Nebelschwaden wabern über das Sulzfelder Maustal. Ganz schön frisch ist es geworden. In den gelb-grünen Weinblättern glitzern Tautropfen. Zwischen den Rebstöcken sind fleißige Lese-Helfer am Werk, ihre Gespräche fließen gedämpft in die kühle Herbstluft ein. Zwar dringt noch kein Sonnenstrahl durch den milchigen Morgenhimmel, dafür aber - urplötzlich - Mozart.
Die Lese-Helfer stutzen. Was ist das? Musik im Weinberg? Sie legen ihre Scheren beiseite und lugen durch die Rebstöcke. Dann gellt ein Ruf über die Reben: "Der Teufelsgeiger!"

Den Trauben etwas Gutes tun


Gestern Früh, kurz nach Zehn, erlebte die "Alte Steige" im Maustal eine staunenswerte Premiere: Florian Meierott, auch bekannt als "Teufelsgeiger", seit die Süddeutsche Zeitung ihn so betitelt hat, wirbelte mit seiner wertvollen Violine durch den Wengert.
Aber warum nur?
Meierott, der mit seiner Frau im Schloss Erlach unweit von Sulzfeld lebt, lässt den Bogen über die Geige kreisen und grinst geheimnisvoll. "Ich liebe Franken. Und Wein, speziell Silvaner. Deshalb will ich den Trauben gern etwas Gutes tun." Meierott setzt die gespannten Pferdehaare wieder auf die Saiten - und schon dürfen sich die reifen Beeren an Bach, Brahms, dem Traubenwalzer oder auch etwas Classic-Rock erfreuen.
Ein paar Stunden später landen die Teufelsgeiger-Träubel in der Presse. "Über Nacht sedimentiert der Saft und wird danach zur Vergärung in ein 2400-Liter-Holzfass gefüllt", erklärt Kellermeister Uli Luckert: "Die Trauben werden ganz traditionell ausgebaut." Mit einer Ausnahme: Alle zwei, drei Wochen wird Florian Meierott sich mit seiner Geige in den Keller begeben - und dort nach Herzenslust spielen. "Vor allem Stücke in Dur, ab auch ein paar in Moll. Sozusagen die ganze Bandbreite des Lebens."
Im Februar oder März soll der "musikalische Wein" abgefüllt werden, in Literflaschen und Bocksbeutel. Und dann soll er munden wie Mozarts Kleine Nachmusik.
Ein Werbe-Gag? "Ich will damit keinen Cent verdienen", weist Meierott jegliches finanzielles Interesse von sich. "Ich mache das einfach zum Spaß und aus Liebe zum Wein." Schon vor Jahren habe er Feuer gefangen für Wein(bergs)musik: Als er 2006 im Goethe-Weinberg am Würzburger Stein ein Jahr lang quasi täglich ein kleines Konzert gab - erst nur für die Trauben, mit der Zeit kamen aber auch immer mehr Menschen. Kurz gesagt: Der "Geiger vom Stein"-Wein wurde ein Renner - 10 000 Flaschen waren damals ruckzuck weg. Das Projekt wurde sogar wissenschaftlich begleitet. Es sei klar geworden: "Pflanzen können auf jeden Fall Geräusche wahrnehmen."

Zwischen Himmel und Erde


Deshalb packt Meierott nun seine 350 Jahre alte Stainer-Violine wieder aus - für ein kleineres, aber nicht minder ausgefallenes Projekt. "Ein Projekt mit Augenzwinkern", betont der "Geigengott". Zusammen mit dem Sulzfelder Bernd Staudt vom gleichnamigen Weingut und Gasthaus "Zum Stern", den er seit Jahren kennt, will der 44-jährige Musiker den "Geiger von Franken"-Wein kreieren. Gern stellt Staudt dafür bestes Lesegut von der "Alten Steige" zur Verfügung: "Oft hat man einen guten Einfall und setzt ihn dann nicht um", meint der Sulzfelder. "Ich finde die Idee interessant und witzig und unterstütze sie."
Träume seien schließlich dafür da, dass man sie lebt. Beziehungsweise: "Dass man Nägel mit Köpfen macht".
Florian Meierott nickt zu den Worten seines Freundes. "Zwischen Himmel und Erde gibt es Dinge, die man nicht vollständig beschreiben kann. Da sind schon noch ein paar Geheimnisse", sinniert der 44-Jährige. Er bezeichnet sich selbst als "positiven Menschen, der etwas Positives weitergeben möchte" - zum Beispiel ein harmonisches Signal durch die Trauben an den Wein.
"Schau` mer mal, wie der Wein wird. Ich bin echt gespannt", gibt Kellermeister Luckert lachend zu. Mit einem schelmischen Blick auf Florian Meierotts Geige fügt er hinzu "Jetzt liegt´s ja nicht mehr an mir...!"