Er selbst habe lange gebraucht, um seine Situation zu akzeptieren, sagt Sebastian Wächter. Er habe geackert wie verrückt, aber die ersten Jahre aus den falschen Gründen. „Die Situation zu akzeptieren, heißt, sich voll auf die Realität zu konzentrieren.“ Das habe er nicht gekonnt. Er sei getrieben gewesen von dem Gedanken, es sich und den anderen zu beweisen, dass er es doch kann. Er habe seine Behinderung geleugnet. „Was leugnet Ihr? Dass Ihr unglücklich sei? Übergewichtig? Dass es in der Landwirtschaft schwierig ist?“ Nachdenkliche Gesichter im Publikum.
Akzeptanz der eigenen Situation ist die Grundlage für eine Veränderung, so der Coach. Einer Veränderung, der wir viel zu oft zwei Worte in den Weg stellen: Ja, aber.... Man fühlt sich nicht bereit, etwas zu tun – die Tierhaltung aufzugeben, zum Beispiel. Also schaut man weg, weg von dem, was geändert werden müsste, weg von dem, was man entscheiden müsste. In der Landwirtschaft, findet Wächter, wird zu oft weggeschaut. Bei der Hofübergabe zum Beispiel. Bei der Frage, wie es mit der Pflege der älteren Generation auf dem Hof funktionieren soll, was mit den anderen Kindern ist, wenn einer den Hof übernimmt, welche Rolle die Frau im Unternehmen einnehmen soll oder will. Statt zu reden und Lösungen zu suchen, werde geschwiegen und weggeschaut. „Dann nehmen die Spannungen noch zu.“
Um sein Ziel, selbstständig zu leben, zu erreichen, habe er es emotionalisiert, sich gefragt, was ihn wirklich antreibt. „Ich bin Redner, damit mein Schicksalsschlag einen Sinn bekommt. Damit andere davon profitieren.“. Das „Warum?“ spiele die entscheidende Rolle. „Die Akzeptanz brauchen wir fürs Anfangen. Das Warum, damit wir durchhalten.“ Was wichtig ist, weil wir im Leben immer auf Zweifler treffen, Leute, die kritisieren, die einen runterziehen. Wächter rät, auf deren Perspektive nicht zu viel zu geben: „Das ist nur deren Sichtweise.“
Er forderte die Frauen auf, sich ein Ziel zu setzen, zu überlegen, wie sie mit dem Zweiflern umgehen, und notfalls Hilfe zu suchen. Denn Unterstützung ist wichtig, um ein Ziel zu erreichen – und an der mangle es in der Landwirtschaft häufig. „Wie unterstützen Sie sich gegenseitig?“, wollte er wissen. Durch Kooperationen, durch Arbeitsteilung? Nach Hilfe zu fragen, gelte als schwach, aber das sei nicht richtig. Als Rollstuhlfahrer müsse er jeden Tag um Hilfe bitten – und die Leute würden sich freuen, wenn sie ihm helfen könnten, beispielsweise beim Einkaufen ein Gurkenglas aus dem obersten Regal zu holen. „Wenn ich in den Aldi gehe, mache ich fünf Leute glücklich – und mir ist auch geholfen.“
Ohne Veränderung kein Fortschritt
Veränderung koste Mut und Kraft, aber ohne Veränderung gibt es keinen Fortschritt. So mancher möchte keine Veränderung, weil er Angst hat, Fehler zu machen. Also müssen Ausreden her. Bei ihm sei es anfangs der Satz gewesen „Ich bin behindert.“ „Das ist eine echt gute Ausrede.“ Andere denken, sie seien zu alt für etwas Neues, zu vergesslich, zu schlecht in Mathe, zu unattraktiv... Damit würden wir rechtfertigen, dass wir untätig sind. „Aber oft ist es ein noch größeres Risiko, nichts zu machen.“
Falscher Fokus, fehlende Akzeptanz, falsche Ziele, fehlende Verantwortung – so fasste Sebastian Wächter die vier Barrieren zusammen, die Veränderungen im Wege stehen. „Mich hat keiner gefragt, ob ich die Veränderung will“, sagte er, und auch die Landwirte stehen vor Veränderungen, für die sie zum Teil nichts könnten und sähen sich daher in der Opferrolle. „Das habe ich auch lange gemacht. Aber da bin ich nicht vorangekommen“, so Wächter. Geändert habe sich seine Situation erst, als er handlungsfähig geworden sei. „Wer Opfer wird, hat Pech gehabt. Wer Opfer bleibt, ist selber schuld.“