„So geht es nicht weiter.“ Volker Schmitt hat lange zugesehen. Und viel zu lange ist nichts passiert. Jetzt soll endlich ein schlüssiges Hochwasserrückhaltekonzept entwickelt werden. Der Schwarzacher Bürgermeister sieht das Wasserwirtschaftsamt in Aschaffenburg in der Pflicht.

31. Mai 2013: Das Wasser steht auf den Straßen, etliche Keller sind überflutet. Nicht nur in Schwarzach, wo der Castellbach zum Silberbach wird und die Schwarzach in den Main mündet. Auch in Kleinlangheim, Großlangheim, in Rüdenhausen und Castell sind die Bürgermeister alarmiert. Die so genannten Dorfschätze-Gemeinden beraten gemeinsam, bringen ein Hochwasserkonzept auf den Weg. Zwei Jahre später die Ernüchterung: Die Vorgaben für bauliche Maßnahmen sind so gewaltig, dass sie nicht in die Landschaft passen – und kaum finanzierbar wären. Sechs Meter hoch und bis zu 45 Meter breit sollte beispielsweise eines der Rückhaltebecken sein. „Ein Witz“, urteilte Schmitt schon damals – und machte sich lieber daran, passive Maßnahmen umzusetzen: Neue und leistungsstärkere Pumpen wurden angeschafft, ein Notfallplan entwickelt, Füllstationen für die Sandsäcke bestimmt. Hat alles funktioniert, als der Ort am 9. Juli dieses Jahres erneut vom Hochwasser heimgesucht wurde. Den Schaden abwenden konnten diese Maßnahmen nicht. Auf mindestens eine Million Euro schätzt Volker Schmitt die Kosten für die Instandsetzung alleine in Schwarzach. Für den gesamten Landkreis hat das Landratsamt erst kürzlich geschätzte Kosten von vier Millionen Euro bekannt gegeben.

Die Wucht der Wassermassen

Der Hochwasserschutz ist komplex. Etliche Behörden sind eingebunden, viele Faktoren müssen bedacht werden. Für die so genannten Gewässer dritter Ordnung sind die Gemeinden zuständig – kleine Nebengewässer wie Castell- und Silberbach, die in normalen Jahren beinahe unerkannt vor sich hin plätschern und bei Starkregen zu einer großen Gefahr werden können. Im Schwarzacher Becken kommt die ganze Wucht der Wassermassen zusammen. Wasser aus einem Umkreis von 180 Quadratkilometer fließt hier in den Main. „Wir sind immer das letzte Glied in der Kette“, erklärt Schmitt und fordert: „Das Wasser muss vorher zurückgehalten werden.“ Größere Bäche wie der Breitbach, die Volkach oder die Schwarzach sind Gewässer zweiter Ordnung. Für deren Hochwasserschutz ist das Wasserwirtschaftsamt mit Sitz in Aschaffenburg zuständig. Friedrich Altmann leitet die Behörde seit etwas mehr als einer Woche. Für die Sorgen und Nöte der betroffenen Gemeinden und vor allem der Anlieger hat er Verständnis. Hoffnung auf schnelle Lösungen kann er ihnen nicht machen.

Vielfältige Anforderungen

Alles hängt mit allem zusammen im Hochwasserschutz, kleine Gewässer sind mit größeren gekoppelt, es geht um Grundstücksangelegenheiten und Rechtsfragen. Der Wirkungskreis der Aschaffenburger Behörde umfasse rund 100 Kilometer, die Anforderungen sind vielfältig. „Wir müssen priorisieren“, bittet Altmann um Verständnis. In ganz Bayern sei das nicht anders. In Hafenlohr, im Landkreis Main-Spessart, sei erst kürzlich der Spatenstich für ein ambitioniertes Hochwasserschutzprojekt vonstatten gegangen, insgesamt 20 Millionen Euro werden dort für Rückhaltebecken und Staumauern eingesetzt. Vorher mussten Anlieger überzeugt werden, dass bauliche Maßnahmen auf ihren Grundstücken durchgeführt werden.

So weit wäre man in und um Schwarzach gerne. Hier konnte – auch wegen personeller Engpässe im Wasserwirtschaftsamt – noch nicht einmal eine Basisstudie in Auftrag gegeben werden. „Natürlich ist es unbefriedigend, wenn nach acht Jahren nichts passiert ist“, weiß Altmann. Er möchte diese Studie jetzt an ein externes Ingenieurbüro vergeben.

Keine schnelle Lösung

Anfang kommender Woche sollen Gespräche mit den betroffenen Bürgermeistern und der Landtagsabgeordneten Barbara Becker (CSU) laufen. Viel Hoffnung auf eine schnelle Lösung macht Altmann ihnen nicht. Mindestes fünf Jahre werden ins Land gehen, bis eine (mögliche) Baumaßnahme gestartet wird. Zunächst einmal muss ein Ingenieurbüro gefunden werden, das zeitnah loslegen kann, dann dauert das Genehmigungsverfahren seine Zeit. Die Öffentlichkeit wird beteiligt, jeder Bürger darf seine Einwände vortragen, auch der Naturschutz muss beachtet werden.

„Ein Gesamtkonzept ist wichtig“, betont Landtagsabgeordnete Barbara Becker. Der Freistaat habe seinen Fokus schon seit Jahren auf den Hochwasserschutz gelegt, zehn Milliarden Euro dafür zur Verfügung gestellt. Sechs Wasserrückhaltebecken gebe es bereits in den Dorfschätze-Gemeinden, beispielsweise in ihrem Heimatort Wiesenbronn. „Funktioniert prima und ist bestens in die Landschaft eingebettet“, versichert Becker. Die doppelte Menge an Rückhaltebecken wäre allerdings nötig.

Immer neue Baugebiete?

Im Gespräch mit dem Wasserwirtschaftsamt und den Bürgermeistern will Becker darauf drängen, dass die Planung so schnell wie möglich ins Laufen kommt und die Projekte dann in verschiedene Bauabschnitte aufgeteilt werden. An der Finanzierung werde der Hochwasserschutz in den Dorfschätze-Gemeinden nicht scheitern, verspricht Becker. Sie wolle sich dafür einsetzen, dass das Wasserwirtschaftsamt künftig mehr Projekte umsetzen kann. Gleichzeitig müsse man über andere Maßnahmen nachdenken: „Wir bräuchten keinen einzigen Quadratmeter für neue Gewerbegebiete versiegeln, wenn wir die brach liegenden Industrieflächen in Bayern nutzen würden“, sagt Becker. Statt neuer Baugebiete sollte die Entwicklung der Innenorte vorangetrieben werden und bei den Blühstreifen an den Gewässern dritter Ordnung ließe sich auch etwas machen. Die Hälfte der fünf Meter breiten Fläche könne für den Hochwasserschutz zur Verfügung gestellt werden, meint Becker. Einen entsprechen Vorschlag will sie im Umweltausschuss des Landtags einbringen.

Es sieht so aus, als käme endlich Bewegung in die Sache. Volker Schmitt wird das freuen. Er will lieber heute als morgen mit einem effektiven Hochwasserschutz für seinen Ort starten. Wer weiß, wann die Schwarzach wieder über ihre Ufer tritt. Dann möchte der Bürgermeister wenigstens das Gefühl haben, dass er alles Menschenmögliche getan hat, um große Schäden für seine Mitbürger zu vermeiden.