Das Bangen ist noch nicht vorüber. Die Regenschauer haben dem Kreis Haßberge am Wochenende zwar etwas Feuchtigkeit beschert, die Gefahr "kippender" Gewässer wird die lokalen Angler aber noch wochenlang beschäftigen. Denn solange der Sommer nicht vorbei ist, sind die Fische weiterhin in Gefahr.

Ruhig liegt das Mooswäldchen in der Morgensonne. Doch die Idylle ist getrübt: Der Galgenfeldsee lässt derzeit nicht tief blicken. Nur etwa 20 Zentimeter weit reicht die Sichttiefe, bevor sich das Wasser grün verfärbt. Schuld daran ist das vermehrte Algenaufkommen. "In gewissem Maße sind die Algen gesund, weil sie tagsüber Sauerstoff bringen", erklärt Frank Hofmann, Vorstand der Haßfurter Sportangler. "Aber nachts ziehen sie wiederum Sauerstoff aus dem Wasser." Seit die Sommernächte länger werden, fehlt dem See auch mehr Sauerstoff. "Besonders im August und September wird es gefährlich."

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Einerseits brauchen die Algen Sonne, um nicht abzusterben und weiter Sauerstoff zu produzieren. "Wenn die Sonne zwei bis drei Tage lang nicht scheint, besteht die Gefahr, dass der See kippt", skizziert Hofmann den Ernstfall. Andererseits senkt die anhaltende Hitze den Wasserstand und erhöht die Seetemperatur. 26 Grad haben die Haßfurter Wasserwarte kürzlich gemessen - und das bereits um 7 Uhr. Der morgendliche Sauerstoffgehalt von 12 Milligramm verringerte sich im Laufe des Tages auf 1,7 Milligramm, was einer Sättigung von nur 21 Prozent entspricht. "Das wird langsam grenzwertig", sorgt sich Hofmann. 1,5 Meter Wasser fehlen dem See aktuell, wie sich an den Ufersteinen ablesen lässt.

Horrorszenario: Algensterben

Sammeln sich mit der Zeit Nährstoffe im See, wie durch herabfallendes Laub oder Tierkot, vermehren sich die Algen. Aufgeheiztes Wasser, Nährstoffe, Algen und längere Nächte - diese Kombination macht dem zehn Hektar großen Galgenfeldsee zu schaffen. "Wenn die Algen sterben, gibt es ein Problem", warnt Hofmann. "Der See ist immer knapp am Umkippen."

Im Kreis Bad Kissingen kam es kürzlich zu vermehrtem Fischsterben. Die Feuerwehr musste sogar Wasser in einen See pumpen. Auf diese Form der "künstlichen Beatmung" waren die Haßfurter Angler in den vergangenen Jahren ebenfalls angewiesen. "Dabei wird oft Wasser aus den Gewässern abgepumpt und diesem wieder zugeführt, damit der Sauerstoffeintrag erhöht wird", erklärt Kreisbrandrat Ralf Dressel. Solche Maßnahmen müssen vorab mit den Angelvereinen, Fischereiverbänden oder dem Landratsamt abgesprochen werden. "Die Hilfe durch die Feuerwehren erfolgt in der Regel in Abstimmung mit dem jeweiligen Bürgermeister oder der Gemeindeverwaltung."

In der Zwischenzeit schafft eine silberne Insel auf der Mitte des Galgenfeldsees Abhilfe. "Die Anlage haben wir vor zehn Jahren installiert, weil uns davor viele Zander kaputtgegangen sind", erzählt Hofmann. Die Wasserpumpe lässt das Oberflächen- und Tiefenwasser zirkulieren, bringt also Sauerstoff in die "tote Zone" am Boden, wo die Wasserqualität besonders schlecht ist. 30 000 Euro kostete die Anlage, die mit Solarstrom betrieben und fest im Gewässer angebracht wird.

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Als mobilen, kurzfristigen Sauerstofflieferanten haben die Sportangler zudem einen Schaufelradlüfter angeschafft: Wie ein kleiner Springbrunnen im See erzeugt dieser eine Strömung, die Fische anlockt und nach Luft schnappen lässt. Verletzungsgefahr für die Tiere bestehe aber nicht, beruhigt Hofmann. "Diese Anlage kann man auch herausnehmen und in andere Gewässer stellen." Problematisch wird es an denjenigen Seen, die im Naturschutzgebiet liegen und keinen Stromzugang haben. Hier dürfen Eingriffe ins Gewässer sowieso nur mit vorheriger Genehmigung stattfinden. "Und es ist ja nicht damit getan, eine Anlage aufzustellen, sie muss auch gewartet werden."

Keinen Grund für eine solche Anschaffung gibt es dagegen beim Breitbrunner Sportangler-Verein. Hier wurden bisher keine auffälligen Wassertemperaturen oder Sauerstoffstände gemessen, gibt Vorstand Ludwig Bühl Entwarnung: "Wir hatten noch nie Probleme mit Fischsterben. Das liegt daran, dass die Seen tiefer und die Wasserflächen größer sind. Wenn der Wind darüber weht, ist die Wasserfläche immer in Bewegung." Dennoch werde er die Messwerte weiter im Auge behalten.

Wasserqualität verschlechtert sich

Von einer problematischen Lage will auch Pascal Höhn derzeit noch nicht sprechen. "Aber wir beobachten, dass die Wasserqualität sehr eintrübt und dunkel wird. Das bedeutet, dass Sauerstoff fehlt", berichtet der Vorstand des Eberner Anglervereins über die Gewässer im östlichen Landkreis. Die Algenbildung sei extrem. Konkret ist der Jesserndorfer Teich betroffen: Dieser bekomme lediglich Wasserzufluss aus einem kleinem Rinnsal aus dem Wald, das bei fehlendem Niederschlag jedoch austrockne. "Hier gibt es viele Quellen, die die Teiche speisen", erklärt Höhn. "Aber diejenigen, die auf Fließwasser angewiesen sind, sind bedroht."

Im Gegensatz zum Grundwasserstand werden Temperatur und Sauerstoffwert nur an wenigen Stationen und wenige Male pro Jahr erfasst. "Das liegt daran, dass die Temperatur und der Sauerstoffgehalt nur langsam auf natürliche Einflüsse wie Wetter und Witterung reagieren", erklärt Leonhard Rosentritt, Leiter des Bad Kissinger Wasserwirtschaftsamtes. "Aktuell sind die Grundwasserstände in Nordbayern größtenteils niedrig bis sehr niedrig." An der Messstelle in Rügheim wurden kürzlich 25 Meter unter der Geländeoberkante gemessen. Zwischen 2003 und 2014 war der Grundwasserstand hier noch um ein bis zwei Meter höher.

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Neben der Messstation des Bayerischen Landesamtes für Umwelt (LfU) in Erlabrunn wird die Wassertemperatur des Mains auch von der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung in Trunstadt und Schweinfurt gemessen. In Flüssen fallen die Wasserstände derzeit ebenfalls niedrig aus, berichtet Rosentritt. Da die Wasserstände im Main stark durch dessen Staustufen beeinflusst werden, sind wetterbedingte Veränderungen hier nur eingeschränkt ablesbar. An der Nassach bei Römershofen beträgt der Wasserstand aktuell 113 Zentimeter. Aussagekräftiger sei allerdings der Abflusswert, der mit 0,14 Kubikmetern pro Sekunde unter einem für die Sommermonate durchschnittlichen Wert von 0,2 liegt.

Unterschiede bei Wassergrenzwerten

Wie schädlich Temperatur und Sauerstoffgehalt sein können, hängt von Gewässertyp und Fischart ab. Eine Bachforelle sei beispielsweise anspruchsvoller als ein Karpfen, erklärt Rosentritt. Die Oberläufe in den Haßbergen sollten 18 Grad nicht überschreiten, für den Mainabschnitt des Landkreises gelten dagegen 25 Grad noch als akzeptabel. "Das bedeutet aber nicht, dass ab diesem Wert direkt ein Fischsterben einsetzt oder es darunter zu keinem Fischsterben kommen kann", verdeutlicht Rosentritt. Die Wahrscheinlichkeit dafür nimmt ab diesen Werten aber deutlich zu. In der Regel seien Einzelereignisse nötig, die zu einem plötzlichen Sauerstoffverbrauch führen - wie Unfälle mit organischen Substanzen. "Da bei höheren Temperaturen weniger Sauerstoff im Wasser gespeichert wird, reichen schon kleinere Mengen aus, um einen Sauerstoffmangel auszulösen."

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Ein vermehrtes Algenaufkommen beobachtet das Wasserwirtschaftsamt auch am Sander Baggersee. "Bei einem rasanten Wachstum kann es passieren, dass die Algen während der Nacht fast den kompletten Sauerstoff im Wasser veratmen", warnt Rosentritt. Einzelne Niederschläge würden nicht ausreichen, um die Situation zu entspannen. "Falls die Trockenheit und die hohen Temperaturen anhalten, besteht die Gefahr von großen ökologischen Schäden im Kreis Haßberge."

Um dies zu verhindern, zählt Hofmann auf seine Gewässerwarte und täglichen Messungen. "So kann man vorhersehen, wann ein Gewässer kippen könnte." Vor einem Gewitter steige die Gefahr, wenn sich der Luftdruck ändert und Sauerstoff aus dem Wasser entweicht. Die Langzeitfolgen eines kippenden Gewässers wären verheerend: Der See würde versanden - und die Fische darin verenden.

25,3 Grad betrug die Temperatur im Main am Montagmittag (17.8.2020) an der Messstelle in Erlabrunn. Der bisherige Höchstwert liegt bei 28,9 Grad.

6 Milligramm Sauerstoff pro Liter im Main gelten als Orientierungswert für das LfU. Bei der Unterschreitung des Wertes greift der "Alarmplan Main".