"Wir wollen mit dem Haßfurter Bürgermeister sprechen, weil wir brauchen 109 Euro", so pitschten Vincent Zeiß und Julius Hügel von der Staatlichen Realschule Haßfurt ihr Projekt einer fahrbaren Obdachlosenunterkunft beim "Jugend forscht"-Regionalwettbewerb am Freitagnachmittag in Haßfurt. "Es ist ein dreieckiges Ding, wo Obdachlose drin schlafen können. Mit Regenschutz und Styropor zur Wärmedämmung und einer Schnur, damit sie es überall mithinnehmen können. Und damit es nicht geklaut wird, kann man es mit einem Fahrradschloss festmachen." Stolz strahlten die beiden Erbauer von Ohr zu Ohr. Allerdings brauchen sie 109 Euro Starthilfe, um aus der rollbaren Unterkunft - in der momentan nur Ken, die Barbiepuppe, Platz hat - ein lebensgroßes Modell zu bauen.

Erstmals fand der Regionalwettbewerb "Jugend forscht" und sein Ableger "Schüler experimentieren" für alle unter 14 Jährigen in Haßfurt statt. Hier wurden aus den Fachbereichen Arbeitswelt, Biologie, Chemie, Geo- und Raumwissenschaften, Mathe/Informatik, Physik und Technik jeweils ein Sieger gekürt, der Unterfranken im anstehenden Landeswettbewerb vertreten darf.

Eine Halle voller genialer Versuche

Der erste Abstecher in die Kreisstadt war ein voller Erfolg, was die 350 Besucher in der vollgestopften Turnhalle des Haßfurter Schulzentrums bewiesen. 130 Teilnehmer, 75 Projekte und dabei über 40 Prozent Mädchenanteil. Ein Rekord. Auch Landrat Wilhelm Schneider ist "sehr stolz, dass dieses Mal vier von der Realschule Haßfurt und vier vom Gymnasium Haßfurt" dabei sind.

"Fridays for Future" in praktisch

Zwischen den Projektständen herrschte ein Gedränge wie auf der Sandkerwa. Aber die Besucher standen nicht für Schießbuden und Laugenbrezeln an. Sondern, um einen Blick auf die Forschungsideen zu werfen, mit denen die Jungwissenschaftler die Welt verbessern möchten. Und eines zeigte sich deutlich: "Jugend forscht" ist "Fridays for Future" praktisch umgesetzt. Von der Entwicklung ökologischer Folien für Shampoo Applikationen über Mikroplastik im Ozean bis hin zur Gewinnung von Trinkwasser aus Abwasser - die Jugend stellte sich den Herausforderungen des Klimawandels.

Lily Oehm und Pauline Frey vom Regiomontanus-Gymnasium Haßfurt zum Beispiel suchten nach einer Möglichkeit, Plastikverpackungen überflüssig zu machen. Vor allem im Bad sammelt sich durch Shampoo- und Duschgelflaschen viel Müll an. Nach dem Vorbild von Waschmittelpods entwickelten die beiden mit Hilfe der Molekularküche und dem Einsatz von hydrophilen Folien Hairconditioner-Pods.

Wichtig ist dabei, dass die "Drops" biologisch abbaubar sind und auch die letzten Reste im Abwasser von der Kläranlage herausgefiltert werden können. Neben Schule, Hausaufgaben und Hobbys finden die beiden Elftklässlerinnen nur in der Mittagspause Zeit, ihr Projekt weiterzuführen. Aber das nächste Ziel ist anvisiert: Shampoo aus seiner harten Plastikverpackung zu befreien. Zum ersten Platz hat es am Ende nicht gereicht.

Einen Sieg konnte Haßfurt aber heimholen. Im Fachbereich Technik qualifizierten sich Charlotte Hacker, Lina Behr, und Annabel Truchsess vom Regiomontanus-Gymnasium Haßfurt mit ihrer Arbeit zur Tropfenfotographie für den Landeswettbewerb in München. Um den Zusammenprall zweier Wassertropfen gestochenscharf fotografieren zu können, schrieben sie ein Computerprogramm, das pro Tropfen automatisch die Kamera auslöst. Nur spektakuläre Fotos reichen den Haßfurter Mädels aber nicht, sie wollen ihr Projekt weiterführen und dafür mögliche Einsatzbereiche in der Wissenschaft finden.

Industrie auf Fachkräftesuche

Nicht nur die stolzen Eltern wuselten in der vollgestopften Sporthalle umher. Auch die hochkarätige "Jugend forscht"-Jury betrachtete jedes der 75 ausgestellten Projekte genau. Neben vielen Lehrern befanden sich in diesem Jahr auch einige Vertreter aus Forschung und Wirtschaft unter den Juroren. Moderator Jürgen Gläser vom Bayrischen Rundfunk witzelte bei der anschließenden Preisverleihung, dass die Industrie bei dem ein oder anderen Jungforscher anklopfen könnte. Den langen Schlangen vor einigen Tischen nach zu urteilen, dürfte das gar nicht so unwahrscheinlich sein. Der Satz "Hast du einen Flyer zu deinem Projekt?" fiel an diesem Nachmittag sehr häufig. Flyer hatten die meisten Schüler nicht vorbereitet, da musste ein schnelles Foto der Plakatwand ausreichen. Ein Messeflair lag definitiv in der Luft. "Jugend forscht" ist ein ernst zu nehmender Nährboden für neue Fachkräfte, das wissen auch Industrie und Politik.

Daher war natürlich auch der Haßfurter Bürgermeister Günther Werner anwesend. Ob Vincent und Julius ihn auf die 109 Euro angesprochen haben, ist nicht bekannt. Aber vielleicht gibt es bald ein Pilotprojekt für Obdachlosenboxen in Haßfurt.