Ebern "Homeoffice" nennt sich eine der Errungenschaften des Corona-Jahrs 2020. Aus Büro, Firma und Werkstatt hat sich der Arbeitsplatz für viele Menschen in den eigenen Wohnraum verlagert. Ganz neu ist diese Entwicklung nicht. Heimarbeit war auch früher schon angesagt, etwa bei Zulieferern für die Korbflechter in Sand, in Diensten der Haßfurter Waldi-Schuhfabrik oder beim Montieren elektrischer Kleinteile für das Telefunken-Werk in Zeil. Man, häufiger frau, konnte sich die Arbeitszeit frei einteilen; abends, wenn die Kinder im Bett waren, noch ein paar Stunden werkeln und nebenher das Haushaltsgeld aufbessern.

Heimarbeit

Zu den großen Arbeitgebern im Heimarbeitssektor zählte im Raum Ebern die Heinerle-Drageefabrik. Fast 40 Jahre lang wurden vis-à-vis vom Rotenhan-Schloss in Eyrichshof Liebesperlen und Puffreis produziert. Dies endete vor 25 Jahren, als die Betreiberfamilie Homann die Produktion aus Franken nach Pößneck verlagerte. Was die Grenzlandförderung und günstige Immobilien im Jahr 1958 nach Ebern gebracht hatte, zog 1995 aus eben diesen Gründen nach Südthüringen um. Dort hatte Heinerle 1992 das Schokoladenwerk Berggold mit 40 000 Quadratmetern Betriebsgelände erworben. Der Aufbau Ost machte Immobilien, Produktion und Löhne in den neuen Ländern günstiger. In Ebern gingen 43 Arbeitsplätze verloren. In der Blütezeit hatte die Drageefabrik im Stadtteil Eyrichshof rund 50 Mitarbeitern im Werk und mehr als 100 Heimarbeitern eine Beschäftigung geboten.

Das Wunder aus der Tüte

Viele Menschen verbinden mit Heinerle heute die Erinnerung an die "Wundertüten", verschlossene Papiertütchen, deren Inhalt man allenfalls ertasten konnte, und die für wenig Geld ein klein wenig Glück in Kinderaugen zauberten. Beliebt waren Figurenserien zum Sammeln, beispielsweise mit Menschen und Tieren aus Afrika, Cowboys und Indianern oder Raumfahrt und Soldaten, aber auch Sammelbilder zum Einkleben ins Album mit Stars, Fußballern, Olympioniken oder Automobilen .

Doch die Wundertüten, die das Überraschungsei längst vom Markt verdrängt hat, wurden nie in Eyrichshof hergestellt. Dafür waren die Oberfranken zuständig. In Schlüsselfeld waren in der Blütezeit der Wundertüten zeitweise 120 bis 130 Personen damit beschäftigt, das Kleinspielzeug aus Kunststoff herzustellen, die Tüten zu bedrucken und zu befüllen.

Mit "Nährmittelfabrik" begann's

Vater der "wundervollen" Firmengründung war Hugo Hein, ein gelernter Kaufmann, der nach seiner Flucht aus Schlesien 1950 in Bamberg die "Hugo Hein Nährmittelfabrik" gegründet hatte. Zunächst bot er Pudding- und Backmischungen an, ab 1953 - die Firma hieß nun "Heinerle Nährmittelfabrik Hugo Hein" - packte er Süßigkeiten und Plastikspielwaren als Überraschungsartikel in die Tüten. Anfangs wurde das Material zugekauft. Um die Inhalte der Wundertüten selbst herzustellen, entstand 1958 die eigene Süßwarenproduktion: die "Heinerle-Drageefabrik" in den günstig zu habenden Räumlichkeiten der alten Molkerei in Eyrichshof. 1962 folgte die "Heinerle-Wundertüten-Spezialfabrik" in Schlüsselfeld. Millionen von Wundertüten wurden von dort aus über die Jahre hinweg in alle Welt versandt.

In Eyrichshof entstanden kunterbunte Kügelchen aus Puderzucker, die "Liebesperlen", und Puffreis. Kanonenschläge gehörten dort zum Alltag. Nicht etwa weil die Soldaten der Eberner Bundeswehrgarnison Schießübungen abhielten. Sie entstanden, wenn der Reis in den Puffreiskanonen explodierte. Stundenlang knallte es da.

Für manchen Gast im Dorf durchaus gewöhnungsbedürftig, weiß Otto Schmitt zu erzählen, ein kundiger Chronist des Dorfgeschehens in Eyrichshof .

Kein Zuckerschlecken

"Ich erinnere mich nicht gerne zurück", sagt Gertrud Richter, Die heute 82-Jährige, die gleich in der Nähe ihrer ehemaligen Firma wohnt, war 27 Jahre lang bei Heinerle. Am liebsten war sie an einer der Maschinen eingesetzt. Dazu gehörten außer den Puffreiskanonen die kupfernen Drageekessel und später eine Verpackungsmaschine. Meistens, erinnert sich die Seniorin, habe sie Schoko-Lollis verpackt. Die Arbeiterinnen durften auch naschen, "und es war richtig gute Schokolade".

Zuckersüß wie das Ergebnis war die Arbeit dennoch nicht. Wind- und Knarrräder, Schaufeln und Rechen waren im Akkordtempo zu montieren und mit Liebesperlen zu befüllen. "Das ging ganz schön in die Finger. Wenn man stundenlang Gummistöpsel auf die dünnen Plastikröhrchen gesteckt hatte, hatte man Blasen an den Fingern. "Ich möchte es nicht mehr machen", sagt Gertrud Richter, wir haben uns wirklich geplagt." Zudem war die Bezahlung nicht sonderlich gut, "wie halt überall in der Lebensmittelbranche".

Probleme mit der Hygiene

Auch die Heimarbeiterinnen verdienten sich ihr Zubrot im Akkordtempo, indem sie 1000-Stück-weise Kunststoffteile zusammensetzten. Sabine Hohmann, als Tochter von Hugo Hein sozusagen mit den Wundern aus der Tüte groß geworden, leitete die Firma ab 1988 gemeinsam mit ihrem Mann Klaus. "Die Leute haben die Teile im Werk abgeholt, zu Hause zusammengebaut und wieder im Werk abgeliefert", erzählt die Bambergerin. "Das Problem war, dass jeder Heimarbeiter separat abgerechnet werden musste." Bei 50 bis 60 Leuten sei das ein extremer Mehraufwand gewesen. Deshalb bildeten sich Arbeitergruppen mit einem Chef, über den alles lief. So musste die Firma nur noch eine Gesamtabrechnung erstellen.

Ein weiteres Problem war die Hygiene, denn die Umstände, unter denen die Heimarbeiter die Artikel fertigten, konnten nicht überprüft werden. Schmutz, Haustiere, Krankheiten - alles war möglich. Weil im Laufe der Zeit die Richtlinien für Firmen, die Lebensmittel herstellen und verpacken, immer strenger wurden, musste die Heimarbeit eingestellt werden.

Das Aus vor 25 Jahren

1995 dann kam das Aus für Eyrichshof. "Das war sehr hart damals, eine schwierige, aber im Nachhinein richtige Entscheidung", sagt Sabine Homann. Die Zusammenlegung mit der Schokoladenfabrik in Thüringen - 1996 wurden auch die Bamberger Produktionsstätten nach Pößneck verlegt - habe Sinn gemacht. Dort standen Anlagen für die Produktion von Pralinen zur Verfügung und die Traditionsmarke Berggold (seit 1876) habe bereits zu DDR-Zeiten einen guten Ruf genossen.

Sie selbst liebe Süßwaren, habe als Kind wild gespielt und sei ein Indianerfan gewesen, bekennt die inzwischen 67-jährige Firmenchefin. "Die Wundertüten waren eine tolle Sache; aber man muss mit der Zeit gehen. Das ist Nostalgie, ich habe davon Abschied genommen."

Reportage im Fernsehen

"Die Anlagen in Eyrichshof, das war alles total veraltet", weiß ein Senior aus dem Dorf. "Sie kennen doch als alte Lied: ,Heinerle, Heinerle hat kein Geld'" "Da hätte viel in moderne Produktionsanlagen reingesteckt werden müssen", bestätigt Gertrud Richter, allein schon von der Hygiene her." Sie war eine der letzten, die damals gehen mussten. "Für mich war das nicht so tragisch, ich hätte nur noch zwei Jahre bis zur Rente gehabt". Aber etliche Kolleginnen habe es hart getroffen. Sie hatten noch neue Kräfte eingearbeitet, dann gab es eine Abfindung und eine nach der anderen musste gehen. Eine ZDF-Reportage - zu finden in Otto Schmitts Archiv - berichtete 1995 über den "Umzug der Liebesperlen" und dessen traurige Begleitumstände.

Die Werkshallen in Eyrichshof haben erst in jüngster Vergangenheit neue Nutzer gefunden. Aus der "Heinerle-Spezialfabrik" in Schlüsselfeld ist die DOM Polymer-Technik GmbH geworden, die heute Verpackungen sowie Tischgeschirr, Spielwaren, Geschenk- und Werbeartikel aus Kunststoff herstellt. In Pößneck laufen die Geschäfte bis heute gut und es wurde kräftig investiert.

Heinerle-Schokolutscher sowie Knatterräder, Glockenwalzen und Babyfläschchen voller Liebesperlen gibt es dort noch und auch Knusperreis trägt noch immer den Namen des einstigen Dragee-Produzenten. Vor allem aber hat sich die Marke Berggold auch im Westen etabliert. Bundesweit führen sie Discounter im Sortiment.