"Wenn man das erlebt hat, dann kann man die ganze Theorie vergessen" - wenn Kai Glöggler (19) am Telefon über die Ereignisse des 29. Aprils 2021 spricht, merkt man ihm seinen Stolz schon ein bisschen an. Der 19-Jährige, Fachsanitäter bei der Bereitschaft des Bayerischen Roten Kreuzes aus Dettelbach, und sein Kollege Marcel Schöpf (21) mussten spontan als Geburtshelfer einspringen. Und das mitten auf einem Gehweg in Unterfranken.

Am Donnerstagabend (29. April 2021) wurden beide zu einem Einsatz im unterfränkischen Dettelbach gerufen. Alarmstichwort: "Geburt/Entbindung aktiv". Die "Helfer vor Ort", wie es auf ihrem Einsatzfahrzeug steht, waren innerhalb weniger Augenblicke am Einsatzort in einem Wohngebiet. Auf dem Gehweg lag die Mutter. Die Wehen hatten bereits eingesetzt.

Kind wird mitten auf Gehweg in Dettelbach geboren - Sanitäter erzählt besondere Geschichte

Doch warum lag die Frau auf dem Gehweg? Am Telefon erzählt uns Glöggler, wie es zu diesem besonderen Geburtsort gekommen ist. Nach dem Kochen hätten sich die Schwangere und ihr Mann dazu entschlossen, sich langsam Richtung Krankenhaus aufzumachen. In Würzburg wollten sie ihre Tochter auf die Welt bringen, gut 20 Minuten von Dettelbach entfernt. Doch soweit sollten sie nicht mehr kommen. "Als sie ins Auto einsteigen wollte, waren die Wehen schon zu stark", beschreibt Glöggler die Situation.

Ihr Mann handelte schnell, holte Jacken und Decken aus dem Haus und alarmierte den Rettungsdienst. "Der Kopf schaut schon raus. Gut, dass Sie da sind", begrüßte der werdende Vater die beiden Sanitäter. "Ich bin dann schnell im Kopf die Theorie durchgegangen, doch dann lief innerlich ein Film ab", beschreibt Glöggler die Sekunden vor dem Einsatz. "Keine halbe Minute später war die Kleine dann da."

Für ihn und Marcel Schöpf war das die erste Geburt, sagt er. Mit 19 und 21 Jahren stehen beide noch am Beginn ihrer Sanitäter-Laufbahn. Zwar sei das Thema Geburt Teil der theoretischen Ausbildung zum Sanitäter, "aber der Anteil sehr gering."

"Es war schon kalt draußen"

Kurz darauf treffen auch Notarzt, Rettungswagen und Angehörige der frisch gebackenen Eltern ein. Die Hebamme, die fast schon in Würzburg - dem geplanten Geburtsort - eingetroffen war, musste sich wieder auf den Rückweg machen.

"Der Notarzt hat erste Untersuchungen an Mutter und Kind vorgenommen. Dann haben wir entschieden, dass wir sie nicht ins Krankenhaus bringen müssen", erklärt Glöggler. "Dann sind wir schnell ins Haus, es war doch recht kalt auf der Straße." Für die Eltern ist es bereits das dritte Kind. Die Kleine heißt Annika.

Am Tag danach statten beide "Hebammen" dem Neugeborenen und den Eltern einen kleinen Besuch ab. Doch sie kamen nicht alleine. Im Gepäck haben Glöggler und Schöpf einen plüschigen Begleiter: einen BRK-Teddy. Das Kuscheltier wird die Eltern wohl immer an den besonderen Abend des 29. April 2021 erinnern - und irgendwann auch Annika, wenn sie alt genug ist, die Ereignisse zu verstehen.