Wer den Künstler Marc Kraemer kennt, würde ihn wahrscheinlich als kreativ und idealistisch beschreiben, als fahrig und verplant. Kurzum, als verwirrten Professor. Dass er es mit Zahlen sehr genau nimmt, würde man auf den ersten Blick nicht vermuten. Doch mit der Vorlage einer ganz neuen Art und Weise von Stadtchronik beweist er das Gegenteil und befindet sich in seiner wissenschaftlich fundierten Arbeit auf Augenhöhe mit gelehrten Heimatforschern und Historikern.

In sechs Bänden geht er auf „Eine bebilderte Reise durch die Geschichte der Stadt Marktsteft“, erzählt vom „verschollenen Keerlvermögen“, vom „Kronerben“ und „dem missratenen Sohn“. Die Inhalte hat er nach Jahren der Forschung selbst geschrieben, nach intensiven Recherchen am Rechner, in Bibliotheken und Archiven, in unzähligen Stunden, die er als Freier Künstler eher beim Malen hätte verbringen müssen.

Seit seiner Kindheit setzt er sich mit der Geschichte seiner Heimatstadt auseinander, lässt diese auch in manchen seiner Kunstwerke lebendig werden. Damit wuchs aber auch seine Sorge über die Vielzahl an historischen Unwahrheiten einerseits und dem fahrlässigen Umgang seiner Mitbürger mit ihrer Geschichte andererseits. „Wer keine Demut vor der eigenen Geschichte zeigt, der demütigt seine Geschichte“, sagt Marc Kraemer. Er setzte sich das Ziel, die Geschichte Marktstefts von einer anderen Sichtweise aus zu erzählen.

Er begab sich zu den Wurzeln, zu den Quellen der Archive und Sterbebücher, beschäftigte sich mit den Inschriften auf dem Friedhof, mit Initialen und Inschriften über Fenstern, Türstöcken und eben mit dem Stammbaum der Familie Keerl.

Der hat es in sich. Nicht nur, dass er sich, ausgehend vom Urahnen Sebastian Keerl (gest. 1577), in sämtliche Richtungen verzweigt und verästelt. Die Lebensgeschichten mancher Nachfahren bieten genügend Stoff, um daraus Bücher zu schreiben. Marc Kraemer hat das jetzt getan. So berichtet er von einem Marktstefter, der an Weihnachten 1776 in der alles entscheidenden Schlacht von Trenton den amerikanischen General George Washington auf dem Schlachtfeld persönlich kennen lernte und in der Weltgeschichte mit drei Identitäten auftaucht: als Johann Heinrich alias Surgeon Henric alias Dr. Henry Keerl.

Eine weitere Tatsachengeschichte erzählt von dem Marktstefter Wilhelm Phillip Beuschel. Er wurde 1777 von seinem Heimatort Marktsteft nach Amerika eingeschifft und kämpfte dort als englischer Söldner, ehe er 1782 in Gefangenschaft geriet und schließlich in Winchester bei einem Büttner als Gehilfe arbeitete. Wie es der Zufall wollte, war auch jener Mann 1777 aus Deutschland eingeschifft worden, desertierte aber bereits ein Jahr später und baute sich in Winchester ein neues Leben auf. Während seiner intensiven Recherchen stieß Marc Kraemer auf den Namen des ehemaligen Landsmanns, und seine Überraschung hätte nicht größer sein können. Es handelte sich nämlich um Johann Schardt, der aus dem heutigen Marktstefter Ortsteil Michelfeld stammt.

Überrascht wurde Kraemer auch des Öfteren als kleiner Bub, beim ungestörten Stöbern „im uralten Haus meiner Großmutter am Lindenplatz“, schreibt er in Band vier. Dort, „in einem mächtigen Wohnzimmerbuffet aus Eiche, in der ungenutzten guten Stube des ersten Stocks, in welchem bei jedem Schritt die Holzbohlen angenehm knarrten und ächteten“, entdeckte der junge Kraemer verschiedene Veröffentlichungen des bekannten Heimatkundlers Fritz Mägerlein. Auch wenn das Stöbern „nicht gern gesehen wurde“, verbrachte er viele Stunden mit der Lektüre der Landkreis-Jahrbücher, die Mägerlein in dieser Zeit verantwortete. In vielen Ausgaben gab es „Informationen, Geschichten oder ganze Kapitel über die reiche Geschichte des ehemaligen Häckerdorfes M‘Steft, welches am 1. Januar 1870 zur Stadt erhoben wurde“.

„Wer keine Demut vor der eigenen Geschichte zeigt, der demütigt seine Geschichte.“
Marc Kraemer, Künstler und Kulturwissenschaftler

Dass Kraemers eigene Keerl-Chronik ausgerechnet in dem Jahr erscheint, in dem das Stadtrecht 150 Jahre alt wird, beschreibt er als Zufall. „Wie hätte ich vor fünf, sechs Jahren, als ich damit begann, mich näher mit dem Stammbaum zu beschäftigen, ahnen sollen, dass ich genau jetzt fertig werde“, sagt er, kann aber seine Freude darüber, dass das Timing so dermaßen passt, nicht ganz verhehlen. So beginnen die Bände 4 bis 6 als „Beitrag zur Stadt- und Familiengeschichte der Stadt Marktsteft“ mit einem Hinweis auf das Jubiläumsjahr – und „zum Geleit“ mit einem Gruß des Marktbreiter Altbürgermeisters Walter Härtlein. Darin verdeutlicht er die überregionale Bedeutung des Markstefter Friedhofes als Kulturdenkmal und freut sich, dass Marc Kraemer es verstand, „die Steine wieder zum Reden zu bringen. Professoren, Doktoren, Kirchengelehrte und Historiker haben sich probiert, doch man erkannte die Sprache nicht mehr. Wer sich hier unendlich viel Mühe gemacht hat, echte wissenschaftliche Kulturarbeit in Bild und Text zu einer hochinteressanten Lektüre zu bringen, verdient unsere Anerkennung und unseren Dank“, schreibt Härtlein weiter und bescheinigt dem Marktstefter Künstler eine „hochwissenschaftliche Arbeit“.

Und Walter Härtlein ist nicht der einzige begeisterte Experte. Auch mit Prof. Dr. Erich Schneider, dem Direktor des Staatlichen Museums für Kunst- und Kulturgeschichte in Würzburg, pflegte Marc Kraemer schon den wissenschaftlichen Diskurs. Und der langjährige Heimatpfleger Dr. Hans Bauer drückt seine Anerkennung in Zahlen aus: Als Mitglied des Lions-Clubs fördert er die Arbeit des Marktstefters auch finanziell.

Bei der Vorstellung der Bildbände soll nun auch Kraemers Installation „Wie der Schorsch nach Franken kam“ einen prominenten Platz bekommen. Inzwischen Eigentum des Landkreises, wurde das Kunstwerk 2019 für die Ausstellung „Ureigen“ in Iphofen kreiert. Sie zeigt George Washingtons Überquerung des Delaware Rivers (aus dem berühmten Gemälde von Emanuel Lenze) vor der Silhouette Marktstefts auf dem Main und verdeutlicht den Bezug des Ortes zu den USA.

Marc Kraemer hat aufgedeckt, welch aktive Rolle mancher Marktstefter Bürger im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg spielte und erzählt davon in seiner neuen Stadt- und Familienchronik. Wer sie erst einmal gelesen hat, wird ganz sicher nicht mehr glauben, dass Marc Kraemer keinen Wert auf die Genauigkeit der Zahlen legt.