Wo das Problem des Kitzinger Bahnhofs liegt? „Eigentlich überall“, sagt Helmut Bauer, Mitglied im Senioren- und Behindertenbeirat und selbst seit vielen Jahren auf einen Rollstuhl angewiesen. Der Zugang zu den Gleisen ist schon mit schwerem Gepäck nicht leicht. Mit Kinderwagen geht es nicht ohne Hilfe. Und: „Mit dem Rollstuhl kommt man nirgendwo hin“, erklärt Bauer. Stufen am Eingangsbereich, Stufen am Hintereingang, Stufen von und zu den Gleisen. Lifte oder auch nur Gepäckbänder findet man nicht. Ein Umbau wäre laut Bauer zu teuer. Seine Empfehlung: „Einfach abreißen und neu bauen.“ Doch das wird schwierig. Das Bahnhofsgebäude ist denkmalgeschützt. Und woher soll das Geld kommen?

Gespräche mit der Deutschen Bahn gab es bereits zuhauf. Laut Hartmut Stiller, Vorsitzender des VdK-Ortsverbandes, versprachen Vertreter bereits vor einigen Jahren den barrierefreien Umbau des Bahnhofs – spätestens bis 2016. „Passiert ist gar nichts“, sagt Stiller. Er macht sich keine Hoffnungen: „Da müssen wir wohl noch länger warten.“ Laut der Presseabteilung der Bahn wird „voraussichtlich“ im Laufe dieses Jahres geprüft, ob Kitzingen in den Projektzeitraum 2018-2023 aufgenommen wird.

Die Deutsche Bahn priorisiert beim Umbau der Gebäude „wichtige Bahnhöfe“. Für kleinere Haltestellen hat die Bahn seit Jahren ein anderes Vorgehen gewählt: den Verkauf. Die DB wird vom Eigentümer zum Mieter – und Aufgaben wie Kartenverkauf und Reinigung werden an Dienstleister „outgesourct“.

„Die Bahn weigert sich, ihren Kunden eine Toilette zur Verfügung zu stellen“
Ralf Hartner Hauptamtsleiter

Auch in Kitzingen soll das Bahnhofsgebäude samt anliegender Flächen veräußert werden. Bis zum Herbst entscheidet sich, wie genau. Dann muss „nur“ noch ein Käufer gefunden werden. Die Vermutung, dass sich die Deutsche Bahn damit ihrer Verantwortung und der leidigen Frage um die Barrierefreiheit entledigen will, steht im Raum – wird von Seiten der Bahn jedoch bestritten: Laut Pressestelle bleibe die Verantwortung für den Zugang zu den Gleisen bei der Bahn.

Von Seiten der Stadt zeigt man sich von der Bahn enttäuscht. Bauamtsleiter Oliver Graumann verweist auf viele Gespräche, bei der sich die Bahn „grundsätzlich schon“ bereit erklärt hätte, Barrieren abzubauen – nur eben nicht wann.

Auch Oberbürgermeister Siegfried Müller habe sich persönlich an die Bahn gewandt und in einem „deutlichen Schreiben“ den „ausdrücklichen Wunsch“ der Stadt nach einer Lösung zum Ausdruck gebracht, erzählt Graumann. Mehr könne die Stadt selbst aber nicht machen: Die Zuständigkeit liege klar bei der Bahn.

Anders beim Bahnhofsumfeld. Hier will die Stadt aktiv werden – seit vielen Jahren. In einer Sondersitzung des Stadtrates vor einer Woche wurden jetzt zumindest 119 neue Stellplätze für Bahn-Pendler beschlossen. Ein anderes Projekt, der Bau eines Busbahnhofs mit mehreren Stellplätzen, liegt hingegen auf Eis: Die Bahn hat im Februar einen unterschriftsreifen Vertrag über den Umbau mit der Stadt einseitig zurückgezogen. Man wolle die Immobilie nun doch lieber verkaufen – inklusive der 30 Bahnparkplätze im Norden des Bahnhofsgeländes. Das Vorgehen des Bahnbetreibers fand wenig Anklang in der Stadt. „Das trägt nicht dazu bei, dass das Image der Bahn in der Bevölkerung besser wird“, hatte Müller damals gepoltert.

Damit bleibt ein weiteres Thema ebenfalls auf unbestimmte Zeiten liegen: die öffentlichen Toiletten. Für Hauptamtsleiter Ralf Hartner ist es „eine Selbstverständlichkeit, dass beim Umbau dann auch behindertengerechte Toiletten gebaut werden“. Bis dahin bleibt das Thema ein rotes Tuch: „Die Bahn weigert sich, ihren Kunden eine Toilette zur Verfügung zu stellen“, erklärt Hartner. Deshalb sei schließlich die Stadt eingesprungen und habe die Toiletten im Bahnhofsgebäude nutzbar gemacht. „Wir haben mit städtischem Geld Toiletten in einem Gebäude der DB für die Kunden der DB renoviert“, beschreibt der Hauptamtsleiter die Situation. Auch er zeigt sich von der Haltung der Bahn enttäuscht. Als Mensch mit Behinderungen sei man am Bahnhof „komplett ausgeschlossen“.

Auf der Suche nach Erklärungen spricht er die „fehlende Lobby“ von behinderten Menschen an. „Wenn das Thema noch präsenter in den Köpfen wäre, würde da schneller etwas passieren“, erklärt der städtische Mitarbeiter. Auch deshalb hat der VdK 2016 als Jahr der Barrierefreiheit ausgerufen. Mit ihrer Kampagne „Weg mit Barrieren“ wollen Hartmut Stiller und Kollegen die Sinne für Bedürfnisse körperlich beeinträchtigter Menschen schärfen. Ob es ihnen gelingt, damit auch den Wandel im Bahnhof Kitzingen zu beschleunigen, muss sich erst noch zeigen. Bis dahin müssen viele Menschen alternative Transportmittel suchen. So wie Helmut Bauer: „Wenn wir nach Würzburg fahren, dann nehmen wir lieber das Auto.“