Wird durch das neue Behindertenheim die Krumer Straße noch mehr zugeparkt? Wie muss man sich überhaupt den Umgang mit zum Teil Schwerstbehinderten mitten im Siedlungsgebiet vorstellen? Können hier Zeiler wohnen? Kritische Fragen stellten die etwa 100 Zeiler, die sich am Mittwochabend bei der Bürgerversammlung in Zeil über das Vorhaben der Rummelsberger Diakonie informierten.

Zeil und Ebelsbach

Die will innerhalb der nächsten zwei Jahre ihr Schloss Ditterswind (Maroldsweisach) verlassen und plant kleinere moderne Wohn- und Tagesförderstätten in Ebelsbach und in Zeil. Für den Bauplatz in der Krumer Straße gibt es einen Vorvertrag mit dem Besitzer; wenn der die alten Gebäude (früher Edeka-Markt, dann Baumarkt) hat abreißen lassen und die Fläche frei ist, will die Diakonie in Zeil über vier Millionen Euro investieren.
Grund genug, um frühzeitig mit den möglichen künftigen Nachbarn zu reden und sich vorzustellen. Diakon Günter Schubert hatte zur Bürgerversammlung seinen Kollegen Matthias Grundmann mitgebracht, ebenso den Architekten Helmut Stahl und den Bewohnervertreter Martin Herrlich.

Ehrlicher Eindruck

Die Zeiler gewannen einen recht ehrlichen Eindruck. Die Diakone Schubert und Grundmann beschrieben nicht nur ihre Vision vom Gemeinschaftsleben behinderter Menschen mit Zeilern, sondern nahmen auch Befürchtungen ernst und boten dazu weiterführende Gespräche an.
Nicht nur bei Kindergärten und Schulen habe ein Umdenken stattgefunden, führte Schubert aus, auch bei der Betreuung von Behinderten will man neue Wege gehen. Früher führten die "Anstalten" zu einer Ghettoisierung, die Menschen wurden abgeschottet vom Alltag in den Gemeinden. Heute strebt man das selbstbestimmte Leben von der eigenen kleinen Küche über das eigene Wohnzimmer bis zum eigenen Bad an: "Weniger Fürsorge, mehr Assistenz", erläuterte Grundmann. Freilich werden die zum Teil Schwerstbehinderten - auf Schloss Ditterswind leben zurzeit 71 Menschen zwischen 18 und 84 Jahren - später in Zeil, wo 24 Menschen Platz finden sollen, rund um die Uhr durch Fachkräfte betreut. Gleichwohl soll ihr Leben strukturierter werden und ihnen - neben individuellen Rückzugsmöglichkeiten - mehr Freizeit außerhalb der Diakonie bieten: Dart-Spiel, Kegeln, Kinobesuche, die Bahnfahrt zur Familie oder gar mal in die Disco gehen, das sind Wünsche, die in Ditterswind die Gemeinschaft bewegen.

Mitten in der Siedlung

Und daher schieden bei den ersten Besuchen in Zeil die Alternativstandorte bald aus: Gewerbe- und Neubaugebiet. Bei der Fahrt von den Langen Äckern hinunter in die Stadt sei man an dem leer stehenden Baumarkt-Gebäude vorbeigekommen, schilderte Architekt Stahl, und hängen geblieben: Es liegt mitten in der Siedlung, ermöglicht barrierefreien Zugang, hat mit 3200 Quadratmetern die richtige Größe und bietet kurze Wege: "Besser kann Inklusion nicht stattfinden", unterstrich der Planer, der in Würzburg auf Projekte dieser Art spezialisiert ist. Ostern 2013 soll es, wenn alles klar geht mit dem Grundstückskauf, mit dem Bauen der beiden winklig zueinander ausgerichteten Gebäudeteile losgehen. Im Herbst/Winter 2014 soll alles fertig sein.
Den Tag strukturieren, diesem Grundgedanken ist der Bau schon rein äußerlich verpflichtet: Man geht vom Wohntrakt in das zweite Gebäude, die Tagesstätte. Der Ortswechsel macht den Wechsel vom Wohnen zur Arbeit erlebbar, obwohl es nur über den zentralen Platz im Inneren geht. Die Verbindung mit der Gemeinschaft verbildlichen geradezu auch die beiden Wege über das Grundstück, die die Zeiler gerne nutzen sollen und dürfen, von der Krumer Straße zum Haard weg. Ein Punkt, an dem in der Diskussion gleich mehrere Bürger und Pfarrer Michael Erhart anknüpften. Erhart fragte, wie die Teilhabe konkret gedacht sei und gab angesichts des im Haard weg benachbarten Kindergartens Befürchtungen der Eltern weiter: Bei behinderten Menschen bestehe oft eine sexuell geringere Hemmschwelle, wer schütze die Kinder?

"Keine Ungeheuer"

Recht offen reagierte Diakon Schubert darauf: Er erkannte dieses Problem der oft fehlenden Distanzlosigkeit an und bot direkte Gespräche mit den Eltern an, um zu erklären, wie man damit umgeht. Es sei wichtig, Regeln zu leben und "auch unseren Menschen gegenüber Grenzen aufzuzeigen". Es seien ja nun "keine Ungeheuer", aber eine klare Haltung sei wichtig. Im Übrigen ist immer Fachpersonal vor Ort.
Und er gab zu bedenken, dass ja auch in Zeil bereits Menschen mit Behinderung lebten. Im Blick auf die Teilhabe an der Gemeinschaft antwortete Schubert auf die Frage des Pfarrers, es gebe "Möglichkeiten der Kommunikation zu entdecken, auch wenn jemand sich nicht durch die Sprache ausdrücken kann".

Entstehen Knotenpunkte?

Verkehrsbelastung in Haard weg und Krumer Straße, darauf zielten weitere Wortmeldungen: Der Kindergartenverkehr werde nicht beeinträchtigt, hieß es. Und die Einrichtung bringt alle geforderten Stellplätze auf dem Gelände unter. Richard Schlegelmilch fragte, ob auch Zeiler Behinderte einen Platz fänden. Das bejahte der Diakon, und skizzierte die moderne Entwicklung: Kleine Einheiten sollen regionale Unterkunft ermöglichen. Bislang mussten und müssen Behinderte und ihre Angehörige oft mit sehr weiten Anfahrten leben - etwa von Berlin nach Maroldsweisach.
Wie viele Arbeitsplätze bringen die "Rummelsberger" nach Zeil?, fragte Christoph Winkler. Natürlich wird wohl Stammpersonal mitgehen, lautete die Antwort, doch konkrete Entscheidungen sind noch nicht getroffen. Vielleicht tut man sich künftig als Arbeitgeber leichter, ging aus Schuberts Worten hervor. Denn Stellenanzeigen nach geeignetem Fachpersonal laufen sowieso meist überregional - und "Zeil ist eine attraktive Stadt". Das wiederum war das positive Resümee, das Bürgermeister Thomas Stadelmann an dem Abend gerne zog.