Eigentlich sollten in wenigen Tagen im Schlosshof von Eyrichshof die Flammenwerfer der Band "Stahlzeit" beim Rösler open air in den nächtlichen Sommerhimmel züngeln. Stattdessen leuchtet die Ostfassade rot, sehen die Bands, die Konzertveranstalter, die Techniker, die Bühnenaufbauer, die Stagehands, Securities, die Caterer und so weiter die Alarmstufe Rot gekommen, weswegen am Montagabend bundes- und auch kreisweit unter dem Motto "Night of light" Veranstaltungsstätten in Rot erstrahlten, so auch das Schloss in Eyrichshof und das Tanzcenter Kaiser in Unterpreppach.

Die Kultur- und Musikbranche liegt seit Monaten am Boden. Keine Konzerte, keine Einnahmen. Ein Wirtschaftszweig vor dem kollektiven Konkurs. Und damit das kulturelle Leben. Ein flammender Appell an die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung erging als optischer Fingerzeig am Montag bundesweit an über 8500 Locations, woran sich über 7000 Firmen beteiligten. Binnen weniger Tage wurde die Aktion aus dem (Tanz-)Boden gestampft. Es ist nicht (nur) die Spaßgesellschaft, die da aufbegehrt und um staatliche Hilfe fleht. Wobei die neun Milliarden Euro für die Lufthansa oft als Vergleich herangezogen werden.

Die Veranstaltungswirtschaft indes gibt sich nicht einmal mehr 100 Tage. Viele Profi-Musiker, die keine Tantiemen aus Plattenverkäufen beziehen, geben sich noch weniger, ehe sie sich arbeitslos melden. Mit einem Klagelied vermutlich.

Für die fünf geplanten Abende des Rösler-open-air im Juli auf Schloss Eyrichshof zeichnete sich mit 15 000 abgesetzten Tickets im Vorverkauf eine neue Rekordmarke ab. Zwar ließen sich trotz enormer Schwierigkeiten alle Verträge aufs nächste Jahr umpolen, wobei noch ein weiterer Hochkaräter (am Freitag) hinzukommt, aber bis dahin sitzen die Veranstalter auf Fixkosten und Vorfinanzierungen und seit Anfang März leuchtet auf der Einnahmenseite eine rote Null.

Da kriegt auch Norbert E. Wirner, der sonst so besonnen ist, einen hochroten Kopf. "Bei mir wurden 30 Veranstaltungen definitiv abgesagt", schaut der Lichtkünstler, der im Schlosshof wohnt, in seinen verwaisten Terminkalender. Dabei war er so hoffnungsfroh ins Jahr gestartet. "Ich habe viel investiert, um meinen Gästen noch mehr Attraktionen bieten zu können", verweist der Veranstalter mit Kreativagentur auf sein Equipment, da er neben vielen Veranstaltungen in Ebern auch die Feste im Saal des Gutshofes beschallt und beleuchtet. Zumeist Feste im Hochpreis-Segment. "2020 wäre mein bestes Jahres geworden, seit ich mit diesem neuen Standbein angefangen habe", verfällt der gelernte Immobilienmakler aus Regensburg in einen Konjunktiv, der auch zum Repertoire von Wolfgang und Gaby Heyder vom Veranstaltungsservice Bamberg gehört, da sie sich von ausverkauften Abenden mit den "Toten Hosen" (bei 15 000 verkauften Tickets in Coburg), mit "BossHoss" und "Stahlzeit" in Eyrichshof sowie den Liedern auf Banz ein Jahr lang verabschieden müssen. Gaby Heyder spricht Klartext und von "Berufsverbot".

Nicht anders ergeht es Patrik Conrad von VTC-Veranstaltungstechnik, der nicht nur das Annafest in Forchheim, das Eberner Altstadtfest, große Vereinsjubiläen in Ebern und Burgpreppach gerne beschallt hätte. "Nächste Woche wären in Haßfurt mit dem Auftritt von Ministerpräsident Markus Söder als Höhepunkt vier Bühnen notwendig gewesen." Alles Makulatur und aufs nächste Jahr vertagt. 180 Veranstaltungen wurden mittlerweile gestrichen, an denen seine Mitarbeiter im Einsatz gewesen wären. "Und solche Umsätze lassen sich ja nicht nachholen, die stehen - hoffentlich - im nächsten Jahr halt als neue an. Wir haben zwischenzeitlich unser gesamtes Material gewartet und gereinigt und wissen doch nicht, wann und wie es weitergeht", beklagt der Unternehmer mit Firmensitz in Sandhof.

Nicht anders ergeht es Frank Friedrich von Stagepartners, der eben einen Neubau im Gewerbepark "Alte Kaserne" bezieht und große Investitionen tätigte. 70 seiner Veranstaltungen wurden storniert oder verschoben. Darunter auch ein Fünf-Tage-open-air in Neuburg an der Donau. Aufgrund der Ungewissheit, wie es weitergeht, seien schon Mitarbeiter abgesprungen. So seien auch sämtliche Messen und Business-Veranstaltungen weggebrochen." Zur Veranstaltungsbranche zählen laut Veranstalter des Mahn-Tages 150 verschiedene Gewerke und Spezialdisziplinen.

Und Friedrich denkt als Musiker noch weiter: "Mir tun alle Künstler, aber auch die Vereine leid, die sich heuer auf ein großes Jubiläum vorbereitet hatten oder ihr jährliches Budget so erwirtschaften. Wer weiß, ob sie bei einer Wiederholung nochmals so viel Zuspruch bekommen, wenn die Leute feststellen, dass es ohne Verein ja auch gegangen ist. Deren Motivation ist beim zweiten Anlauf bestimmt nicht mehr so hoch."

80 bis 90 Prozent des gesamten Jahresumsatzes erwirtschaften Stefan und Karin Kaiser in ihrem Tanzcenter "U-Night". Dort gingen im März zunächst einmal die Lichter aus. "Wo wir doch der einzige Tanzsaal weit und breit sind, der noch existiert." Auch als Vertreter der Gastronomie meint das Ehepaar, dass die 100-Tage-Frist für viele Kollegen wirklich das Ende bedeuten könnte. "Durch die Gutschein-Regelung und die KfW-Kredite wird der Tod höchstens hinausgeschoben."

Weil sie aber alle mit Herzblut daran mitarbeiten wollen, dass Kulturleben und Geselligkeit wegen eines Virus nicht komplett abgewürgt werden, tauchten sie Montagabend ihre Veranstaltungsstätten in gleißendes Rot. Eine neue Form des Johannisfeuers. So auch an Objekten und mit Kollegen in Oberaurach, Sand, Zeil, Leuzendorf, Haßfurt und Königsberg (siehe Seite 7). Gleichzeitig wurde im Internet eine Petition an den Bundestag gestartet, die schon über 50 000 Unterstützer gefunden hat.