Wenn Wörter wie Marmelade nicht einfach so über die Lippen kommen wollen, sondern eher wie ein gequältes "Ma-ma-mar-melade" klingen, kann das ein Zeichen dafür sein, dass jemand stottert.

Julia Schlömer weiß, dass es viele Kinder gibt, die zu Sprachunflüssigkeiten neigen. Genau aus diesem Grund ist es der Logopädin aus Ebern aber auch wichtig, Eltern immer wieder zu beruhigen oder um Geduld zu bitten, wenn sie bei ihren Kindern erste Auffälligkeiten beobachten.

Wortwiederholungen zum Beispiel - wie "MamaMamaMama" - seien nämlich noch kein eindeutiges Symptom dafür, dass ein Kind stottert. Wenn sich in ihrer Praxis Eltern melden und ihre Probleme schildern, versucht die Logopädin diese erst einmal zu beruhigen und ihnen Ratschläge zu geben, wie sie ihr Kind unterstützen und beobachten können.


Nicht immer gleich Stottern

In Ebern therapiert Schlömer aktuell keinen konkreten Fall von Stottern. "Das ist spannend", sagt sie im Gespräch mit dem FT und kann es sich selbst nicht genau erklären, warum es Phasen gibt, in denen drei, vier Patienten speziell wegen Stottern behandelt werden und dann länger wieder kein "Stotterfall" in der aktuellen Patientenliste auftaucht. Wobei, oft trete Stottern auch nur als ein Randaspekt auf, denn: Sprechtraining sei nicht gleich Stottertraining.

Kinder, bei denen an Sprache und Ausdrucksvermögen gearbeitet wird, gebe es regelmäßiger. Wichtig sei in jedem Fall, seinem Kind zu signalisieren: "Ich habe Zeit, ich bin für dich da, es ist okay, wie du sprichst", zählt Schlömer mit sanftmütiger Stimme auf.

Eins würde sowohl vor der eindeutigen Diagnose gelten, als auch danach: Geduld bewahren. Kleine Sprachauffälligkeiten können bei Kindern bis zu sechs Monate bleiben. In diesem Zeitraum können zum Beispiel Verzögerungen, die nach Stottern klingen, auch wieder verschwinden. Das zählt für Experten wie Schlömer dann zum Entwicklungsprozess des Kindes dazu.


Vortrag für Lehrkräfte

Neben Eltern erleben oft Pädagogen wie Erzieher im Kindergarten oder in der Schule, mit welchen Schwierigkeiten der Nachwuchs beim Sprechen zu kämpfen hat. Deshalb organisierte der Kreisverband des bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) in Ebern auch ein Treffen, das unter dem Motto stand: "Sprachstörungen im pädagogischen Alltag - Wie erkennen wir sie und welche Möglichkeiten haben wir?" Als Referentin konnte Sprachheilpädagogin Lilian Dietz gewonnen werden, die dank ihrer Ausbildung "das immer brennender werdende Thema", wie es beim Lehrerverband hieß, fundiert darzulegen wusste.

Eine stattliche Anzahl von Interessenten - über 20 Teilnehmer - aus den umliegenden Kindertagesstätten und Grundschulen fühlten sich von der Fragestellung angezogen. Dietz ging zunächst auf die mangelnde Redeflüssigkeit und Störungsbilder bei der kindlichen Sprache ein und zeigte eine Reihe von Auffälligkeiten im Sprachsystem. Abnormitäten, die sich beim Grammatikerwerb und bei dem des Wortschatzes zeigen, bedürfen nicht selten der Abklärung durch Fachkräfte, sagte sie.

Gerade auf die Entwicklung in den ersten Lebensmonaten und Jahren sollten Eltern und Erzieher ein Augenmerk legen, denn nicht alles "verwächst sich" im Laufe des frühkindlichen Lebens, sagte Dietz.

Ihre Kollegin Julia Schlömer erklärt im Gespräch mit dem FT, das unabhängig der Lehrer-Veranstaltung in Ebern geführt wurde, dass 90 Prozent der Betroffenen vor dem sechsten Lebensjahr die Diagnose "Stottern" erhalten, aber die Sprachstörung des Redeflusses nur bei etwa einem Prozent chronisch werde. "Kinderstottern verliert sich bei vielen von selbst", erklärt Schlömer. In Fachkreisen spreche man von Spontanheilung.


Es gibt kein Medikament

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein junger Erwachsener, der stottert, nach seiner Pubertät noch "spontan geheilt" wird, sei laut Experten fast unmöglich. Diese Patienten müssen ihre Stimme trainieren, Sprechtechniken lernen, "ihr Stottern analysieren und kontrollieren lernen", sagt Schlömer. Medikamente gibt es keine. "Ein Stotterer bleibt immer ein Stotterer", erklärt Schlömer. Sie weiß, dass Menschen mit Sprachstörungen gute und schlechte Phasen haben. Mit viel Training können Stotterer von anderen gar nicht als solche erkannt werden. Aber: "Wenn sie stotterfrei sein wollen, dann haben sie das immer im Hinterkopf."

Stotterer seien definitiv nicht automatisch die unsicheren Menschen, nur: "Wenn man immer wieder in Situationen kommt, in denen man stottert, dann kann das zu Unsicherheit führen." Verunsicherung und Aufregung sind also keine Auslöser, sondern wenn überhaupt eine Folge der Sprachstörung.

Für den Gesprächspartner gilt in solchen Situationen: Möglichst natürlich und aktiv Zuhören, Blickkontakt halten. In alltäglichen Begebenheiten rät Julia Schlömer, das Stottern nicht weiter zu thematisieren. Gut gemeinte Hinweise wie "Hol' mal Luft" würden dem Stotternden nicht weiterhelfen.

Dieser Alltagstipp bedeute aber nicht, dass eine Sprachstörung unter Freunden oder in der Familie tabuisiert werden soll, erklärt die Fachfrau. Man sollte Mitmenschen, die stottern, in Alltagssituationen einfach normal aussprechen lassen. Denn, dass Marmelade wie "Ma-ma-marmalde" klingt, würden Stotterer teilweise gar nicht merken - und etwas dafür könnten sie ja sowieso nicht, sagt Schlömer.