Nur 15 Monate nach dem Einzug sind sie wieder verschwunden: Die einstige Schule steht wieder leer, die Flüchtlingsjugendlichen sind weg, deren Betreuer auch. Zurück blieben verdutzte Dorfbewohner, die mit Kritik nicht hinterm (Bram-)Berg halten, und der Wunsch, das Gebäude, das der Stadt gehört, baldmöglichst für die Orts-Feuerwehr nutzen zu können.

Die Kritik der Bramberger zielt nicht auf die Jugendlichen, die aus Eritrea, Somalia, Afghanistan und Syrien ins entlegene Haßbergdorf gekommen waren. Mit denen hatte man sich trotz anfänglicher Vorbehalte seit der Ankunft der Ersten im September 2015 längst arrangiert, zum Teil sogar angefreundet. Einige spielten bei Fußballvereinen in der Gegend, andere Volleyball in Ebern.

Für Missmut sorgt vielmehr die Informationspolitik der zuständigen Stellen - im Landratsamt, im Eberner Rathaus und in der Gemünder Mühle, von wo aus die Evangelische Jugendhilfe der Diakonie Würzburg die Betreuung übernommen und dazu auch Personal eingestellt hatte.

"Als politisch Verantwortlicher im Dorf hätte ich schon gerne eine Information erhalten", wundert sich beispielsweise der Ortssprecher, Wolfgang Heppt (SPD). So aber standen die letzten der ausländischen Jugendlichen vergangene Woche an den Haustüren etlicher Bramberger, um sich zu verabschiedeten.


Nur noch vier Jugendliche

Wohin? "Sie haben sich der Zuständigkeit des Jugendamtes Haßberge durch Erreichen der Altersgrenze von 18 Jahren entzogen", heißt es im verquasten Behördendeutsch aus dem Landratsamt.

Demnach seien zuletzt nur noch vier Jungs in diesem Heim gewesen. "Absehbar war, dass sich mit Beginn 2017 die Zahl der in die Zuständigkeit des Jugendamtes Haßberge fallenden Jugendlichen wegen Erreichens der Volljährigkeit auf zwei reduzieren wird. Wohl auch wegen dieser sich abzeichnenden Entwicklung haben die in der Zuständigkeit des Jugendamtes Haßberge verbleibenden zwei Jugendliche bzw. deren Vormünder um eine anderweitige Unterbringung gebeten und das Jugendamt konnte diesem Wunsch auch entsprechen (Versorgung in einer Wohngruppe in Eltmann, in der bereits weitere unbegleitete Minderjährige vom Jugendamt untergebracht sind)", heißt es in der amtlichen Stellungnahme.


Bei Frost im Freien geschlafen?

Professor Gunter Adams ergänzte als Leiter der Evangelische Jugendhilfe, dass zuvor zwei weitere Jugendliche unter 18 Jahren, die dem Jugendamt Würzburg unterstanden, nach Würzburg gebracht worden waren. Wohin gehen die 18-Jährigen? "In eine Gemeinschaftsunterkunft oder eine dezentrale Einrichtung", vermutet Adams.

"Die wollten schon weg", weiß ein Nachbar, der regelmäßig im Heim ein und aus ging. Und auch beobachtet haben will, dass zum Teil zu drakonischen Strafen gegriffen wurde. "Einer musste mal bei minus sechs Grad im Schlafsack vor dem Haus übernachten, weil er nicht spurte", sagt er. Er erinnert auch daran, dass die ersten Ankömmlinge schon nach Tagen spurlos wieder verschwunden waren.

Zwölf minderjährige Flüchtlinge ohne erwachsene Begleitung markierten den Höchststand in der Schule, die durch Spenden eines Haßfurter Möbelhauses sprichwörtlich aufmöbliert wurde.


Unterschiedliche Aussagen

Bei der Frage unserer Redaktion, wie's weitergeht, gibt es unterschiedliche Interpretationen.

"Es kommen keine minderjährigen Asylbewerber mehr nach, für das Heim wurde kein Bedarf mehr gesehen", trauert Professor Adams dem Bramberger Domizil zumindest am Telefon nach.

Seiner Aussage zufolge sei mit Bürgermeister Jürgen Hennemann (SPD) eine kurzfristige Kündigung des Mietvertrages vereinbart. "Es gibt aber auch noch Überlegungen, andere Jugendliche dort unterzubringen. Aber das muss erst mit der Dorfgemeinschaft abgeklärt werden", weiß Adams.

Vertreter aus dem Ort melden schon Vorbehalte an. Während es mit den Flüchtlings-Waisen kaum Probleme gab ("Hie und da mal eine Reiberei, aber das blieb alles im Rahmen."), bereiten die deutschen Problem-Jugendlichen aus der Gemünder Mühle mehr Kummer. "Die betteln an den Türen nach Zigaretten, einer hat sogar mal rumgegrölt, dass er alle umbringen will, wofür er sich aber am nächsten Tag entschuldigt hat", heißt es da zum Beispiel.

Eine etwas andere Sicht der Dinge schildert Bürgermeister Jürgen Hennemann (SPD): "Der Anruf von Frau Adams hat uns in der Stadt überraschend vor Weihnachten erreicht, dass das Jugendamt des Landratsamtes die noch verbliebenen vier unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge zum 22. Dezember aus Bramberg abzieht und in andere Unterbringungen verlegt. Das geschah für uns ohne Vorwarnung, wir gingen von einer längeren Nutzung, in das Jahr 2017 hinein, aus. Die Schule in Bramberg steht seither leer, ohne Nutzung."


Überraschter Bürgermeister

Und zur weiteren Vorgehensweise sagt der Bürgermeister: "Wir haben in Absprache mit Frau Adams von der Evangelischen Jugendhilfe der Diakonie das Haus zunächst stillgelegt, was noch vor Weihnachten realisiert wurde. Das Abziehen der Jugendlichen geschah für alle sehr überraschend, eine Nachnutzung für die alte Schule steht noch nicht fest. Der Mietvertrag mit der Stadt läuft noch, er konnte wegen der Kurzfristigkeit nicht einmal fristgerecht gekündigt werden."

Im Januar will Hennemann Gespräche über eine weitere Nutzung durch die Diakonie führen, da die Stadt derzeit keine andere Nutzung in Aussicht und der Mietvertrag noch Bestand habe. "Die weitere Nutzung wollen wir, nach ersten Gesprächen mit den Verantwortlichen, in den städtischen Gremien und mit den Bürgern auf einer Bürgerversammlung diskutieren."


Infrastruktur aufgebaut

Professor Adams verweist auf die Tatsache, dass durch den abgeflauten Flüchtlingsstrom "alle Träger von einer erheblichen Härte getroffen werden". Konkret: "Wir haben eine komplette Infrastruktur aufgebaut, Mitarbeiter eingestellt, für die wir nun Übergangslösungen finden müssen, sogar ein Fahrzeug angeschafft. Und durch eine Hoppla-hopp-Politik wird dies alles zunichte gemacht und wirft erhebliche finanzielle Probleme auf."

Und noch ein Argument schiebt der Professor aus Würzburg nach: "Wenn wieder ein Flüchtlingsstrom einsetzt, wird diese Hilfe nicht mehr möglich sein, weil sich dann keine Mitarbeiter mehr finden lassen."