Solche Briefe landen immer wieder an den Schulen im Landkreis Kitzingen. Sie werden direkt verschickt oder von impfskeptischen Eltern weitergeleitet. Das Prozedere, das dann zu erfolgen hat, ist klar: „Die Schulleiter bestätigen den Eingang und leiten das Schreiben ans Schulamt weiter und verweisen auf die einschlägigen Seiten des Kultusministeriums“, erklärt Schulamtsdirektor Veit Burger.

Regelmäßig kommen die Schulleiter im Landkreis Kitzingen und aus ganz Unterfranken zu gemeinsamen Treffen zusammen – derzeit vor allem online. Die Regierung von Unterfranken bietet ihnen so regelmäßig juristische Beratung an. Dabei werden alle möglichen schulischen Themen besprochen, im Moment geht es auch um dubiose Schreiben, die auf den Schreibtischen der Sekretariate landen. Schreiben wie sie beispielsweise vom Verein „Mediziner und Wissenschaftler für Gesundheit, Freiheit und Demokratie“ (MWGFD) versendet werden. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Sucharit Bhakdi, Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie. Bhakdi sorgte schon zu Beginn der Pandemie mit erstaunlichen Aussagen für Aufsehen, als er meinte, dass das Coronavirus keine große Bedrohung darstelle. Die Universität Mainz, an der Bhakdi bis 2012 gelehrt hatte, distanzierte sich mehrfach von dessen Aussagen. In diversen Faktenchecks ist laut ARD dokumentiert worden, dass Bhakdi irreführende oder unbelegte Behauptungen verbreitet. Sein Verein hat seinen Sitz in Passau angemeldet. Dort hat der stellvertretende Vorsitzende Ronald Weikl seine Praxis. Er muss sich in Kürze vor dem Amtsgericht wegen des Ausstellens unrichtiger Gesundheitszeugnisse verantworten.

Halb- und Unwahrheiten

Der Verein war nach Recherchen von „Tagesschau.de“ mehrfach durch die Verbreitung von Falschinformationen zur Corona-Pandemie aufgefallen. Schon wenige Monate nach der Gründung war dem Verein die Gemeinnützigkeit entzogen worden, weil er seine satzungsmäßigen Zwecke nicht fördert und zudem originär politische Zwecke verfolgt – eine Entscheidung, die vom Bundesfinanzhof bestätigt wurde.

Jetzt landen Schreiben des Vereins also auch in Schulen des Landkreises. „Darin werden viele Un- und Halbwahrheiten verbreitet“, ärgert sich Dr. Volker Fackeldey, Chefarzt und Leitender Arzt an der Klinik Kitzinger Land. Als regelrecht unverschämt erachtet er den Einstieg, in dem den Lesern offensichtlich Angst gemacht werden soll: „Mit diesem Brief möchten wir Sie daran erinnern, dass Sie persönlich für Impfschäden haftbar gemacht werden können, wenn Sie Ihren Patienten einen der gen-basierten Covid-19-Impfstoffe verabreichen“. Davon abgesehen, dass Schulleiter und Lehrer die völlig falschen Adressaten für so einen Hinweis sind, ist die Aussage nicht richtig.

Ärzte können nur dann in Regress genommen werden, wenn die Impfung nicht sorgfältig und nach dem Stand der medizinischen Wissenschaft durchgeführt wird. Aus Patientensicht ist laut Recherchen von BR24 die Bundesrepublik Deutschland mit ihren staatlichen Organen der Ansprechpartner für einen Antrag auf Versorgungsleistungen – weil die Bundesregierung und die Länderregierungen die Schutzimpfungen gegen COVID-19 öffentlich empfehlen.

Fragwürdige Referenzen

Die Zahlen, mit denen in den Schreiben argumentiert wird, hält Dr. Fackeldey für unseriös, die Referenzen, auf die verwiesen wird, für zumindest fragwürdig. Ein amerikanischer Verschwörungsjournalist ist darunter, eine Zeitschrift, die sich von dem zitierten Inhalt bereits distanziert hat. Mehrmals taucht als Referenz „Anonym“ auf. Wissenschaftlich saubere Arbeit sieht anders aus.

Dr. Fackeldey bezieht sich bei seinen Recherchen lieber auf seriöse Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie anerkannte Institutionen wie das Paul-Ehrlich-Institut. Das berichtet Ende 2021 von 78 Todesfällen in Deutschland, bei denen ein Zusammenhang mit der Covid-19-Impfung tatsächlich möglich nachgewiesen oder wahrscheinlich ist. „Jeder einzelne Fall ist tragisch“, betont der Kitzinger Chefarzt. Angesichts von über 150 Millionen Corona-Impfungen in diesem Land sei die Aussage aber irreführend, dass der Schaden einer Impfung den Nutzen bei weitem überwiege, wie es der Verein aus Passau in seinem Schreiben behauptet.

„Die Impfungen sind sicher und sie sind der einzige Weg, um uns aus dieser Pandemie zu bekommen“, betont Dr. Fackeldey und verweist bei allem Verständnis für das Recht auf freie Meinungsäußerung auf die Dimensionen in diesem Land: „Ein paar tausende Menschen demonstrieren, gleichzeitig lassen sich aber Millionen Deutsche impfen.“

Verweis auf Seiten des KM

Sein Ratschlag, Schreiben wie sie vom MWGFD e.V. verschickt werden, einfach in den Papierkorb zu werfen, kann Schulamtsleiter Veit Burger allerdings nicht nachkommen. Mitunter werden ihm – oder den Schulleitern vor Ort – nämlich auch Fristen gesetzt, bis zu denen sie bestimmte Fragen beantworten haben sollen. Der Verweis auf die Hotline und die Seiten des Kultusministeriums, auf denen es auch eine FAQ-Seite (Antworten auf besonders häufig gestellte Fragen) gibt, ist in diesen Fällen die richtige Antwort. „Und wenn der Verdacht besteht, dass der Absender der Reichsbürgerschaft angehört, kann auch die Polizei informiert werden“, so Burger. Foto: Klinik, H. Hess