Sieben Menschen wohnen hier - viel zu viele für so wenig Platz. Dennoch scheinen sie kaum Spuren zu hinterlassen. Die Wohnung der Familie Qassem in einem der Wohnblocks am Ortsausgang von Zeil ist spärlich möbliert und blitzeblank (obwohl der Besuch nicht angekündigt war). Raumfüllend ist nur das Gelächter, mit dem der neunjährige Anes, seine zwölfjährige Schwester Meryam und der Nachbarsjunge einander durch die Zimmer jagen.

Vater Bahaaldin Qassem sitzt rauchend vor der offenen Balkontür - den Kindern im Weg. Das war er schon immer: erst dem Regime in seiner Heimat Syrien, dann (gefühlt) in Deutschland, jetzt in Zeil. Genervt wirft er einen Packen Formulare auf den Wohnzimmertisch. Viel Deutsch kann der kurdische Syrer nicht, aber ein Wort hat er sich schnell eingeprägt.
"Landratsamt" sagt er und schüttelt sorgenschwer den Kopf.

Seit Anfang des Jahres 2013 besitzen Bahaaldin Qassem und seine Ehefrau Masrura Mansur eine Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland. Rein theoretisch kann die Familie nun gehen, wohin sie will. Praktisch braucht Vater Bahaaldin Qassem erst einen Job, bevor er umziehen kann. Hintergrund ist eine bundesweite Regelung: Verlässt Qassem den Landkreis Haßberge, ohne eine Anstellung in Aussicht zu haben, verliert er die sozialen Leistungen. So soll verhindert werden, dass die Sozialkassen in Ballungszentren ausbluten.

Vater ist in seinem Stolz verletzt


Der 51-Jährige rudert mit den Armen, beugt sich nach vorne, wirkt hochkonzentriert. Er will dem Besucher selbst erklären, warum es seinen Stolz verletzt, sich nicht frei bewegen zu können, nicht endlich Arbeit und eine neue Bleibe für seine Familie zu finden - außerhalb der Gemeinschaftsunterkünfte.

"Seit vier Monaten suche Wohnung, nichts.", sagt er niedergeschlagen. Ehefrau Masrura Mansur redet dazwischen. Der deutsche Gast soll nicht glauben, dass man undankbar wäre. "Syrien schlimm", sagt die 47-Jährige. In Deutschland müsse sie nicht jeden Tag Angst haben, dass ihr Mann oder ihre Kinder abends nicht nach Hause kommen. Insgesamt acht Kinder sind es: Fünf leben noch bei den Eltern, eine Tochter ist ausgezogen, und die zwei ältesten Söhne sind ins Ausland gegangen. Diese beiden glaubt Masrura Mansur an die neue Welt verloren: "Lange gesucht. Keine Hilfe, keine Arbeit. Jetzt fort, nichts mehr sehen", sagt sie.

In Syrien gehörte die Familie einer kurdischen Minderheit an, bevor sie 2000 auf einem Schiff die Flucht antrat. Der Großteil der syrischen Bevölkerung sind mit 90 Prozent Araber. "Wenn Polizist wäre, tausende Menschen einfach schlagen", sagt Bahaaldin Qassem und schiebt hastig einen kurdischen Satz hinterher. "Mein Papa meint, dass Polizisten in Syrien tausende Menschen einfach so schlagen können, ohne Grund", übersetzt Tochter Meryam mit ernstem Gesicht. Die Zwölfjährige und ihr neunjähriger Bruder wurden in Deutschland geboren. Die Geschichten aus der Heimat ihrer Eltern kennen beide nur aus Erzählungen. Auch die vom 23-jährigen Yusuf, der erschossen wurde, weil sein Vater (der Onkel von Meryam) keine 1500 Euro Schwarzgeld hatte auftreiben können, um seinen Sohn aus dem Militärdienst freizukaufen.

Kontakt in die Heimat via Skype


Den Onkel hat Meryam bisher nur auf dem veralteten Computerbildschirm gesehen, über den ihr Vater mit seinem Bruder skypt. "Die haben da aber fast nie Strom. Nur so eine halbe Stunde am Tag, seit Krieg ist", erzählt Meryam. Ihr Vater sitze darum oft abends vor dem Computer und warte.
"Und der Onkel muss eine Stunde laufen, bis er Wasser aus dem Brunnen holen kann. Die haben da auch keinen Wasserhahn", ergänzt der neunjährige Anes, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder dem Fernseher zuwendet: Dort hüpfen auf dem Kinderkanal quietschbunte Gestalten herum und lachen. Die Gewalt in Syrien ist für die beiden Kinder weit weg.

Nicht so für ihre Eltern. Mutter Masrura Mansur sorgt sich jeden Tag um ihre Eltern, 75 und 80 Jahre alt, die in Damaskus zurückgeblieben sind. Fast alle anderen Familienangehörigen seien mittlerweile in die Türkei geflohen. Masrura Mansur und ihr Mann informieren sich hauptsächlich über Skype bei ihren Verwandten über die aktuelle politische Lage. Beide sind Analphabeten. Nicht so ihre Kinder: Der 17-jährige Achmed macht eine Ausbildung als Maler und Lackierer, eine seiner Schwestern ist Zahnarzthelferin, die andere Hotelfachfrau. Die beiden Kleinen besuchen die Schule.

Dann erzählt Bahaaldin Qassem, wie sein Vater vor über 30 Jahren eine Wohnung für seine 20-köpfige Familie kaufte. Der Syrer war damals fast noch ein Kind. Doch bevor die Familie aus der Lehmhütte in die "richtige Wohnung" im Süden umziehen konnte, beschlagnahmte sie die Polizei. "Hat gesagt, will nur sechs Monate bleiben. Ist 30 Jahre geblieben", sagt er. Bahaaldin Qassem beugt sich vor. Er fixiert den Gast, will sehen, ob er verstanden hat. Er hat: So etwas gibt es in Deutschland nicht. Ob der Syrer seine Heimat trotzdem vermisst? Der 51-Jährige nickt. "Aber zurück? Keine Chance", sagt er. Dann wendet auch er sich dem Fernseher zu - ein bunter Trost in allen Ländern.


Zahl der Asylbewerber