Landrat Rudolf Handwerker ist ein Verfechter für Aus- und Weiterbildung. Die Arbeitsbedingungen für die Kreisbewohner sollen besser, das Klima für Firmengründer freundlich werden, weniger junge Fachkräfte abwandern.
Vor 30 Jahren war die Überalterung des flachen Landes kein Thema. Abiturienten visierten selbstverständlich Großstädte an, schon alleine, um zu studieren. Einer von ihnen ist Armin Doster. 1981 ging's für ihn nach München, wo der Franke heute seinen Lebensmittelpunkt hat.

Armin, wir waren seinerzeit im gleichen Abiturjahrgang. Du lebst heute in München, hier im Landkreis Haßberge will man für junge Fachkräfte und Firmengründer bessere Bedingungen schaffen und setzt auf Bildung und Ausbildung.
Ein Blick zu dir: Welche Verhältnisse findest du im Umfeld der Landeshauptstadt vor? Was macht das Gefälle Stadt-Land aus deinem Blickwinkel aus? Könntest du dir heute vorstellen, deine Firma aus dem Landkreis Haßberge heraus zu betreiben?


Armin Doster Mit dem heutigen Stand könnte ich meine Firma auch im Landkreis Haßberge betreiben (mal abgesehen davon, dass die Kollegen hier in München sitzen), aber für den Start tut man sich in München natürlich leichter - angefangen mit dem Studium. Es gibt hier viele Firmen und Kollegen, mit denen man zusammen arbeiten kann. Mein Kollege Axel Christmann, mit dem ich die Firma aufgebaut habe, hat ein Ingenieurbüro von seinem Vater übernommen, wo er sich in der Praxis mit unseren Themen beschäftigt. Hier gibt es natürlich viel mehr Möglichkeiten, solche Leute kennen zu lernen. Man hat beispielsweise auch einen besseren Zugriff auf Bibliotheken und ähnliches.

Wie war das damals, als du nach München "ausgewandert" bist. Warum München, was hat dich gereizt? Wie bist du auf die glorreiche Idee gekommen, Software zu schreiben? Vor 30 Jahren sicherlich eine Pioniertat (Dunkel erinnere ich mich an den Programmierunterricht des Herrn Marquardt... gab es da nicht sogar einen eigenen IT-Raum? Vis á vis der Chemiesäle?) Egal. Zur Info für dich: Seit etwa sieben Jahren gibt es an der Haßfurter Berufsschule ein IT-Kompetenzzentrum.

Ich bin für das Studium nach München tatsächlich ausgewandert. In Franken gibt es "nur" die Fachhochschule in Coburg, die Bauingenieurwesen anbietet, da hat die Technische Universität München einen wesentlich besseren Ruf. Davon abgesehen, hat mich die Stadt selbst gereizt. Manche leben gerne auf dem Land mit mehr Ruhe, mir gefällt die Stadt wesentlich besser: viele Möglichkeiten, von Kino über Theater, Konzerte, Kabarett, bis zu den vielen Biergärten, die sowieso das Schönste an München sind. Man hat einfach alle Möglichkeiten und eine große Auswahl.

Mit Software habe ich so 1980 schon angefangen, als mein Vater im Ingenieurbüro zuerst einen kleinen programmierbaren HP-Tischrechner hatte (noch mit Magnetstreifen) und danach einen Commodore-PC (schon mit Diskettenlaufwerk, aber gigantische 32 kB Hauptspeicher - heute hat man mit 4 GB das 132.000-Fache!). Damals habe ich auch den Kurs bei Rainer Marquardt gemacht. Während des Studiums gab es dann freiwillig einen Programmierkurs (damals noch in der Programmiersprache Fortran), und ab 1984 habe ich als studentische Hilfskraft in einer Arbeitsgruppe "Elektronisches Rechnen" mitgearbeitet (heute ist das ein eigener Lehrstuhl "Bauinformatik"). Die Softwareentwicklung hat mir dann wesentlich mehr Spaß gemacht als die sonstigen Ingenieur-Berechnungen.

Das Volksbegehren gegen die Studiengebühren ist eben erst gelaufen. Die finanziellen Belastungen wiegen am Anfang schwer, und du hast auch gleich deinen Doktor gemacht. Die Doktorarbeit ist für viele schon einmal rein finanziell eine Herausforderung. Wie hast du das bewerkstelligt?

Nach dem Studium wollte ich eigentlich in eine Firma in die Praxis gehen. Ich habe mich aber dann von dem Professor, wo ich als Student gearbeitet habe, überzeugen lassen, dass eine Promotion an der Hochschule doch interessant ist und zu einem anderen Ausbildungsstand führt. Finanziell war es kein Problem, weil ich eine Assistentenstelle an der TU München bekommen habe, unter anderem Übungen in der (dann schon umbenannten) Bauinformatik gehalten habe und damit ein volles Gehalt hatte. Die Promotion lief dann parallel zu dem Job, deshalb dauert es bei den Bauingenieuren auch üblicherweise fünf bis sechs Jahre (bei mir viereinhalb Jahre).

Was hat damals ein Bauingenieur studiert, was muss ein Bauingenieur heute wissen? Hat sich da viel geändert? Ich vermute mal ja.

Die grundlegende Ausbildung ist heute die gleiche wie damals. Es gibt sehr viele Themen: Statik (Berechnung von Tragwirkungen von Konstruktionen wie Stützen, Platten, Bögen), Mechanik (Berechnung von Bewegungen, wie Schwingungen), Berechnung verschiedener Baumaterialien wie Stahlbetonbau, Stahlbau, Holzbau, speziellere Gebiete wie Straßen- und Eisenbahnbau, Wasserbau (Staumauern, Wehre, Kanäle), Hydraulik (Strömung in Rohrleitungen und Flüssen), Abwasserwesen (Kanalisation und Kläranlagen), Grundbau (mein heutiges Gebiet: Eigenschaften und Festigkeit des Bodens, Untersuchung des Bodens, Berechnung von Konstruktionen im oder auf dem Boden, wie Fundamente, Böschungen, Baugruben), Verkehrswegebau (Straßenplanung, Ampelschaltungen, Busbahnhöfe) usw. usw. Alles, was draußen so rumsteht, wird eigentlich vom Bauingenieur berechnet und geplant: von Häusern über Straßen, Bahnlinien, Flüsse, Staumauern, Kanäle, ...

Geändert hat sich eigentlich "nur" der Einsatz der EDV, dass jetzt vieles mit Software gemacht wird, von viel aufwendigeren und genaueren Berechnungen, die ohne Computer gar nicht möglich waren, bis zur Verwaltung von Projekten.

1989 datiert deine Firmengründung: Wie bist du auf die Idee gekommen? War es leicht, eine Firma zu gründen (man muss auf einmal die ganzen Begleitkosten selbst übernehmen: Rentenversicherung, Krankenversicherung, etc)? Mit wie vielen Leuten hast du angefangen, wie viele seid ihr heute? Habt ihr Konkurrenzdruck oder lebt ihr auf dem Olymp?

Mein Kollege war im Büro seines Vaters schon mit - beispielsweise Bodengutachten - beschäftigt und hat festgestellt, dass es dafür kaum gute Software gibt. Ich habe dann während meiner Beschäftigung an der Uni nebenbei angefangen, die Software zu entwickeln (damals ging's wirklich fast jede Nacht bis 24 Uhr und jedes Wochenende durch). Nach der Promotion wollte ich ursprünglich auch wieder in einer (Software-)Firma anfangen. Es war dann aber schon absehbar, dass es so gut läuft, dass ich das auch fulltime aufziehen kann. Der große Vorteil an der Softwareentwicklung ist, dass man mit sehr wenig Investitionen anfangen kann: Man braucht keine großen Hallen und teure Maschinen, sondern nur einen PC (damals etwa 10 000 DM, heute nur noch 500 bis 1000 Euro) und einen Drucker sowie seinen Kopf. Damit kann man ein gutes Produkt aufziehen und muss dann natürlich noch in die Werbung investieren - aber auch da kann man klein anfangen.

Wir haben zu zweit das Ganze aufgebaut, heute arbeiten insgesamt neun Leute für DC-Software. Im Gebiet Grundbausoftware (Definition kommt weiter unten) ist der Konkurrenzdruck nicht so groß wie bei Statiksoftware (wo es um die Berechnungen oberhalb des Bodens geht, wie Stützen, Träger, Deckenplatten, Dächer, Gebäude), weil das Thema etwas komplizierter ist und es andererseits weniger Firmen gibt, die sich damit beschäftigen (also weniger potenzielle Kunden als in der Statik). Es gibt auf diesem Gebiet vielleicht fünf ernstzunehmende Firmen in Deutschland, so dass wir da so ziemlich an der Spitze stehen dürften. Auch international sind es nur ein paar, die uns wirklich Konkurrenz machen.

Software für den Grundbau - kannst du mir dein Arbeitsgebiet so beschreiben, dass ich es verstehe? Aber schon so, dass es ein weniger Minderbemittelter auch noch spannend findet.

Also, ich versuch's mal zu erklären, aber ob das spannend ist, das ist fraglich ...
Grundbau und Bodenmechanik ist zunächst mal alles, was mit dem Boden zu tun hat. Dabei gibt es verschiedene Themen, etwa die Untersuchung des Bodens (Baugrunduntersuchung): man gräbt ein Loch oder macht eine Bohrung und schaut mal nach, was da so alles für Boden vorhanden ist. Das ist normalerweise (noch allgemein verständlich) Mutterboden, Kies, Sand, Ton, oder auch speziellere Bodenarten, wie Schluff, Geschiebemergel. Man legt dann fest, bis zu welcher Tiefe unter dem Gelände welche Bodenart vorhanden ist, also welche Schichten es gibt, und zeichnet das auf mit bestimmten Farben und Symbolen.
Für diese Themen machen unsere Programme die Bilder.

Oder der Komplex Bodenmechanik: Von den Schichten, die man gefunden hat, nimmt man Proben und macht daran die verschiedensten Versuche, um genauer zu wissen: Welche Bodenart ist es ? Welche Eigenschaften hat der Boden, wie fest und wie tragfähig ist er, wie durchlässig für Wasser, wie viel Wasser enthält er. Dafür gibt es verschiedenste Versuche, wie Siebung, Scherversuch, Durchlässigkeitsversuch. Es gibt auch Versuche, die direkt auf der Baustelle gemacht werden, wie Sondierungen (da wird, vereinfacht gesagt, ein Rohr in den Boden geschlagen und man misst, wie schwer das geht) oder Lastplattendruckversuch.
Für diese Themen machen unsere Programme die Auswertungen, es werden also Messwerte eingegeben, und es kommen bestimmte Ergebnisse heraus.

Stichwort Altlastenuntersuchung: Gibt es im Boden giftige Stoffe, etwa von einer früheren Chemiefirma: Arsen, Blei, Cadmium, Quecksilber sind so Sachen, die keiner im Boden haben möchte, wenn er dort sein Haus hinstellt. Die Menge (Konzentration) von bestimmten Stoffen (in mg/kg Boden) wird auf einem Plan dargestellt und mit den zulässigen Grenzwerten verglichen.

Auch für geotechnische Berechnungen werden verschiedene Berechnungen angestellt, je nach Bedarf, etwa ob eine Böschung stehen bleibt, die aus bestimmtem Boden besteht, oder ob sie abrutscht, ob ein Fundament, auf dem eine Stütze steht, die Belastung hält oder ob es im Boden versinkt, umkippt oder sich verschiebt. Und zuletzt: Wenn eine große Baugrube für den Keller eines Gebäudes gegraben wird, dann müssen am Rand Baugrubenwände den Boden halten, damit die Baugrube nicht einstürzt. Das können Spundwände aus Stahl sein, Bohrpfähle (Betonsäulen), Trägerbohlwände (Stahl-I-Träger mit Holzbohlen dazwischen), oder ähnliches. Diese Wände müssen die Belastung aushalten, und oft werden Anker durch die Wand in den Boden gebohrt, die die Wand nach hinten verankern, also am außerhalb liegenden Boden festhalten.

Noch eins: Damit eine Baugrube nicht voll Wasser läuft, muss manchmal das Grundwasser abgesenkt werden, es wird also durch Brunnen Wasser aus dem Boden gepumpt, so dass das Grundwasser im Bereich der Baugrube tiefer absinkt als die Unterkante der Baugrube. Das kann berechnet werden, wie viele und wie große Brunnen man braucht, damit das funktioniert.

Für diese Themen machen unsere Programme die Berechnungen, also, ob das so funktioniert, wie stark eine Baugrubenwand sein muss, wie viel Stahl in einen Betonpfahl muss.

Was ist an der Software für den Grundbau so gefragt? Wenn du heute Mitarbeiter suchst: Wo findest du die?

Der Knackpunkt ist auch, dass die Software einfach zu bedienen ist und schöne und übersichtliche Ergebnisse liefert. Das haben wir im Vergleich zur Konkurrenz, glaube ich, ganz gut geschafft. Die heutigen Mitarbeiter waren zumeist schon Kollegen von der Uni, einen haben wir trotz Stellenangebot im Internet über Mundpropaganda gefunden und einen über den noch bestehenden Kontakt zum damaligen Lehrstuhl an der Uni.

Wie bist du zu deinen Kontakten gekommen: mehr als 2000 Kunden in 65 Ländern!

Am Anfang haben wir noch Adressen aus den gelben Seiten gesammelt, und wir schreiben regelmäßig alle Firmen auf dem Gebiet an, machen Inserate in Fachzeitschriften und Fachbüchern und stellen bei speziellen Messen und Tagungen aus. Die große Verbreitung international kommt aber eindeutig über die neuen Möglichkeiten, die es mit dem Internet gibt. Unsere Website ist gut optimiert für die Suchmaschinen, das heißt, wir werden über Internet weltweit sehr gut gefunden (natürlich mit der englischen Website, es ist alles zweisprachig). Das ist natürlich eine gigantische Entwicklung, dass man nicht in jedem einzelnen Land Inserate teuer bezahlen muss, sondern dass man ganz einfach weltweit gefunden wird, von Kanada über Südafrika bis Australien. Es finden uns dann auch Firmen, die in ihrem Land als Vertriebspartner auftreten möchten und unsere Software dort verkaufen. Super Sache, mit im Vergleich zu früher minimalem Aufwand!

Wie sehen deine Arbeitstage heute denn so aus? Wie im Film: Flieger besteigen, ferne Länder besuchen, Hotels, schöne Landschaft, alles schön? Oder stehst du mit seinem PC mitten im Staub in den Baugruben der Sahara?

Auf jeden Fall mal nicht im Dreck auf der Baustelle: Das ist der große Vorteil bei der Softwareentwicklung. Sauber, warm und trocken. Ich bin schon sehr froh, dass ich nicht wie beim Baustellenpraktikum während des Studiums bei unter 0 Grad oder bei 35 Grad oder bei strömendem Regen auf der Baustelle stehen muss. Auslandstermine habe ich aber maximal einmal alle drei Monate. Von schöner Landschaft sieht man dann allerdings nicht viel mangels Zeit: Eigentlich nur Flughafen, Bahnhof, Firma. Die Ausnahme war Indien, Kuala Lumpur und Singapur: Wenn man schon eine ganze Woche unterwegs ist, dann muss man auch sehen, dass man vom Land etwas mitbekommt.

Wenn du Vorträge und Schulungen hältst: sprichst du vermutlich fließend englisch, französisch, italienisch, spanisch, indisch und österreichisch, oder wie?

Englisch und Französisch spreche ich vielleicht nicht fließend, aber doch recht gut. Österreichisch geht so ... Italienisch nur gerade so viel, dass ich ein bisschen was verstehen kann. Indisch können nicht mal die Inder. Die haben so viele verschiedene Sprachen in ihrem Land, dass sie sich auch untereinander auf englisch unterhalten. Was aber nicht heißen soll, dass man ihr englisch auch versteht. Das Schwierigste bei den Vorträgen in Indien war, hinterher die Fragen zu verstehen. Bei diesem Thema muss ich auch mal sagen, dass sich die Leistungskurse Mathe und Französisch in der Schule wirklich gelohnt haben. Meistens erkennt man das ja erst viele Jahre danach.

Das Gespräch führte unser Redaktionsmitglied Brigitte Krause