Er hat ein verschmitztes Lächeln, blaugraue Strahleaugen und nach 97 Jahren Lebenserfahrung schlägt sein Herz noch immer voller Freude, wenn es um Kinder geht. Rudolf Demel aus Iphofen ist ein Bilderbuch-Opa. Wie er so weise und freundlich auf seinem Sofa sitzt und erzählt, strahlt er vor allem eines aus: Geborgenheit.

Zeit und Rückhalt für Kinder

Der Iphöfer, 1915 geboren, hatte eine "schöne Kindheit", und zwar in Altstadt im Sudetenland. "In einer Großfamilie aufzuwachsen, ist ein Glück. Jeder kümmert sich um die Kinder, ihnen wird Zeit gewidmet und sie finden viel Rückhalt." Dass diese Form des Zusammenlebens heute oft nicht mehr praktiziert wird oder werden kann, sei deshalb durchaus schade - für alle Generationen.
Auch mit 97 Jahren wohnt Rudolf Demel in seinen eigenen vier Wänden in Iphofen. Möglich ist das, weil seine Tochter Edda, die mit ihrem Mann im selben Haus lebt, ihren Vater täglich umsorgt. Geistig sehr rege, hat Demel im Alter Probleme mit dem Gleichgewichtssinn und mit den Augen bekommen. Deshalb ist er nicht mehr so mobil, wie er es gerne wäre. Energiegeladen ist er trotzdem: "Ich mach´ gern mal einen Spaß. Humor ist im Leben sehr wichtig, gerade in der Ehe, aber auch, wenn es um die Erziehung der Kinder geht."

Kind und Frau verlassen müssen

Wer gemeinsam Spaß habe, der könne auch gemeinsam ernste Themen besprechen, meint Demel. Gern denkt er daran zurück, wie er als junger Vater seine Tochter in einem Korb auf dem Fahrrad spazieren gefahren hat - zu beider Freude. Allerdings währte Letztere nur so lange, wie Demel Heimaturlaub hatte. Danach musste der Soldat wieder zum Kriegsdienst zurückkehren.
Wie er sich dennoch ein sonniges Gemüt bewahrt hat? "Ich hatte in entscheidenden Situationen auch viel Glück", denkt der Senior zurück. Dazu zählt er zunächst einmal seine schulische Bildung. Nach fünf Klassen Volksschule konnte Demel für drei Jahre die Bürgerschule besuchen, wo ausgebildete Fachlehrer sich um die Schüler kümmerten. Die Schule selbst war kein nüchterner Zweckbau, sondern eine Augenweide: ein mehrstöckiges herrschaftliches Haus in Wagstadt, das zu besuchen "einen richtig stolz machte". Kein Wunder, dass Rudolf Demel sehr belesen ist - auch noch im hohen Alter.
Wegen des wirtschaftlichen Niedergangs zwischen den Weltkriegen konnte Demel nicht, wie er es sich gewünscht hatte, Architekt werden. Stattdessen begann er eine Zimmermannslehre, die durch die Wehrpflicht beim tschechischen Militär endete, und später eine Lehre bei der Bahn. Nach dem Anschluss ans Deutsche Reich musste er als 25-Jähriger für die Wehrmacht in den Krieg ziehen, unter anderem nach Frankreich.
Frau und Töchterchen schafften es während des Krieges zu einem Onkel in der Nähe von Wien. Auch Demel selbst hatte das von ihm viel zitierte Glück: Nachdem das Team in der Schreibstube zufällig von seinen guten Sprach- und Schriftkenntnissen erfahren hatte, holte es Demel von der Front weg. "Ich kam in die Schreibstube - das hatte ich mir immer gewünscht!"
Kurz darauf - er hatte dem Schirrmeister gesagt, er würde gerne Autofahren lernen - , durfte er zu Übungszwecken mit ins Materiallager fahren und von dort aus gleich den Heimaturlaub antreten. Das war - wiederum - Demels Glück, denn seine Kollegen wurden während seiner Abwesenheit bei einem Partisanenüberfall getötet.
Als der Krieg zu Ende war, musste Demel - mit einer weißen Armbinde, die ihn als Deutschen brandmarkten - ein Jahr lang als Knecht bei einem Bauern dienen. Dann, als die Deutschen abgeschoben wurden, kam er in ein Lager in Hof, wo er erfuhr, dass seine Frau mit den Schwiegereltern und der kleinen Tochter inzwischen in Markt Bibart im Lager waren. "Nichts wie hin", war seine Devise.
So feierte die Familie ein Wiedersehen nach langer Trennung und kam erst einmal in Iphofen unter, im "Wirtshaus zum Kreuz", der heutigen Zahnarztpraxis. Rudolf Demel heuerte zunächst als Waldarbeiter an - das Holz, das er heimtragen konnte, wurde gebraucht, um im Hof des Zehntkellers ein Feuer zu machen und darauf mitgebrachtes Essen zu garen. "Als Flüchtlinge hatten wir ja keinen Herd."

Wie neu geboren gefühlt

Später, nachdem alle schriftlichen Bewerbungen bei der Deutschen Bahn keinerlei Reaktionen hervorriefen, fuhr Demel eines Tages mit seiner Frau zur Bahndirektion Nürnberg. Auf dem Weg brach ihr Holzschuh entzwei und Rudolf Demel wollte das schon als schlechtes Omen deuten. Doch seine Frau machte nicht kehrt. Und siehe da: Es gab gerade einen freien Platz und so wurde Demel als Aufsichtsbeamter - er selbst sagt "Aufsichtsknecht" - nach Kitzingen beordert. "Dort war ich mit meiner roten Mütze quasi Mädchen für alles, von der nicht gelösten Fahrkarte bis hin zu Problemen im Abteil."
Einmal fing ein Abteil plötzlich Feuer - ein Bollerofen im Inneren war umgefallen. Es dauerte lange, bis der Brand bemerkt wurde. Die Flammen schlugen bereits hoch. "Ich habe gefleht: ´Mutter Gottes, hilf!´ Und tatsächlich gelang es, das Feuer zu löschen, ohne dass jemand ernsthaft Schaden davontrug." Er habe sich "wie neu geboren gefühlt", schildert der Senior.
Vielleicht sind es solche Erfahrungen, die Rudolf Demel zu einem echten Pazifisten gemacht haben. Auch bei der Kindererziehung. "Ich habe meine Tochter nie mit Gewalt erzogen, sondern lieber mit Liebe. Und ich war schon immer stolz auf sie." Als sie eine Grundschülerin war, habe er sie oft zur Schule begleitet, später sei sie auf die Oberschule gewechselt. "Sie hat ihren Weg gemacht." Und Demel unter anderem auch zwei Enkelsöhne geschenkt.
Dass diese wiederum Kinder bekommen, darauf hofft Demel noch. Er hat sich aber schon vor Jahren gern als "Hilfsopa" für Nachbarskinder verpflichtet. "Der Nachbarsjunge sollte von der Schule aus jemanden finden, dem er vorlesen kann. Er hat mich genommen." Jung und Alt haben einander nicht nur Geschichten erzählt, sondern auch gemeinsam Salzletten gegessen "und er hat sich gefreut, wenn ich ihm zum Dank ein Geld gegeben habe". Demel sinniert: "Ich habe Kinder wirklich gern!"

Was die Natur vorgesehen hat

Es liege jedoch in der Natur der Dinge, dass Väter trotz aller Liebe oft etwas "rauhbeiniger" seien als Mütter. Deshalb wünscht Demel sich, dass Frauen oft bei ihren Kindern sein können: "So ist es in der Natur vorgesehen, so sollte es sein." Wenn sich Berufstätigkeit und Familie vereinen lassen - umso besser, meint Demel. Schlecht sei es aber, wenn daraus eine ständige Hektik wachse, ein fortwährendes Zeitproblem. Im Prinzip, findet Demel, müsse jeder sein Familienleben nach eigenen Vorstellungen gestalten. "Hauptsache ist, dass die Familie weiß, dass sie eine solche ist. Jeder sollte das Gefühl haben: Da gehöre ich dazu."
Er selbst habe bei der Erziehung seiner Tochter "immer auf das Herz gehört. Ich glaube, dass ist auch das Wichtigste", meint Demel. Wer dann noch eine gute Kommunikation mit dem Partner pflege, habe quasi "schon gewonnen". Man müsse "viel miteinander reden, gerne auch mal heiter und humorvoll, das ist gut fürs Verhältnis der Eltern".