plastisch in einem 1:1-Modell nach. Ob die Sickershäuser die Naturforscher wohl für Spinner hielten?
Verschroben waren sie jedenfalls nicht, erzählt Stephanie Falkenstein. Die späteren Briefwechsel zwischen Nees von Esenbeck und Karl Ernst von Baer beschreibe auch gut das gesellige Leben im Landgut Sickershausen. Nachdem der Gutsbesitzer und Forscher seine umfangreiche Arbeit über Pilze und Schwämme fertiggestellt hatte, habe er sich durchaus Zeit genommen fürs soziale Leben auf dem Land: Nees von Esenbeck war bei Kirchweih- und Schützenfesten dabei. Oder fuhr auch mal nach Würzburg ins Theater.
Epochale Arbeit der Embryologie - bis heute
Die Arbeit von Christian Heinrich Pander sollte als epochale Arbeit in die Medizingeschichte eingehen. Seine Dissertation über die Embryologie des Hühnereis gilt bis heute als revolutionäres Werk – und sein Keimblattmodell hat noch immer Bestand. Denn aus den „Daten“, die Pander erhob, und dem Befund, den er erhob, ließ sich das embryonale Geschehen in seinen Grundstrukturen ableiten. Die Beobachtungen, die der Forscher anno 1817 bei den bebrüteten Eiern machte, zielten nicht nur auf das Erkennen von Mustern im Ei ab. Sondern auch auf die Einordnung im Zeitverlauf und in die Zuordnung zu Entwicklungsstadien, sagt Reinhard Feisel. Erstmals wurde das komplexe Geschehen der beginnenden Embryonalentwicklung erfasst – und verstanden. Und: „Für die Entdeckung der Eizelle bei Säugetieren durch Karl Ernst von Baer 1827/28 war Panders Arbeit wegweisend.“ Und die Präformationstheorie? Widerlegt.
Wie es weiterging nach den fruchtbaren Sickershäuser Untersuchungen? Christian Gottfried Nees von Esenbeck, der nebenbei seit 1816 in regem Briefverkehr mit Johann Wolfgang von Goethe stand, ging 1818 erst nach Erlangen und ein Jahr später dann an die neu gegründete Universität Bonn. Dort sollte er mit seinem jüngeren Bruder gemeinsam den Botanischen Garten aufbauen und eine Forschungsstätte für Tropenpflanzen zur Blüte bringen. Das Sickershäuser Landgut übernahm später der Botaniker Ernst Berger, der hier eine Pflanzenhandlung unterhielt. Das Landgut selbst, das „Schlössle“, ist bis heute erhalten.
Der Würzburger Anatom Ignaz Döllinger beschäftigte sich nach Panders Weggang vor allem mit der botanischen Arbeit. Und er setzte das Mikroskop nicht nur zum Betrachten des Hühnerembryos ein, sondern untersuchte damit auch das menschliche Auge. Christian Heinrich Pander ging mit Eduard d?Alton 1818/1819 auf Studienreise durch Europa und besuchte Museen und Sammlungen, um Knochen zu begutachten und vergleichende Anatomie zu betreiben.
Die Ausstellung
„200 Jahre BIG DATA in Sickershausen“ ist im Stadtmuseum Kitzingen, Landwehrstraße 23, noch bis zum 14. Januar zu sehen. Geöffnet ist das Museum Dienstag bis Freitag von 15 bis 18 Uhr, am Wochenende und an Feiertagen von 14 bis 17 Uhr. Eintritt für Erwachsene zwei Euro, für alle bis 18 Jahre frei.