Apropos dunkle Zeit: Was hat es mit der „magischen Übergangszeit“ vom alten auf das neue Jahr auf sich – mit den Zwölften, den Raunächten, der Wilden Jagd?
Die Zwölften verbinden Weihnachten, die Sonnenwende und die beiden Neujahrstermine 1. und 6. Januar miteinander. Das Sonnenjahr hat ja 365 Tage, das Mondjahr zwölf Nächte und elf Tage weniger. Diese Zeit war für unsere Vorfahren eine ganz besondere. Sie sind an den Zwölften quasi aus der Zeit gefallen, man könnte auch sagen, sie bekamen zwölf Bonusnächte. Was man da erlebte oder träumte, war vorbedeutend fürs neue Jahr. Vor den Zwölften wollte man das ganze Haus sauber haben, es wurden keinerlei Arbeiten in diese Zeit gelegt. Man wollte zusammensein und feiern. Um danach mit neuer Kraft das neue Jahr zu beginnen.
Was hat Sie während der Recherche zu dem Buch am meisten beeindruckt?
Das Faszinierendste ist, dass viele Bräuche und Rituale über tausend Jahre nur durch mündliche Überlieferung erhalten geblieben sind. Wenn etwas so viel Lebenskraft hat, dann lohnt es sich, darüber nachzudenken.
Trotz Reibungspunkten mit der Kirche hat das Ganze ja auch etwas Versöhnliches: Wir tragen die Kultur unserer Vorfahren weiter.
Wenn wir Lebkuchen backen oder den Christbaum schmücken, reichen uns unsere vorchristlichen Mütter sozusagen die Hand. Die haben das tausend Jahre lang trotz Verbots gemacht. Wenn wir das auch tun, bewahren wir die versunkene Glaubenswelt unserer Vorfahren.
Warum haben Sie überhaupt alte Weihnachtsbräuche hinterfragt?
Schon als Kind habe ich gegrübelt, warum es zwei Christkinder gibt. Eines ist ein Mädchen im weißen Hemd, das Geschenke bringt, das andere ein Junge in der Krippe. Ich habe mich damals nicht zu fragen getraut. Als erwachsene Historikerin wollte ich endlich wissen, warum das so is und was der Ursprung ist.
Und was ist der wahre Ursprung des Christkindes?
In zahlreichen Orten zog das leibhaftige Christkind mit einer Schar von Perchtengestalten um, mit Berta oder Pelzmärtel, mit Hullefraa oder Nikolaus. Wie sie trug es eine Rute und verschenkte die klassischen Gaben: Äpfel, Nüsse und Gebäck. Mit weißem Hemd und goldenen Locken ist es die sittsam gewordene, kindgerechte Frau Holle/Percht. Percht heißt gleißend, glänzend.
Hat sich Weihnachten für Sie verändert, seitdem Sie das alles wissen?
Mein Blick auf Weihnachten ist jetzt ein deutlich anderer. Als ich angefangen habe, hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass das so ausufern würde. Fünf Jahre lang habe ich immer wieder recherchiert und geschrieben. Erst in Coburg in der Landesbibliothek und im Archiv. Dann bin ich ein halbes Jahr lang jeden Tag nach Bamberg gefahren und habe im Archiv gewühlt, später auch in Rudolstadt. So kamen immer mehr Puzzleteile zusammen. Auf viele Bräuche ist neues Licht gefallen.
Sie schreiben, dass viele Bräuche zwar einen gemeinsamen Ursprung haben, aber unterschiedliche Ausprägungen je nach Region. Wie sieht es im Raum Kitzingen aus?
Von Wertheim bis Würzburg kam früher eine weiß gekleidete Holle mit Rute und Geschenken zur Bescherung – offensichtlich war das der direkte Vorläufer des Christkinds. In Kleinochsenfurt werden Weihnachtsbäume/Fichten in der Kirche schon 1737 erwähnt, während sie zum Beispiel in der Oberpfalz noch als unchristlich verboten waren. Von Kitzingen direkt ist überliefert, dass die Ratsherren bis Mitte des 17. Jahrhunderts zu Martini mit den eingesammelten Abgaben ein zeremonielles Festmahl abhielten, die Martini-Mahlzeit, zu der auch Honoratioren wie Arzt, Schullehrer, Apotheker und so weiter eingeladen waren.
Was erhoffen Sie von Weihnachten?
Dieses Fest hat es schon vor Christus gegeben und auch parallel zur Christianisierung. Die Ur-Weihnacht steht über allen Religionen und ist eine Feier der Lebenskräfte und der winterlichen Hoffnung, dass Licht und Wärme wiederkommen. Es ist etwas existenziell Menschliches. Daran kann jeder teilhaben, auch Andersgläubige können versöhnlich mitfeiern. Das ist für mich ein zukunftsweisendes Weihnachtsfest.
Zur Person: Dr. Renate Reuther, Jahrgang 1958, ist in Kulmbach aufgewachsen, hat in Erlangen Englisch, Geschichte und später Wirtschaftswissenschaften studiert und als Dozentin in verschiedenen Bundesländern gearbeitet. Über ihren Mann ist sie wieder in die fränkische Heimat zurückgekommen und lebt mittlerweile in Coburg.
Zum Buch: „Enthüllungen über Holle, Percht und Christkind“, 18 Euro, gebundene Ausgabe, 258 Seiten, Engelsdorfer Verlag, ISBN 978-3-96008-931-5.