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IPHOFEN

Heilsames am Wegesrand

Wildkräuter in Wiesen und Wäldern werden häufig unterschätzt. Kräuterführer wissen um ihre Heilkraft, aber auch um ihre Gefahr.
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Vom Weißdorntee (Bild) bis zum Ehrenpreis: Kräuterführerin Maria Halbleib weiß um die Heilkraft der Pflanzen.Fotos: Daniela Röllinger Foto: Daniela Röllinger
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Maria Halbleib streckt die Hand aus, streicht zart über eine Pflanze. „Die Knoblauchsrauke blüht heuer wie verrückt“, sagt die Iphöferin über das Gewächs, an dem die meisten achtlos vorübergehen, weil es einer Brennnessel ähnelt. Die Kräuterführerin weiß aber genau, was da wächst am Wegesrand und gibt beim Spaziergang so manchen Tipp – vom Gelee aus Löwenzahnblüten über Pesto aus der Knoblauchsrauke bis hin zum Gänseblümchen als essbare Dekoration für Speisen.

Treffpunkt Mittelwaldpavillon zwischen Iphofen und Birklingen, im Schatten der Bildeiche: Hier startet ein Rundwanderweg durch Wiesen und Wälder. Ein idealer Ort, um in die Vielfalt der heimischen Wildkräuter einzuführen, findet Maria Halbleib. Hier und am historischen Weinberg in Iphofen hält sie am liebsten ihre Kräuterführungen. An beiden Stellen sind teils völlig unterschiedliche Gewächse zu finden.

Eine markante und den meisten daher auch bekannte Pflanze sticht schon beim Aussteigen am Parkplatz ins Auge: Schlüsselblumen säumen den Wegesrand. Sie siedeln sich gerne auf mageren Böden an und sehen nicht nur schön aus. „Aus ihren Wurzeln lässt sich Tee herstellen, der bei Bronchialproblemen hilft“, erzählt Maria Halbleib. „Er wirkt schleimlösend. Und die Blüten schmecken im Salat“. Allerdings sind Schlüsselblumen geschützt und dürfen nur in ganz geringer Zahl gepflückt werden. Wer ihre Wirkung nutzen will, muss auf Produkte aus kommerziellem Anbau zurückgreifen.

Zweitname Hühnerdarm

Wenige Meter weiter geht Maria Halbleib kurz in die Hocke, pflückt ein Stück einer Pflanze ab: die Vogelmiere, die sich gerne ansiedelt, wo der Boden frisch bearbeitet wurde. Sie ist gut für die Mineralstoffversorgung des Körpers und lässt sich in Smoothies verwerten. Aber Vorsicht: „Sie heißt auch Hühnerdarm, weil Fäden in den Stängeln sind. Schneidet man sie nicht klein, wickeln sie sich in den Mixer und lassen sich nicht mehr lösen.“ Zudem wächst die Miere, auf die Maria Halbleib gerade zeigt, direkt am Parkplatz, ein fürs Kräutersammeln eher ungeeigneter Ort. „Man muss schon ein bisschen aufpassen, wo man die Kräuter holt.“ Neben Feldern, die gespritzt oder gedüngt werden, rät sie davon ab, und auch dort, wo Hunde ihr Geschäft erledigen – was ja an Parkplätzen oft der Fall ist.

Nach der Vogelmiere geht es Schlag auf Schlag. Alle paar Meter, oft alle paar Zentimeter, ein neues, interessantes Gewächs. Was für den Laien aussieht wie ein grünes Durcheinander von Gräsern, Blumen und Kräutern, ist für den Kenner eine Fundgrube an Heil- und Genusspflanzen. Und für Maria Halbleib eine wahre Freude.

Sie begeistert sich schon lange für Kräuter, „berufsbedingt“, wie sie sagt: Sie arbeitet in einer Apotheke und hat somit täglich mit Heilmitteln zu tun, sowohl aus der Natur, als auch aus dem Labor. Vor drei Jahren hat sie bei dem Würzburger Biologen Joachim G. Raftopoulo eine Ausbildung zur Kräuterführerin absolviert. Sie hat gelernt, Wildkräuter zu bestimmen, weiß, wie sie aufgebaut sind, wann sie blühen, hat Brauchtum und Mythologie kennen gelernt und die Anwendung, sowohl in der Heilkunde, als auch beim Kochen.

Um Kräuter zu verzehren, muss man natürlich wissen, welche genießbar und welche gefährlich sind. „Finger weg!“, sagt sie über die Dotterblume, die wie alle Hahnenfußgewächse giftig ist. Äußerste Vorsicht ist beim Wiesenkerbel angebracht, dessen junge Blätter zwar essbar sind, der aber leicht mit giftigen Doldenblütlern wie dem Schierling oder dem betäubenden Hecken-Kälberkropf zu verwechseln ist. Letzterer ist auch als Taumel-Kälberkropf bekannt. „Da wird einem ganz taumelig“, warnt die Kräuterführerin.

Gefährliche Verwechslungen

Verwechslungsgefahr besteht auch beim Bärlauch. Die Pflanze mit dem Knoblauchgeschmack wird gerne für Pesto genutzt, viele sammeln ihn draußen in der Natur. Allerdings beginnt er jetzt zu blühen und ist daher nicht mehr so schmackhaft. Nicht der einzige Grund, warum Maria Halbleib davon abrät, ihn Anfang Mai noch zu sammeln. Gerade jetzt wachsen nämlich, oft direkt neben dem Bärlauch, die Maiglöckchen – beide sind kaum zu unterscheiden. Doch Maiglöckchen sind giftig, ihre Berührung kann zu Hautreizungen, ihr Verzehr zu Übelkeit, Durchfall und Herzrasen führen. Beide Pflanzen unterscheiden sich im Geruch, zudem ist das Bärlauchblatt an der Unterseite matt, das Maiglöckchenblatt glänzend.

„Was kommt denn da raus?”, fragt Maria Halbleib im Weitergehen, bückt sich schnell, schaut die Pflanze genau an und hat schon eine Vermutung: „Das ist ein Aronstab. Nichts für Laien, der ist giftig“, sagt sie. Ein Blick in den Kräuterführer bestätigt ihre Angaben. Das Buch hat sie manchmal bei Führungen dabei, oft aufschlagen muss sie es nicht. Sie kennt fast alle Pflanzen in der Region, so wie eben den Aronstab, der sich da mitten im Bärlauch festgesetzt hat. „Giftpflanze des Jahres 2019“ war er, ist aber trotz dieses Titels vielen Menschen nicht bekannt. Wer seine Blätter oder die roten Beeren isst, bekommt das schnell zu spüren. Zunge und Mundhöhle schmerzen, bei größeren Mengen kommt es zu Erbrechen und Durchfall.

Leckerer Löwenzahn

Durchfall will sicher niemand, aber vielleicht die Verdauung fördern. Das hilft zum Beispiel Löwenzahn. Die kräftig gelb blühende Pflanze kennt jeder, die Kinder lieben sie als Pusteblume, bei anderen ist sie als Unkraut verschrien. Dabei ist Löwenzahn eine wichtige Heilpflanze, die für viele Bereiche angewendet werden kann. 300 verschiedene Sorten gibt es alleine in Bayern, auf der ganzen Welt noch viel, viel mehr. „Die ganze Pflanze kann verwendet werden, sie enthält viele Bitter- und Mineralstoffe“, weiß die Kräuterführerin.

Die jungen Blätter schmecken im Salat, aus dem getrockneten Wurzeln und Blättern lässt sich Tee herstellen, aus den Blüten Gelee. Nur die gelben Blütenblätter dürfen für diesen Gelee verwendet werden. Am besten auch nur, wenn das Wetter schön ist. Dann nämlich haben sie ein besonderes Aroma, riechen nach Honig, um Bienen anzulocken. „Bei schlechtem Wetter spart sich die Pflanze das“, so Maria Halbleib.

Die Blütenblätter müssen einzeln ausgezupft werden, bis man mindestens 100 Gramm hat. „Das ist viel Arbeit, aber lohnenswert“, findet die Iphöferin. Die Blütenblätter werden mit Wasser aufgekocht, das Ganze muss über mehrere Stunden ziehen, dann wird es durch ein Tuch abgegossen und gut ausgedrückt. Den Saft schließlich mit Gelierzucker zu Gelee kochen. „Der schmeckt wunderbar.“

Alle paar Meter weist Maria Halbleib auf eine neue Heilpflanze hin: Weißdorntee zur Stärkung des Herzens. Mädesüß und die Rinde der Salweide gegen Kopfschmerzen. Gundermann, früher zur Prophylaxe gegen Bleivergiftungen genutzt. Scharbockskraut gegen Skorbut. Die Vitamin C reiche Brennnessel mit ihrer nachweislichen antibakteriellen, antientzündlichen und entwässernden Wirkung. Günsel, der schlecht heilende Wunden lindert....

In ihren Fingern dreht sie derweil den ganzen Spaziergang über einen Stängel mit kleinen blauen Blüten. „Der Ehrenpreis, momentan mein Lieblingskraut“, sagt sie lachend. Dessen Heilwirkung und Anwendungsgebiete aufzulisten, würde den Artikel sprengen. Nicht umsonst war er im Mittelalter als „Allerweltsheil“ bekannt. Lange in Vergessenheit geraten, würde es lohnen, sich wieder damit zu beschäftigen. Denn auch er ist ein kleines Stückchen kostbare Natur.

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