Haßfurt
Nachhaltigkeit

Erstes Nachhaltigkeitsforum in Haßfurt: "Bäume pflanzen allein rettet eben nicht unser Klima."

Der Verein "Wir gestalten Heimat" hatte am Samstag zum ersten Nachhaltigkeitsforum geladen. Ob "Car-Sharing", eine Markthalle für regionale Produkte oder ein Waldlehrpfad: In Workshops wurde an nachhaltigen Lösungen und Konzepten für den Landkreis Haßberge gearbeitet.
Im Workshop "Schule & Leben" diskutierten die Teilnehmer unter der Leitung von Oliver Kunkel (rechts) über Nachhaltigkeit in der Schule. Es gibt schon Lehrmaterial und Konzepte für jede Altersstufe, um Nachhaltigkeit zu beschreiben und zu erklären. Fotos: Julia Scholl
Im Workshop "Schule & Leben" diskutierten die Teilnehmer unter der Leitung von Oliver Kunkel (rechts) über Nachhaltigkeit in der Schule. Es gibt schon Lehrmaterial und Konzepte für jede Altersstufe, um Nachhaltigkeit zu beschreiben und zu erklären. Fotos: Julia Scholl
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Unter dem Motto: "Wir packen es an, in der Heimat etwas zu tun", eröffnete Oliver Kunkel am Samstag das erste Nachhaltigkeitsforum des Vereins "Wir gestalten Heimat". 150 Interessierte trafen sich im "Silberfisch" in Haßfurt. Hier diskutierten in mehreren Stationen über Nachhaltigkeit im Landkreis Haßberge. Verschiedene Vorträge gaben Impulse, ebenso eine Diskussionsrunde.

Oliver Kunkel fragte: "Ist die Menschheit überhaupt in der Lage, diese Masse an Veränderungen anzugehen, die nötig sind, um eine Wende zu schaffen?" Nahzu Endzeitstimmung verbreitete Hans-Joseph Fell: "Wenn wir uns nicht radikal verändern, wird die Natur uns radikal vernichten."

Seiner Auffassung nach ist die einzige Lösung eine "Null-Emissionspolitik" und die Umstellung auf 100 Prozent erneuerbare Energien: "Bäume pflanzen allein rettet eben nicht unser Klima."

Stadtwerk Haßfurt

Um dieses Vorhaben zu realisieren seien aber alle nötig, ergänzte Norbert Zösch vom Stadtwerk Haßfurt: "Die Umwelt können wir nicht von oben nach unten retten, sonder es muss von unten nach oben passieren." Das Stadtwerk Haßfurt gehe hier mit gutem Beispiel voran, so Zösch. Denn das Stadtwerk versorge seine Privatkunden seit Januar 2020 ausschließlich mit Strom aus erneuerbaren Quellen.

Mehr zum Thema: Stadtwerk Haßfurt Vorreiter für erneuerbare Energien

Im Workshop zum Thema Energie am Nachmittag erklärte er außerdem, dass es für eine Kommune oder Stadt Vorteile hat, wenn sie die Strom- und Wasserversorgung nicht auslagert, sondern wieder zurückkauft und damit Netzentgelte spart. Norbert Zösch: "Haßfurt kann sich die Eishalle und das Schwimmbad nur leisten, weil die Netzentgelte für den Strom in der Stadt bleiben." Auch könne man so unabhängiger und besser auf Situationen wie einen "Blackout", also einen totalen Stromausfall, reagieren.

Aber das Forum stand nicht nur unter dem Zeichen der Energieversorgung. Der Aspekt der Nachhaltigkeit wurde auch für die Themenbereiche Land-und Forstwirtschaft, Bauen und Wohnen, Mobilität, Bürgerbeteiligung und Schule und Leben behandelt. In Arbeitskreisen drehte es sich um Möglichkeiten, wie Veränderung im Landkreis stattfinden kann.

Landwirtschaft: Markthalle für regionale Produkte

Fell sprach sich für Biokultur in der Landwirtschaft aus. Die Humusbildung leidet unter Monokultur. Konkrete Anregung ist eine Markthalle für den Landkreis, in der die Bauern ihre Produkte anbieten sollen. So kann die Versorgung durch regionale Lebensmittel gestärkt werden.

In einem anderen Workshop ging es um Mobilität und den ausgebauten Individualverkehr. Zu Debatte standen Modelle aus anderen Landkreisen. Die Besucher sprachen besonders über ein ausgebautes "Car-Sharing"-Netz. Wichtig sei ein Konzept, das für den Landkreis funktioniert und an die Bedürfnisse der Bürger angepasst ist, wie es hieß.

Woran es hapert, das ist immer das mangelnde Engagement. Die Bürger müssen sich selbst beteiligen, erklärte Max Riedel, der die Gruppe "Bürgerbeteiligung" betreute. Im Workshop "Wohnen und Bauen" sprachen die Teilnehmer über effektives Leerstands- und Sanierungsmanagement, ebenso über gemeinschaftliches Wohnen und Generationsleben.

Mittelschule in Zeil plant Waldlehrpfad

Im Bereich "Schule und Leben" setzte sich eine andere Gruppe mit effektivem und nachhaltigem Lernen auseinander. Bettina Kunkel von der Mittelschule in Zeil stellte ein Projekt vor, das sie mit ihrer Schule umsetzen will: ein grünes Klassenzimmer. Im Wald soll ein dauerhafter Waldlehrpfad entstehen. Hier sollen die Kinder mit allen Sinnen die Natur erfahren. "Man kann jedes Thema in den Wald bringen", erklärte sie, hier es sollen auch Fächer wie Mathematik unterrichtet werden.

Die Kinder bauen dann, wie sie erklärte, eine tiefere Verbindung mit der Natur auf. Das Gymnasium in Haßfurt plant statt der bisherigen Ballon-Aktion (Wünsche für die Zukunft werden in die Luft entlassen) für ihre fünften Klassen zu Beginn ihres ersten Schuljahres künftig Baumpflanzungen. Nele Markfelder erklärte, die Bäume seien nicht nur gut für das Klima, sondern hätten einen stärkeren symbolischen Charakter, da sie mit den Kindern mitwachsen.

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Fazit: "Nachhaltiges Handeln muss zum Mainstream werden", erklärte Hans-Josef Fell. Deshalb müsse der "moralischen Überforderung" der Menschen entgegengewirkt werden, um ein Umdenken und eine Wende anzuregen, führte Harald Klimenta aus.

Klimenta ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat von Attac Deutschland und fordert eine Wachstumswende. Wachstum ist ihm zufolge nicht alles. Das Nachdenken darüber werde durch eine scharfe Rhetorik behindert und führe zu einer Spaltung der Gesellschaft. Doch genau Austausch und Vernetzung zeigen Wege auf, das wurde bei seinen Worten deutlich. Individualismus ist schön und gut. Aber, wie Kunkel unterstrich:"Wir müssen Lösungen gemeinsam erdenken."