• Wie geht der Mensch mit Wildtieren wie dem Biber um?
  • Typische Konfliktfälle zwischen Mensch und Biber
  • Biber früher fast ausgerottet, seit 1966 wieder in Bayern
  • Tiere sind streng geschützt
  • Wie gelingt der Interessensausgleich zwischen Biber und Mensch?
  • Lage im Landkreis Kitzingen

Gibt es ein Biberproblem im Landkreis Kitzingen? „Das ist die Frage“, sagt Dieter Lang. „Ist es nicht eher ein gesellschaftliches Problem?“ Es gehe nicht darum, ob Biber, Waschbär, Wolf, Fischotter und Saatkrähe gut oder böse sind, sondern vielmehr um die Frage, wie der Mensch mit Wildtieren umgeht, findet der Fachmann von der Unteren Naturschutzbehörde. „Sie sind in der Kulturlandschaft angekommen. Aber nicht in der Gesellschaft.“

Menschen und Biber - typische Konfliktfälle

Ein gebissener Angler, Löcher in Wegen, unterhöhlte Dämme, große Schäden für Teichwirte, Probleme bei Kläranlagen.... Der Biber hat in den vergangenen Wochen im Landkreis mehrfach für Schlagzeilen gesorgt. Man fühle sich im Stich gelassen, so ein Vorwurf mehrerer Betroffener. Es müsse sich etwas ändern.

Die Fakten rund um den Biber sind schnell erzählt: Im 19. Jahrhundert galt der Biber in Europa als fast ausgerottet. In den 1920er Jahren begann die Wiedereinbürgerung, zunächst in Russland, Lettland und Schweden, es folgten weitere Länder. 1966 wurde der Biber nach Bayern zurückgebracht. Die Wiederansiedlung gelang, die Population wuchs.

Ein komplexes Thema

Die Tierart ist nach europäischem Recht, der FFH-Richtlinie und dem Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt, die Tiere dürfen nicht gejagt werden, die Bauten und Röhren nicht zerstört. Wobei die „letale Entnahme“, wie es offiziell heißt, mit Ausnahmegenehmigung erlaubt ist. Dort, wo der Biber große Schäden anrichtet oder Gefahr im Verzug ist, darf er mit Zustimmung der Unteren Naturschutzbehörde geschossen oder mit Fallen gefangen werden. Dies gilt aber vor allem für gewerblich genutzte Fischteiche oder Kläranlagen, für die freie Landschaft liegt die Messlatte extrem hoch.

Grundlage für die Entscheidungen rund um den Biber ist das Bayerische Bibermanagement, sagt Dieter Lang. „Das ist unsere Bibel.“ Darin geht es um den Interessensausgleich zwischen Biber und Mensch, es geht um Beratung, Prävention, Schadensausgleich und „Zugriff“ – damit ist die Tötung oder die Beseitigung von Biberbauten gemeint.

Im Landkreis Kitzingen gibt es derzeit etwa 70 Biberreviere, insgesamt leben hier etwa 230 Biber. Für deren Schutz und das Miteinander von Mensch und Tier investiert die Untere Naturschutzbehörde viel Zeit. Mindestens acht Stunden, umgerechnet also einen Tag, pro Woche ist einer der drei Mitarbeiter mit dem Biber beschäftigt: Anrufe und Mails, Beratung, Ortstermine, Stellungnahmen, Absprache mit den Biberberatern des Landkreises...

Ausbreitung geschützter Arten 

Nicht immer geht es bei den Anrufen und Mails der Bürger rund um den Biber sachlich zu. „Der Großteil der Betroffenen ist vernünftig“, berichtet Dieter Lang.

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Teilweise aber werden die Mitarbeiter auch schon mal beschimpft. Längst nicht jeder versteht, dass die Mitarbeiter sich an geltendes EU-Recht halten müssen und wenig Spielraum haben. Der Vorwurf, man lasse die Geschädigten im Stich, trifft die Mitarbeiter um so mehr.

Gute Seiten, schlechte Seiten

Schwarz oder weiß, gut oder böse, das gibt es in der Ökologie nicht, erklärt Dieter Lang. Jedes Tier, jede Pflanze, hat ihre guten Seiten, aber in manchen Belangen vielleicht auch schlechte, und das gilt auch für den Biber. „Es ist ein komplexes Thema“, sagt Lang. Ein Thema, mit dem man sich befassen muss, wenn man etwas erreichen will.

Informationen, Beratung, Hilfen, Unterstützung, Unterlagen rund um den Biber gibt es zuhauf – und genauso über viele andere Naturschutz-Themen. Doch genutzt werde dies alles immer noch viel zu wenig. Obwohl mehr und mehr Leute sich Umwelt- und Naturschutz auf die Fahne schreiben.

Konflikte und Biberschäden vermeiden - es gibt viel Information, Beratung und Hilfen

„Es reicht nicht, mit einem Samentütchen rumzulaufen“, sagt Dieter Lang. Ein Satz, der sich provokant anhört. Doch angesichts der vielen Gärten mit Golfrasen und ein paar wenigen Sträuchern, angesichts von zugepflasterten Flächen in Bau- und Gewerbegebieten, angesichts der Diskussionen und Beschwerden, wenn ein Tier dem Menschen und seinen Interessen zu nahe kommt, ist der Satz nachvollziehbar.

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Da geht es um den Biber, aber auch um den Waschbär, das Wildschwein, die Saatkrähe, in nicht allzu ferner Zukunft auch den Wolf. Mit ihnen umzugehen hat die Gesellschaft verlernt. Sie füttert das goldige Tierbaby und wundert sich, wenn das ausgewachsene Wildschwein später den Vorgarten verwüstet, der Waschbär die Mülltonnen umwirft und ein Chaos anrichtet. Dann ist der Bambi-Effekt verschwunden, dann wird das Tier zum Feind. Ist das eigene Eigentum betroffen, rückt der Gedanke an Tier- und Naturschutz in den Hintergrund.

Es gibt keinen Monsterbiber, der auf den Menschen lauert“, sagt Dieter Lang zum Vorfall in Marktsteft, bei dem ein Angler von einem Biber gebissen wurde. Das sei ein bedauerlicher Unfall gewesen.

Der Biber ist das größte europäische Nagetier

Aber der Biber ist trotz allem ein wehrhaftes Tier und vor seiner Burg oder Röhre wird er sehr nervös, insbesondere dann, wenn er Junge hat. Der Mann sei zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen – des nachts, wenn der Biber aktiv ist, zu nah an dessen Bau. Da fühle sich der Biber in die Enge getrieben und verteidige sich.

Lang will den Vorfall damit nicht herunterspielen, sondern erklären. Es komme darauf an, wie man mit Wildtieren umgeht. „Man muss den Tieren Respekt zollen, wenn man sich in der Natur aufhält.“ Nicht nachts dort angeln, wo der Biber lebt, gehört genauso dazu, wie nicht um Mitternacht im Wald zu joggen, wo es Wildschweine gibt. „Und auch der Fuchs kann beißen, wenn man ihn stört.“

Artenvielfalt nimmt zu

Bei all der Kritik am Biber werden die positiven Seiten des eifrigen Bauers oft vergessen. In Birklingen zum Beispiel, da habe sich dank des eifrigen Nagers aus einem 70 Zentimeter breiten Bach ein 70 Meter breites Gewässer entwickelt, an dem sich Vögel und Libellen wohl fühlen, an dem Arten leben, die es vorher dort nicht gab.

Auch wenn die eine oder andere Art vielleicht verloren gehe oder sich an den Rand des Reviers zurückziehe, überwiege das Positive. Die Artenvielfalt nehme um mindestens das Zehnfache zu, erklärt Lars Chrischilles, am Landratsamt für Naturschutzrecht zuständig.

Intensiver Austausch ist nötig

Für die Untere Naturschutzbehörde ist es wichtig, frühzeitig zu erfahren, wo sich der Biber niederlässt. Dann kann sich Dieter Lang oder ein Biberberater vor Ort umsehen und bewerten, ob die Situation problematisch werden kann.

Ob es reicht, Bäume mit Draht vor den starken Zähnen des Nagers zu schützen. Ob die Röhren eine Gefahr darstellen und Einbrüche zu befürchten sind. Ob es eventuell Entschädigungen gibt. Die Bewertung hängt nicht nur von der Aktivität des Bibers ab, sondern auch vom Ort. Davon, ob es sich um einen frei fließenden Bach handelt oder beispielsweise um einen See, der vielleicht für den Hochwasserschutz wichtig ist oder an dem es einen Freizeitbereich gibt. Um richtig entscheiden und handeln zu können, bedarf es eines umfassenden Austauschs zwischen der Bevölkerung, der Unteren Naturschutzbehörde und den involvierten Fachbehörden, so Lang.

Sollte der strenge Schutz des Bibers gelockert werden?

Sollte der strenge Schutz des Bibers gelockert werden, jetzt, da das Tier längst wieder Fuß gefasst hat in Europa? „Ja“, sagt Dieter Lang auf diese Frage. Auch in der Natur sei nichts steter als der Wandel. Beim Wolf hat bereits ein Umdenken eingesetzt. Ob es auch beim Biber kommt?

Die Untere Naturschutzbehörde am Landratsamt hat es nicht in der Hand, sie kann das durch EU-Recht geregelte Problem an der Basis nicht lösen. Wie sagte Dieter Lang eingangs: „Es ist kompliziert.“ Wobei auch ein Gesetz eines nicht ändern wird: Der Mensch muss sich bewusst werden, dass die Zahl der Wildtiere zunehmen wird – und lernen, mit ihnen umzugehen. „Abschießen kann kein Allheilmittel sein.“

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