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KITZINGEN

„Nicht jeder Chor wird überleben“

Chöre und Gesangvereine haben es in Zeiten von Corona schwer. Seit Monaten gibt es keine Proben. Eine Besserung der Situation ist nicht in Sicht.
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Chor-Arbeit zu Corona-Zeiten: Jeder Sänger des „virtuellen“ Kammerchors St. Johannes Kitzingen hat seine Stimme für das „Abendlied“ von Joseph Rheinberger zuhause gesungen und sich dabei gefilmt. Kantor Christian Stegmann hat die Einzelteile im Anschluss zu einem Youtube-Beitrag zusammengesetzt. Foto: Foto: Daniela röllinger
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„Ganz schlimm“, sagt Elke Kuhn. „Furchtbar.“ Der Vorsitzenden der Sängergruppe Kitzingen genügen wenige Worte, um die Situation der Chöre in Corona-Zeiten zu beschreiben. Keine Proben, keine Konzerte, kein Miteinander. Ob alle Chöre und Gesangvereine die Krise überstehen werden? Kuhn will nicht schwarzmalen, sagt aber: „Es sind ein paar dabei, für die es schwierig werden wird.“

Ausgerechnet im Beethoven-Jahr. Mit großen Konzerten sollte der 250. Geburtstag des Komponisten heuer gefeiert werden, auch in der Region Kitzingen. Die Sängergruppen Kitzingen und Steigerwald wollten das Werk Beethovens mit zwei Projektchören musikalisch aufbereiten. Sänger hatten sich schon gemeldet, ab März beziehungsweise April waren Proben geplant, die Auftritte in Scheinfeld und Kitzingen auf November terminiert. Die Konzerte werden nicht stattfinden, ebenso wenig wie viele weitere musikalische Veranstaltungen in der ganzen Region. Denn gemeinsam Singen kann in Zeiten von Corona gefährlich werden.

Aeorosole heißen die kleinen Schwebeteilchen in der Luft, die Wissenschaftlern derzeit in Zusammenhang mit Corona noch Kopfzerbrechen bereiten. Mehr und mehr scheint es, dass das Virus nicht nur durch Tröpfcheninfektion übertragen wird, sondern auch durch Aerosole – Speicheltröpfchen, die kleiner sind als fünf Mikrometer. Beim Ausatmen gelangen sie in die Luft und schweben dort eine Weile. Weil aber beim Singen über einen langen Zeitraum tief ein- und ausgeatmet wird, stellt es insbesondere in zu kleinen, wenig durchlüfteten Räumen eine Gefahr dar.

Wie schnell eine Ansteckung erfolgen kann, zeigte sich in Berlin: Nach einer Probe mit 80 Mitgliedern der Domkantorei zeigten mehr als 50 Mitglieder unterschiedlich schwere Symptome einer Infektion. Die Aussagen zur Problematik der Aerosole sind unterschiedlich. Einige Forscher halten eine Ansteckung beim Singen für äußerst unwahrscheinlich, andere raten dringend vom gemeinsamen Singen ab.

„Das Problem ist, dass die Forschungen zu den Aerosolen noch laufen“, sagt Uwe Ungerer, der fünf Chöre in der Region leitet, darunter den Konzertchor Chorason, der im März ein großes Konzert mit James-Bond-Songs präsentieren wollte. Die Stücke waren einstudiert, sämtliche Vorarbeiten getroffen.

„Es geht auch ums Menschliche, ums Gesellige.“
Uwe Ungerer, Chorleiter

Dann wurde Mitte März alles „auf Eis“ gelegt, wie der Mainstockheimer sagt. Ein Ersatztermin ist für September angedacht, doch gemeinsame Proben sind auch jetzt, Ende Mai, noch nicht möglich.

Die Arbeit der Chöre, der Gesangvereine, der kirchlichen Sängergruppen im ganzen Land kam vor über zwei Monaten zum Stillstand. Die Zahl der Betroffenen ist groß. Zirka 14 Millionen Menschen in Deutschland musizieren in ihrer Freizeit gemeinsam und bewahren damit, wie Benjamin Strasser, Präsident des Bundesmusikverbands Chor & Orchester e.V., betont, das immaterielle Kulturerbe und entwickeln es weiter – und das ist ihnen derzeit nicht möglich. Täglich fallen laut Strasser etwa 1.400 Veranstaltungen in der Amateurmusik aus. Dass die schwierige Situation der Chöre öffentlich kaum thematisiert wird, ärgert Uwe Ungerer. „Chöre und Chorleiter werden mit diffusen Empfehlungen und Vertröstungen auf irgendwelche Studien, die sich in stetiger Entwicklung befinden und die vielleicht irgendwann noch kommen werden, allein gelassen”, kritisiert er. Vorgaben, wie es sie beispielweise in Nordrhein-Westfalen gibt, hält Ungerer für utopisch. Dort ist vorgeschrieben, dass beim Proben in atmungsaktiven Fächern wie Singen ein Abstand von drei Metern zwischen Personen und von sechs Metern in Ausstoßrichtung sowie eine Raumgröße von mindestens zehn Quadratmetern pro Person vorzusehen ist. „Soll sich ein Chor in ein Stadion stellen?“

Für die Mainstockheimer Chöre, die Ungerer leitet und die im Zang-Haus proben, wird es schon bei ganz normalen Proben manchmal ziemlich eng. Nicht mal ein Abstand von 1,5 Metern wäre da machbar. Mit Mundschutz singen sei auch nicht möglich und die geforderte Dauerlüftung sei ebenfalls ein Problem. „Das geht alles an der Praxis vorbei. Da machen viele Chorleiter lieber gar nichts.“

Die Problematik für Chöre und Gesangvereine ist vielschichtig. Die fehlenden kulturellen Veranstaltungen sind das eine. Dazu kommt, dass viele Chorleiter selbstständig sind, wie Elke Kuhn sagt, und häufig pro Stunde bezahlt werden. Doch wenn die Proben und Auftritte ausfallen, haben sie kein Einkommen mehr. „Das ist richtig schlimm“, sagt die Vorsitzende der Sängergruppen Kitzingen und Steigerwald. Die Betroffenen wüssten nicht, wie es wirtschaftlich für sie weitergehe.

Noch ein weiterer Punkt ist wesentlich: „Es geht auch ums Menschliche, ums Gesellige“, sagt Uwe Ungerer. Die gemeinsamen Proben seien wichtige Bestandteile im Leben vieler Menschen, insbesondere der Älteren. „Man geht nicht nur wegen des Singens zu den Proben. Dort hat man Freunde, man unternimmt etwas gemeinsam“, sagt auch Elke Kuhn. Es sei nicht abzusehen, welche Folgen der fehlende Kontakt für die Leute habe, befürchtet Ungerer. „Man weiß nicht, was das mit den Leuten macht.“

Er bezweifelt, dass sich wirklich alle nach Monaten des Stillstandes wieder dazu entschließen können, irgendwann wieder an Chorproben teilzunehmen. „Einige werden es nicht mehr schaffen, auf den Zug aufzuspringen.“ Die Folge könnte für manche Chöre verheerend sein. „Mit Sicherheit werden viele Chöre diese gefühlte Ewigkeit des Stillstands nicht überleben.“

Alternativen für die ausfallenden Proben gibt es wenig. Es gebe zwar Online-Tutorials, manche Chorleiter seien da sehr engagiert, sagt Uwe Ungerer. Aber überall lasse sich das nicht anwenden – vor allem bei älteren, nicht technik-affinen Chormitgliedern sei es schwierig. Zudem ersetze das keine normale Chorprobe und damit das wirkliche gemeinsame Singen. „Man hört sich gegenseitig nicht richtig, die Töne sind zeitversetzt.“ Zudem sei auch die technische Umsetzung eines gemeinsamen Stückes nicht leicht.

„Es war ein Versuch und ich bin erstaunt, wie gut es geklappt hat.“
Christian Stegmann, Chorleiter

„Ich bewundere Christian Stegmann, dass er das gemacht hat“, sagt Ungerer über ein Projekt des Kantors der Pfarrei St. Johannes Kitzingen.

Stegmann hat mit dem „virtuellen Kammerchor“ von St. Johannes das „Abendlied“ von Joseph Rheinberger eingesungen und auf Youtube gestellt. Als er mit dieser Idee an die Sänger herantrat, seien einige begeistert gewesen, andere skeptisch. Das Ergebnis habe aber alle überzeugt – und die über 1200 Aufrufe sprächen für sich. Dass der Chor das Stück bereits vor Jahren gesungen hat und es eine gute Aufnahme davon gab, war Grundlage für das Projekt.

Stegmann hat das Stück zuhause angehört, dirigiert und sich dabei aufgenommen. Die Sänger haben die Musik dann zuhause über Kopfhörer gehört, ihre Stimme eingesungen und sich dabei gefilmt. Die Aufnahmen gingen wieder an Christian Stegmann, der die Stimmen zusammengesetzt und die ursprüngliche Musik, die den Sängern zur Orientierung diente, wieder herausgefiltert hat. „Es war ein Versuch und ich bin erstaunt, wie gut es geklappt hat. Es hätte auch gesanglich in die Hose gehen können.“ Auch mit dem Kinder- und Jugendchor trifft sich Christian Stegmann per Internet, in zoom-Konferenzen. „Da sind die Kinder richtig fit“, sagt er. Trotzdem seien diese Konferenzen lediglich ein Notbehelf, um Kontakt zu den Sängern zu halten. Mit einigen älteren Sängern stehe er dagegen telefonisch in Verbindung. Dieser Kontakt ist das Wichtigste in Zeiten ohne normale Proben, ist Christian Stegmann überzeugt. „Man muss den Sängern etwas bieten, damit sie dabei bleiben“, sagt auch Uwe Ungerer. Er bindet sie unter anderem in die Programmgestaltung für das nächste Konzert und in die Gestaltung der Homepage mit ein.

Auch wenn beide Chorleiter wissen, dass es schwierig ist, Lösungen für das „Problemfeld“ Singen zu finden, so hoffen sie doch, dass der Bereich bei der Politik stärker ins Blickfeld rückt. Schließlich gehe es Gesangvereinen und Chören nicht nur um reine Freizeitgestaltung. Es gehe um das immaterielle Kulturerbe, um Kunst, aber auch um Werte- und Demokratieerziehung, betonen sowohl Stegmann als auch Ungerer. Der Mainstockheimer befürchtet: „Der gesellschaftliche Schaden könnte durch das brach liegende Vereinsleben noch weitaus schlimmer sein, als man derzeit denkt.“

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