Raus aus der Opferrolle

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Ein Leben im Rollstuhl und ein selbstbestimmtes Leben – widerspricht sich das? Sebastian Wächter weiß aus eigener Erfahrung, dass „Barrieren im Kopf“ einen nicht ...
Foto: Daniela Röllinger

Mit der richtigen Denkweise ans Ziel: Sebastian Wächter will helfen, die Barrieren im Kopf zu überwinden

Sebastian Wächter sitzt oben auf der Bühne, in seinem Rollstuhl. Direkt neben ihm ein Plakat, auf dem eine Frau einen Luftsprung macht. Symbol für pure Lebensenergie. Ein Widerspruch nur auf den ersten Blick, wie die Besucherinnen des vlf-Frauentages in Iphofen beim Vortrag des 30-Jährigen schnell merkten. Denn oft sind es nicht in erster Linie die äußerlichen Umstände, die dem eigenen Lebensglück im Weg stehen. Es sind die Barrieren im Kopf.

Ein 18-Jähriger macht einen Ausflug mit seinem Bruder. Sie springen über einen Bach. Der Bruder kommt wohlbehalten auf der anderen Seite an. Der 18-Jährige bleibt an einer Wurzel hängen, fällt in den Bach. Es ist der Moment, der das Leben von Sebastian Wächter verändert. Sein Bruder zieht ihn aus dem kalten Wasser, rettet ihn vor dem Ertrinken. Die Rettungskräfte kommen, kümmern sich um ihn. Doch er hat sich den 5. Halswirbel gebrochen, 95 Prozent seiner Muskeln sind gelähmt.

Es herrscht Stille in der Karl-Knauf-Halle, als Sebastian Wächter den schicksalshaften Tag wieder aufleben lässt. Und basses Erstaunen, als er wenige Sekunden später einen Film einspielt, auf dem ein Rollstuhl-Rugby-Team über den Platz rast, die Rollstühle aufeinanderknallen, der eine oder andere aus dem Gefährt purzelt. Wächter kennt dieses Erstaunen: „Rugby passt nicht in die Vorstellung, die ein Fußgänger hat, wenn er mich das erste Mal sieht.“

Worauf liegt der Fokus?

Fußgänger, so nennt der Rollstuhlfahrer diejenigen, die auf ihren Beinen durchs Leben gehen. Was aber nicht bedeutet, dass diese Fußgänger barrierefrei leben würden. Sie haben viele Barrieren, vor allem in ihrem Kopf. Ihr Denken hält sie davon ab, etwas in ihrem Leben zu ändern.

„Was ist dir passiert?“, fragen Fußgänger meist, wenn sie auf Sebastian Wächter treffen. Die Rugby-Kollegen haben einen anderen Blickwinkel: „Was kannst du noch?“, lautet deren Frage. „Wo liegt Euer Fokus?“, fragte der 30-Jährige die Besucher des Frauentages, und provozierte zugleich ein bisschen, den mal zu ändern: Ob sie sich in der Opferrolle sähen, wollte er wissen. Schließlich werde in der Landwirtschaft ja gerne gejammert. „Einem Landwirt, der nicht jammert, dem geht es nicht gut“, sagte er mit einem Grinsen. Er wisse das sehr wohl, schließlich stamme er aus einem landwirtschaftlichen Betrieb.

Sebastian Wächter fordert dazu auf, nach vorn zu schauen und nicht zurück. In der Vergangenheit zu leben, bringt einen nicht voran. Seinen Unfall kann er nicht rückgängig machen. Er ist nun mal gelähmt. Aber er hat sich nicht damit abgefunden, was die Ärzte ihm nach dem Unfall gesagt haben: Dass er nie ein selbstständiges Leben führen könne. Sieben Jahre später und nach langem, hartem Training konnte er das eben doch. Er hat sein Abitur nachgemacht, studierte Wirtschaftsmathematik und machte ein Auslandssemester in den USA. Er arbeitete als Portfoliomanager in einer Bank, hat sich inzwischen als Coach selbstständig gemacht, sein eigenes Unternehmen gegründet – die Barrierefrei im Kopf UG. Er schaffte es zum Rugby-Bundesligaspieler, gewann im Juli den European Speaker Award. Er kann sich selbst anziehen und alleine versorgen. Drei bis vier Stunden Zeit kostet ihn die Behinderung am Tag sagt er, alleine 40 Minuten braucht er zum Anziehen. Dafür aber kann er selbstständig leben, entscheiden, was er anzieht, was er kocht, wohin er geht. „Ich kann machen, was ich will, wann ich es will.“

„Next play“ heißt es im Rugby, wenn etwas schief läuft. Da wird nicht lange an den Fehler gedacht, der passiert ist, da geht es um die nächste Chance. „Wo schauen Sie hin?“, wollte er von den Frauen wissen. Er erlebe immer häufiger, dass sich die Menschen in Gedanken verlieren, in der Vergangenheit, die sie nicht mehr beeinflussen können. „Kaum jemand ist in der Gegenwart.“

Er selbst habe lange gebraucht, um seine Situation zu akzeptieren, sagt Sebastian Wächter. Er habe geackert wie verrückt, aber die ersten Jahre aus den falschen Gründen. „Die Situation zu akzeptieren, heißt, sich voll auf die Realität zu konzentrieren.“ Das habe er nicht gekonnt. Er sei getrieben gewesen von dem Gedanken, es sich und den anderen zu beweisen, dass er es doch kann. Er habe seine Behinderung geleugnet. „Was leugnet Ihr? Dass Ihr unglücklich sei? Übergewichtig? Dass es in der Landwirtschaft schwierig ist?“ Nachdenkliche Gesichter im Publikum.

Akzeptanz der eigenen Situation ist die Grundlage für eine Veränderung, so der Coach. Einer Veränderung, der wir viel zu oft zwei Worte in den Weg stellen: Ja, aber.... Man fühlt sich nicht bereit, etwas zu tun – die Tierhaltung aufzugeben, zum Beispiel. Also schaut man weg, weg von dem, was geändert werden müsste, weg von dem, was man entscheiden müsste. In der Landwirtschaft, findet Wächter, wird zu oft weggeschaut. Bei der Hofübergabe zum Beispiel. Bei der Frage, wie es mit der Pflege der älteren Generation auf dem Hof funktionieren soll, was mit den anderen Kindern ist, wenn einer den Hof übernimmt, welche Rolle die Frau im Unternehmen einnehmen soll oder will. Statt zu reden und Lösungen zu suchen, werde geschwiegen und weggeschaut. „Dann nehmen die Spannungen noch zu.“

Um sein Ziel, selbstständig zu leben, zu erreichen, habe er es emotionalisiert, sich gefragt, was ihn wirklich antreibt. „Ich bin Redner, damit mein Schicksalsschlag einen Sinn bekommt. Damit andere davon profitieren.“. Das „Warum?“ spiele die entscheidende Rolle. „Die Akzeptanz brauchen wir fürs Anfangen. Das Warum, damit wir durchhalten.“ Was wichtig ist, weil wir im Leben immer auf Zweifler treffen, Leute, die kritisieren, die einen runterziehen. Wächter rät, auf deren Perspektive nicht zu viel zu geben: „Das ist nur deren Sichtweise.“

Er forderte die Frauen auf, sich ein Ziel zu setzen, zu überlegen, wie sie mit dem Zweiflern umgehen, und notfalls Hilfe zu suchen. Denn Unterstützung ist wichtig, um ein Ziel zu erreichen – und an der mangle es in der Landwirtschaft häufig. „Wie unterstützen Sie sich gegenseitig?“, wollte er wissen. Durch Kooperationen, durch Arbeitsteilung? Nach Hilfe zu fragen, gelte als schwach, aber das sei nicht richtig. Als Rollstuhlfahrer müsse er jeden Tag um Hilfe bitten – und die Leute würden sich freuen, wenn sie ihm helfen könnten, beispielsweise beim Einkaufen ein Gurkenglas aus dem obersten Regal zu holen. „Wenn ich in den Aldi gehe, mache ich fünf Leute glücklich – und mir ist auch geholfen.“

Ohne Veränderung kein Fortschritt

Veränderung koste Mut und Kraft, aber ohne Veränderung gibt es keinen Fortschritt. So mancher möchte keine Veränderung, weil er Angst hat, Fehler zu machen. Also müssen Ausreden her. Bei ihm sei es anfangs der Satz gewesen „Ich bin behindert.“ „Das ist eine echt gute Ausrede.“ Andere denken, sie seien zu alt für etwas Neues, zu vergesslich, zu schlecht in Mathe, zu unattraktiv... Damit würden wir rechtfertigen, dass wir untätig sind. „Aber oft ist es ein noch größeres Risiko, nichts zu machen.“

Falscher Fokus, fehlende Akzeptanz, falsche Ziele, fehlende Verantwortung – so fasste Sebastian Wächter die vier Barrieren zusammen, die Veränderungen im Wege stehen. „Mich hat keiner gefragt, ob ich die Veränderung will“, sagte er, und auch die Landwirte stehen vor Veränderungen, für die sie zum Teil nichts könnten und sähen sich daher in der Opferrolle. „Das habe ich auch lange gemacht. Aber da bin ich nicht vorangekommen“, so Wächter. Geändert habe sich seine Situation erst, als er handlungsfähig geworden sei. „Wer Opfer wird, hat Pech gehabt. Wer Opfer bleibt, ist selber schuld.“