Als die Zivilbeamten im Februar 2016 am Elternhaus des Verdächtigen klingeln, sitzt der 26-Jährige noch in Schweinfurt in der Berufsschule. Die Polizisten schaffen es trotzdem irgendwie ins Innere - trotz massiven Widerstandes der Mutter. Diese versucht zunächst, die Eingangstüre wieder zuzudrücken.

Im Haus geht der "Wahnsinn", wie es eine Polizistin am Mittwoch vor Gericht beschreibt, weiter. Das Ehepaar beschwert sich lauthals über die Fremden, soll laut Aussage der Polizeibeamten mehrfach versucht haben, den Einsatz zu verhindern. In einem unbeobachteten Moment schickt die Mutter ihrem Sohn eine knappe Nachricht: 'Polizei daheim'. Sofort macht sich der Junior nach eigenen Angaben "erschrocken" und "nervös" auf den Weg nach Wonfurt (Landkreis Haßberge).

Vor dem Haus parken mehrere Zivilfahrzeuge, zumindest ein Polizeiauto ist als solches eindeutig zu erkennen. Der 26-Jährige schnappt sich eine Axt, die er in seinem Auto deponiert hat, und betritt das Haus. "Mit der Axt habe ich falsch reagiert. Ich wollte niemanden bedrohen oder erschrecken", gibt der Mann vor Gericht an.

Dass die Situation anschließend derart eskaliert, könne er nicht nachvollziehen. Die Axt habe er sofort fallen lassen, nachdem er von den Polizisten dazu aufgefordert wurde. Anschließend habe er beide Hände gehoben. "Ich war in keiner Angriffsposition."

Die Beamten hätten trotzdem ihre Waffen gezückt, ihn zu Boden geworfen und gefesselt. "Dabei wurde ich mehrfach ins Gesicht geschlagen." Deshalb sei er auch "explodiert", habe sich am Treppengelände festgeklammert und die Polizisten beleidigt. "Das gebe ich zu." Der Angriff sei trotzdem unverhältnismäßig gewesen. "Ich bin verletzt worden, war zwei Wochen krankgeschrieben."

Auch die Eltern des Angeklagten sagten am ersten Prozesstag aus. Die Mutter gab an, dass sie zu Beginn des Polizeieinsatzes das Gefühl hatte, sie werde überfallen. "Ich habe die Personen als Polizei nicht erkannt."


"Eine furchtbare Situation"

Als sie den Sohn mit der Axt in der Hand sah, habe sie ihn aufgefordert, das Beil wegzulegen. Das habe er "leider" erst später getan. Anschließend hätten die Polizisten an ihrem Sohn herumgezerrt und auf ihn eingeschlagen. "Eine furchtbare Situation. Ich hatte Angst um ihn." Sie habe deshalb um Hilfe gerufen. Behindert habe sie den Einsatz nicht. Auch heute leide sie unter den Erlebnissen.

Die beteiligten Polizisten hatten die Situation bereits im Vorfeld des Prozesses vollkommen anders dargestellt. Man habe sich den Eltern gegenüber deutlich zu erkennen gegeben und den 26-Jährigen mehrfach aufgefordert, sich auf den Boden zu legen. Bei seiner Festnahme sei der Mann regelrecht ausgeflippt. Die Beamten wurden als "Arschloch" und "Drecksack" beschimpft, einem der Polizisten drohte er sogar mit dem Tod. Zwei Beamte wurden verletzt, sie haben deshalb Strafantrag gestellt. Auch gegen die Mutter läuft ein Verfahren wegen Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Körperverletzung.

Die Einsatzleiterin erklärte vor Gericht, dass sie so einen Vorfall noch nie erlebt habe. Die Eltern hätten zunächst verheimlich, dass ihr Sohn im Obergeschoss wohnt. Außerdem hätten sie pausenlos herumgeschrien und versucht, ihrem Sohn zu Hilfe zu eilen. Der Vater musste deshalb im Obergeschoss fixiert werden. Bei der anschließenden Festnahme auf der Treppe waren auch mehrere Vasen zu Bruch gegangen.

Der 26-Jährige soll sich auch am Tag nach seiner Verhaftung wenig einsichtig gezeigt haben. Der leitende Kripobeamte sagte vor Gericht, dass sich der Beschuldigte bei seiner Vernehmung in Schweinfurt verwirrt und "vollkommen überdreht" präsentiert habe. "Er sagte, es sei seine Sache, ob er Marihuana in seinem Haus raucht. Er sei einer der letzten Revolutionäre." Dem Polizisten sei er bei diesem Termin vorgekommen, "wie der Che Guevara von Wonfurt".

Die Polizei hatte die Wohnung wegen eines Drogenverdachtes durchsucht. Die Nummer des Angeklagten war auf dem Handy eines Mannes entdeckt worden, der wegen des Besitzes mehrerer Kilogramm Haschisch mittlerweile eine langjährige Haftstrafe verbüßt. "Es bestand der Verdacht, dass mehrere Personen miteinander verknüpft sind und Handel treiben", erklärte der Kripobeamte.


Keine Bewährung in Aussicht?

Im Haus in Wonfurt wurden 108 Gramm Marihuana und elf Gramm Haschisch sichergestellt. Zudem fand man ein Messer, eine geladene Gaspistole, eine Armbrust und ein geladenes Luftgewehr. Der 26-Jährige, der im Sommer 2016 zwischenzeitlich für fast vier Wochen in Untersuchungshaft saß, ist unter anderem wegen bewaffneten Handeltreibens mit Betäubungsmitteln, Beleidigung und Körperverletzung angeklagt. Laut Oberstaatsanwaltschaft Matthias Bachmann ist eine Bewährungsstrafe aus seiner Sicht aktuell ausgeschlossen.

Der 26-Jährige, der aufgrund einer Drogenfahrt seinen Führerschein abgeben musste, macht derzeit eine Ausbildung als Feinwerkmechaniker. Im Februar 2018 steht die Abschlussprüfung an. Vor Gericht gab er an, die Pflanzen nur zum Eigenkonsum angebaut zu haben. Andere Drogen habe er nie konsumiert. "Die machen einen kaputt." Die Waffen benutze er nur in der Freizeit. "Mit Freunden schießen wir ab und zu auf einem eingezäunten Grundstück."
Die Sitzung wird am heutigen Donnerstag fortgesetzt.