Alle, die wollten, sind gegen Corona geimpft. Immerhin ist das ein Großteil der Bevölkerung. Jeder Erwachsene hat ein Impfangebot erhalten. Andreas Liebald findet: Die Verantwortung für die eigene Gesundheit und die der Mitmenschen liegt nun bei jedem persönlich. „Warum werden die Geimpften und Genesenen noch eingeschränkt?“, fragt der Wiesentheider – und spricht damit manch anderem Konzert- und Kulturveranstalter in der Region aus dem Herzen.

Liebald, bekannt von seinen Live-Konzerten beziehungsweise „Kellerkonzerten im Kuhstall“, bekommt seit Monaten viele Anfragen von Künstlern. Er würde ihnen allen gerne Auftrittsmöglichkeiten geben – aber wie? „Es ist unverschämt, dass Maßnahmen immer sehr kurzfristig verkündet werden. Konzerte haben eine Vorlaufzeit, aber wie soll ich planen, wenn ich nicht weiß, welche Bedingungen herrschen?“

Lästig, aber trotzdem schön

Aktuell überlegt Liebald, wie er mit einer Anfrage von Musiker Andreas Kümmert („The Voice of Germany“) umgehen soll. „Wahrscheinlich gibt es ein Konzert für 2G“, überlegt er. Anfang Oktober – da hätte in normalen Zeiten die Wiesentheider Musikmeile stattgefunden – hatten Liebald und sein Team bereits einen Live-Abend mit zwei Berliner Liedermachern organisiert. Vorgabe: 3G, Maske am Platz. „Lästig, aber trotzdem schön“, zieht Liebald Bilanz.

Zuvor war ein ganzes Jahr lang Pause gewesen. Nach einem Konzert unter Corona-Bedingungen im September 2020 waren die Bedingungen für Veranstaltungen verschärft worden, so dass im Wiesentheider „Kuhstall“ über ein Jahr gar nichts ging.

Vorzeichen haben sich geändert

Doch nun, sagt Liebald, hätten sich die Vorzeichen geändert: Jeder habe die Möglichkeit erhalten, sich gegen Corona impfen zu lassen. Diejenigen, die sich impfen ließen, müssten sich nun, wie Genesene, auch freier bewegen dürfen. Anders als zu Beginn der Pandemie – „damals war das Versammlungsverbot die richtige Maßnahme“ – falle die Angst vor einem Hotspot nun weg, „durch das Impfangebot und das geringe Risiko für einen schweren Verlauf“. Andreas Liebald sagt: „Ich denke, es ist Zeit für einen Freedom-Day, einen Freiheitstag.“

Da die Veranstaltungen für den Lehrer aus Wiesentheid ein Hobby sind, treffen ihn die Einschränkungen zumindest finanziell nicht sehr hart. „Aber die Berufsmusiker tun mir leid.“

Stefan Schiebel vom Kabarettkeller in Sulzfeld geht es mit den Kabarettisten genauso. Bei ihm rufen Künstler an und fragen: Geht nicht was? Auch Schiebel würde gerne „ja“ sagen, aber: „Die Auflagen ändern sich ja ständig.“ Sein Keller ist schmal und ziemlich lang, da ist es generell schwer, Abstände einzuhalten. Und wenn Schiebel nur die Hälfte der Leute, die reinpassen würden, einlässt – statt 100 nur 50 oder noch weniger –, dann wird so ein Abend zu einem Drauflegegeschäft. „Denn statt weniger, braucht man ja eher mehr Personal, für Desinfektion, Einlasskontrolle und so weiter.“ Das alles sei „sehr frustrierend“, Geld und Zeit seien „futsch“. „Unser zweites Standbein ist komplett weggebrochen“, bedauert Schiebel.

Lieber regionale Künstler

Welche Zukunft er für den Kabarettkeller sieht? In seiner Antwort schwingt viel Hoffnung, aber wenig Sicherheit mit: „Die Auftritte der Künstler, die in den vergangenen eineinhalb Jahren geplant waren, möchten wir nach und nach abarbeiten.“ Verstärkt will Schiebel auch auf regionale Künstler setzen, deren Gagen geringer sind und die auch terminlich oft flexibler sind als die Stars der Branche. „Sonst haben wir bis zu 1,5 Jahre im Voraus geplant. Jetzt geht das schlecht...“

Die unsichere Lage macht auch Chris Hemmert und Thomas Sauerbrey vom Brunnenhof in Handthal zu schaffen. Mit Schrecken denken sie an den Riesenaufwand, mit dem sie die bereits ausverkauften Veranstaltungen gegen Ende 2020 rückabwickeln mussten, weil sie wegen Corona nicht stattfinden konnten. „Wir haben alle Tickets der Brunnenhof-Veranstaltungen 2020, die noch offen waren, ausbezahlt und nichts auf das neue Jahr übertragen, weil wir ja nicht wussten, wie es 2021 weitergeht“, erinnert sich Chris Hemmert.

Bereits zweimal musste die Großveranstaltung „Varieté for Charity“ abgesagt werden. Hierfür lief und läuft der Vorverkauf über den Anbieter Reservix. „Wir müssen für jedes zurückgegebene Ticket eine Gebühr zahlen“, so Hemmert, der hofft, dass die Veranstaltung im März 2022 endlich über die Bühne gehen kann, „so dass der Ticket-Rückstau aufgelöst wird“. Welche Bedingungen bis dahin herrschen, bleibt die große Frage. „Das ist nervlich eine große Belastung und natürlich auch finanziell.“ „Den Kopf nicht hängen lassen“ lautet für Hemmert und Sauerbrey die Devise auch in ihrer Gaststätte Brunnenhof. Aktuell planen die beiden alle Veranstaltungen unter 3G-Bedingungen: das Frauenkabarett „Die Puderdose“ am Samstag, 30. Oktober, zwei Wochen später den Auftritt von Bauchredner Frank Lorenz und Ende November (am Freitag und Samstag, 26. und 27. November) die Winter-Travestie mit Marcel Bijou. Am 11. Dezember gastiert Wilhelm Wolpert und den Silvesterabend lässt Travestie-Star Megy B. glitzern. Soweit der Plan.

Aufwändiger als früher

„Corona-bedingt und um den buchhalterischen Aufwand in Grenzen zu halten, reservieren wir derzeit nur auf Listen ohne Vorverkauf, so dass wir im Falle einer Absage unsere Gäste nur anrufen müssen, um ihnen die schlechte Botschaft zu überbringen“, sagt Chris Hemmert. „Kurz vor jeder einzelnen Veranstaltung erhalten die Gäste, die reserviert haben, noch einmal eine kurze Info per Telefon, in der wir gegebenenfalls auch auf Änderungen bezüglich der Corona-Maßnahmen hinweisen können.“

Kleiner, aber nicht weniger urig als der Brunnenhof ist der „Weinkeller am Schloss“ in Rüdenhausen, den Karl Graf zu Castell-Rüdenhausen betreibt. „Corona hat bei mir natürlich voll eingeschlagen. Monatelang durfte ich den Weinkeller überhaupt nicht öffnen. Später führten die Abstandsregeln dazu, dass nur noch die Hälfte meiner Gäste Platz fand.“ In Graf Karls Gewölbekeller, der gerade mal 40 Personen fasst, macht sich das sehr stark bemerkbar. „Zum Glück konnten im Sommer immerhin etwa 40 Gäste im überdachten Freisitz Platz nehmen.“

Die Kleinkunst im Keller ruhte allerdings völlig. „Kein Künstler tritt gerne vor 20 Personen auf, abgesehen davon, dass es sich finanziell nicht gerechnet hätte.“ Einige Lesungen mussten ausfallen, „doch zum Glück kamen mir alle Künstler und Autoren verständnisvoll entgegen und hoffen auf eine Wiederholung unter normalen Umständen.“

Karl zu Castell-Rüdenhausen sagt, er wolle es langsam wieder wagen, Künstler zu engagieren. Christian Hemmert vom Brunnenhof will sich ebenfalls nicht unterkriegen lassen und formuliert es so: „Es ist aufwändiger als früher, aber wir versuchen, machbar zu machen, was möglich ist in diesen Zeiten.“ Wenn Stefan Schiebel (Kabarettkeller Sulzfeld) Politik machen könnte, würde er allen Kabarettbühnen und kleinen Künstlern helfen, sagt er: „Die Regeln dürfen nicht länger so kompliziert sein!“