Landkreis Kitzingen Das große Ganze will er nicht aus den Augen verlieren. Denn letztendlich gehe es genau darum: um den Schutz der Umwelt und das Erreichen der Klimaziele, die im Pariser Abkommen von 2015 festgeschrieben wurden. Manfred Engelhardt ist klar, dass es dafür vor allem eines bedarf: einer Bewusstseinsveränderung in der Bevölkerung. Die Klimakrise muss in ihrer Brisanz begriffen werden.

Nach den Pariser Beschlüssen muss Deutschland bis 2045 klimaneutral sein. Wie soll das klappen?

Engelhardt: Durch einen Mix an Maßnahmen. Besonders wichtig erscheint mir der Ausbau der erneuerbaren Energien – neben ernsthaften Bemühungen zur Effizienzsteigerung und zum Energiesparen.

Der Ausbau stockte in den letzten Jahren. Setzen Sie auf Windkraft oder Photovoltaik?

Engelhardt: Wir müssen beide Bereiche bedeutend ausbauen. Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie der TU München müssten wir in Bayern bis 2040 die installierte Leistung aus Photovoltaik von aktuell 13,5 Gigawatt auf 67 Gigawatt und bei Windkraft von jetzt 2,5 Gigawatt auf 13,5 Gigawatt hochfahren, um die Klimaziele zu erreichen. Das geht nur mit einem neuen politischen Willen und einem Umdenken der Bürger.

Hat das schon eingesetzt?

Engelhardt: Es gibt ein hohes Bewusstsein für diese Thematik, zumindest in der Theorie. Aber der Wille zur Umsetzung ist noch nicht groß genug. Ohne eine Verhaltensänderung eines jeden Einzelnen wird es aber nicht gehen. Dafür bräuchten wir auch überzeugende Vorbilder.

Kaum ein Bürger möchte ein Windrad vor der Haustür stehen haben.

Engelhardt: Richtig, aber es wird auch keinen Bürger geben, der einen Tornado wie zuletzt in Tschechien oder Waldbrände wie an der Westküste Kanadas erleben möchte. Diese und andere Gefahren eines fortschreitenden Klimawandels kommen immer näher. Sollte sich die Energieversorgung nicht mehr decken lassen, sind auch Zerrüttungen in der Gesellschaft nicht undenkbar.

Die 10 H-Regelung behindert den Ausbau der Windkraftanlagen im Freistaat. Muss sie fallen?

Engelhardt: Auf jeden Fall. Die Regelung besagt, dass der Mindestabstand zwischen Windrad und Wohnbebauung das Zehnfache der Höhe eines Windrades betragen muss. Moderne Windräder sind 200 Meter hoch. Dann bräuchten wir zwei Kilometer Abstand. Laut der TU-München Studie käme man bei einem durchschnittlichen Abstand von 1,4 Kilometern zwischen Wohnbebauung und Windrad und der Nutzung der sich dann öffnenden Flächen auf die nötige Zahl an Anlagen.

Die Zahl der Anlagen müsste massiv steigen?

Engelhardt: Das ist sicher zutreffend. In Unter- und Oberfranken haben wir bei Windkraft eine ganz gute Basis. Obwohl auch hier der Ausbau voran schreiten müsste. Es gibt noch freie, geeignete Flächen. Bislang wehren sich vor allem die Menschen in Ober- und Niederbayern.

Wie lassen sich die Bürger überzeugen?

Engelhardt: Ein Weg wäre es, sie mit einzubinden, beispielsweise indem sie sich beim Bau von Windkraft- oder Photovoltaik Anlagen finanziell und in der Planung beteiligen. Ansonsten braucht man, denke ich, viel Überzeugungsarbeit.

Solaranlagen nehmen viel Platz in Anspruch.

Engelhardt: Weshalb wir sie zuvorderst auf den Dächern ausbauen müssen. Der Vorschlag von Ministerpräsident Söder, sie auf gewerblich genutzten Gebäuden obligatorisch zu machen, zielt schon mal in die richtige Richtung. Auch bei Wohnbebauung sollten solche Anlagen zur Regel werden.

Wird es reichen, die Dächer mit Solaranlagen zu bestücken?

Engelhardt: Nein, um die 67 Gigawatt zu erreichen, müssen wir auch Solaranlagen auf der Fläche fördern, zuerst natürlich entlang Bahnstrecken oder – wie in Kitzingen – an Flugplätzen. Aber sie müssen auch auf die Grüne Wiese.

Was in Widerspruch zu einem anderen Ziel des Bundes für Umwelt- und Naturschutz steht, dem Artenschutz.

Engelhardt: Nicht unbedingt. Dank der so genannten aufgeständerten Montagesysteme lassen sich die Flächen unter den Modulen einsäen, Lebensräume für Insekten und Reptilien schaffen. Das ist allemal besser als Monokulturen aus Mais.

Mais ist die Grundlage für Biogasanlagen. Die brauchen wir nicht mehr?

Engelhardt: Es gibt Zeiten, in denen keine Sonne scheint und nicht genug Wind weht. Da helfen diese Anlagen, um dennoch Strom zur Verfügung zu stellen. Aber grundsätzlich ist ihr Energieertrag zu gering, um diesen Aufwand und Flächenverbrauch insgesamt zu rechtfertigen. Ein Hektar Photovoltaik erzeugt etwa 50-mal so viel Strom, wie Mais, der durch die Biogas-Anlage läuft.

Auch aufgeständerte Photovoltaikmodule verbrauchen Fläche, die wir unter anderem zur Lebensmittelerzeugung brauchen. Es kann doch nicht sinnvoll ein, das Getreide oder den Mais dann aus Südamerika zu importieren.

Engelhardt: Das ist richtig, wir werden etwa zwei Prozent unserer Landesfläche für die Erzeugung der notwendigen erneuerbaren Strommengen benötigen. Auch bisher nicht landwirtschaftlich genutzte Flächen von geringerem ökologischem Wert kämen dafür in Frage. Eine Steigerung der Lebensmittelimporte wäre dann wohl nicht nötig, vor allem, wenn es gelänge, die für die Erzeugung von Futtermitteln benötigte Fläche zu reduzieren.

Innerhalb des Bundes für Umwelt- und Naturschutz gibt es auch andere Stimmen.

Engelhardt: Natürlich, wir sind ein Verband mit rund 230.000 Mitgliedern und vielen engagierten Aktiven in Bayern. Da gibt es auch unterschiedliche Meinungen und Herangehensweisen.

Es gibt Mitglieder, die den Artenschutz über alles stellen.

Engelhardt: Wir können nicht überall Tabuzonen einrichten, die den Ausbau der erneuerbaren Energieträger verhindern. Dennoch gilt es, den Ausbau so arten- und biotopverträglich wie möglich zu gestalten.

Klingt nach einem Umdenken?

Engelhardt: Ja, ich bin froh, dass wir uns bei Landesvorstands- und Landesbeiratssitzungen der letzten Zeit bezüglich der Öffnung von Freiflächen für die Photovoltaik darauf geeinigt haben, wieder den Klimaschutz in den Mittelpunkt unserer Handlungen zu stellen.

Zur Person: Manfred Engelhardt ist seit 1990 Vorsitzender der BN-Kreisgruppe Kitzingen. Der Gymnasiallehrer im Ruhestand ist seit langem auch Sprecher des Landesbeirats des Bundes für Umwelt- und Naturschutz in Bayern.