Die Suche nach der Wahrheit gestaltete sich am ersten Verhandlungstag in einem Strafprozess wegen Körperverletzung vor dem Haßfurter Amtsgericht wie ein Stochern im dichten Nebel. Dabei ging es um einen Vorfall vor einer Diskothek in Unterpreppach. Durch ausgiebigen Alkoholkonsum hatten viele Zeugen große Lücken im Erinnerungsvermögen und machten einander krass widersprechende Angaben. Die Verhandlung wird fortgesetzt.

Was passierte in dem Eberner Stadtteil in der Samstagnacht des 15. Dezember letzten Jahres? Wie die Staatsanwältin vortrug, soll zu später Stunde zwischen 3 und 4 Uhr ein 27-Jähriger einen anderen Discobesucher vor dem Tanzlokal zuerst ins Gesicht geschlagen und - nachdem sein Opfer zu Boden gegangen sei - dreimal auf ihn eingetreten haben. Dabei soll er mit seinen Füßen auch den Kopf des am Boden liegenden Opfers getroffen haben.

Ein Abend, eine Schlägerei, zwei Betrunkene, zig verschiedene Geschichten 

Der Angeklagte schilderte den damaligen Ablauf so, dass er mit seiner Freundin und drei weiteren Kumpels im Auto kurz vor Mitternacht an der Diskothek angekommen sei. Bereits auf dem Weg zu der Vergnügungsstätte habe man mit einer halben Flasche Wodka ordentlich "vorgeglüht." In der Disco selber habe er dann nochmals fünf bis sechs Wodka- und zwei bis drei Whiskey-Longdrinks reingezogen.

Beim Nachhause-Gehen schließlich sei er mit einem anderen jungen Mann, einem 26-Jährigen, aneinandergeraten. Angeblich habe der Jüngere, so schilderte der Angeklagte, seine damalige Freundin als "Hure" beschimpft und er habe daraufhin von diesem lautstark verlangt, dass er sich entschuldigen solle. Nach einer gegenseitigen Rempelei habe er seinen Kontrahenten mit der Faust ins Gesicht geschlagen, worauf dieser in den Kniestand gegangen sei. Und da habe sein Gegner ihn dermaßen durch die Jeans in die Wade gebissen, dass es heftig geblutet habe. Daraufhin habe er ihn zwei- bis dreimal getreten, allerdings "definitiv nicht ins Gesicht", sondern gegen die Brust, sagte der Angeklagte.

Das damalige Opfer, der 26-jährige Mann, berichtete im Zeugenstand eine völlig andere Version der Geschehnisse. Nach seiner Darstellung hatte er weder die Freundin des Beschuldigten beleidigt noch habe er irgendjemandem ins Bein gebissen. Vielmehr habe er auf dem Parkplatz vor der Disco einen Schlag ins Gesicht bekommen, und als er dann am Boden gelegen habe, habe sein Peiniger wild auf ihn eingetreten. Um Schlimmeres zu verhindern, habe er seine Arme hochgerissen und damit sein Gesicht geschützt.

Opfer wurde wie ein Fußball getreten

Auf Nachfrage von Strafrichterin Kerstin Leitsch erklärte der Geschlagene, dass die Attacke bei ihm zu einer blutenden Nase sowie zu Prellungen, Abschürfungen und blauen Flecken geführt habe. Die Verletzungen seien allerdings nicht so schlimm gewesen, dass er zum Arzt hätte gehen müssen. Auch der Getroffene war zum Tatzeitpunkt alles andere als nüchtern, hatte er doch rund 1,8 Promille Alkohol im Blut.

Von den acht weiteren Zeugen, die damals vor Ort waren, ergaben sich bei der Vernehmung kaum verwertbare Angaben. Entweder wollten sie sich nicht mehr erinnern können oder sie sagten Dinge, die von dem, was sie damals bei der Polizei zu Protokoll gegeben hatten, ganz stark abwich. Nur die Zeugenaussage einer völlig unbeteiligten Frau brachte etwas Licht ins Dunkel. Sie sagte, dass sie damals gerade in ihrem Auto gesessen habe, als laute Schreie sie aufgeschreckt hätten. Sofort sei sie aus ihrem Wagen gestiegen und zu dem Tatort hingelaufen. Dort habe sie gesehen, wie ein Mann mit schwarzer Kapuze einem anderen am Boden Liegenden mit Fußtritten malträtiert habe, so "wie man einen Fußball schießt", sagte sie wörtlich. Eine andere Frau, die dabei gestanden habe, habe dann den Täter weggezogen und jemand habe laut gerufen: "Hopp, bloß weg hier!" Wie viele Leute dann mit einem Auto schnell weggefahren seien, könne sie nicht mehr sagen, weil sie sich Sorgen um den aus der Nase blutenden Mann gemacht und sich zu ihm heruntergebückt habe.

Soweit zum Stand am ersten Verhandlungstag, an dem die Vorsitzende mehrere der Zeugen eindringlich auf ihre Wahrheitspflicht hingewiesen hatte, denn: Eine Falschaussage vor Gericht wird mit einer hohen Strafe geahndet. Trotzdem bleibt fraglich, ob es gelingt, den wahren Ablauf des Geschehens zu eruieren, wenn die Verhandlung am Freitag fortgesetzt wird.