Die Familie kann das nicht immer bieten. Manchmal aus Zeitgründen oder weil sie weit weg wohnt. Manchmal aber auch, weil die Betroffenen sich nicht deutlich ausdrücken. Sie sagen, dass sie etwas vom Supermarkt brauchen. Dass es ihnen dabei nicht nur um die Ware geht, sondern um das Einkaufserlebnis selbst, verschweigen sie. „Nein, ihr braucht nicht kommen“, erklären sie ihren Kindern, obwohl sie sich einen Besuch wünschen. Man will ja nicht zur Last fallen.
Viele Menschen führt der Verlust des Ehepartners in die Einsamkeit. Wenn man heim geht, und es ist keiner mehr da. Wenn keiner gute Nacht und guten Morgen sagt. „Diese Einsamkeit kann einem niemand nehmen“, weiß Rosi Moser. Aber der Kontakt zur Familie, zu Bekannten und Freunden, zur Nachbarschaft kann dazu beitragen, dass sie sich nicht ausweitet und das Leben dominiert.
Um gegen das Gefühl der Einsamkeit anzugehen, ist es wichtig, selbst aktiv zu werden. Wer nicht nach außen geht, immer nur vor dem Fernseher oder Computer sitzt und keinen Kontakt mit anderen sucht, hat wenig Chancen. Dass das nicht immer leicht ist, weiß Brigitte Barthel. Auf Feste im Nachbarort ist sie zuerst allein gegangen. „Ich wusste gar nicht, wo ich mich hinsetzen soll“, blickt sie zurück. Jemand hat sie angesprochen, an den Tisch eingeladen. Was folgte, war nicht nur ein kurzweiliger Abend, sondern eine Tradition. Regelmäßig besucht sie die Feste inzwischen, ist in die Gemeinschaft aufgenommen.
Mehrfach hebt Diakon Kleinschnitz im Laufe des Gesprächs die Hand. „Ein Rezept gegen die Einsamkeit“, sagt er dann, und nennt immer neue Aspekte. Gute Nachbarschaft zum Beispiel, bei der man einfach mal miteinander plaudert, wenn man sich sieht, und aufeinander achtet. Das Kochen nicht aufzugeben, auch wenn man alleine wohnt, ist ein anderes Rezept. Dahinter steckt, dem Tag Struktur zu geben, sich Aufgaben zu stellen. „Man braucht eine Beschäftigung.“ Auf andere zugehen: Gehen zwei zusammen zum Seniorenkreis, fällt das leichter und beide sind nicht mehr allein. Kontakte erhalten: Von sich aus mal wieder die alte Freundin oder die Schwägerin anrufen. „Oft wehren sich die Leute gegen solche Telefonate. Aber wenn sie sie führen, sind sie glücklich“, weiß Brigitte Barthel.
„Man darf auch nicht immer nur jammern oder schimpfen“, nennen die drei einen weiteren Aspekt. Wer alles negativ sieht, zu dem kommt niemand gern. Schon gar nicht, wenn er ständig mit Vorwürfen rechnen muss. Wenn es nach einem dreistündigen Besuch heißt „Jetzt gehst Du schon wieder“, statt „Schön, dass Du da warst.“
Dass die Einsamkeit um sich greift, liegt aber nicht nur an der Haltung der Betroffenen oder an ihren Familien. Eine wichtige Rolle spielen gesellschaftspolitische Entscheidungen, sind Kleinschnitz, Moser und Barthel sicher. Dass die Zahl der Vereine oder Seniorenkreise abnimmt, ist ein Problem. „Wenn es die nicht mehr gibt, wird es kälter in der Gesellschaft.“ Werden Läden und Bankfilialen in den Orten geschlossen, fehlt den Menschen ein Treffpunkt, ein Ansprechpartner. Ähnlich wirkt sich die schwindende Zahl an Gottesdiensten aus. Pflegende Angehörige werden zu wenig unterstützt, findet der Diakon. „Die sind oft sehr einsam.“ Er träumt außerdem von einer Tagesbetreuung direkt in den Dörfern, in der gewohnten Umgebung, mit Beschäftigungsangeboten und Essen. „Dann wären die Leute bereit, herauszugehen aus ihrer Einsamkeit.“ Eine Betreuung, die er sich auch für sich selbst irgendwann mal vorstellen kann – in einer solchen Einrichtung oder in einem Seniorenheim, auch wenn seine Kinder gleich nebenan wohnen. „Wenn ich irgendwann mal merken sollte, dass ich mich einsam fühle, gehe ich irgendwo hin, wo viele Menschen sind.“
Interview mit Dr. Alexandra Herr über die Auswirkungen von Einsamkeit auf die Gesundheit und den Zusammenhang mit Depressionen
-> Lokales Seite 14