Bei der Hausdurchsuchung vor knapp zwei Jahren wurden die Drogenfahnder der Polizei schnell fündig: Im Keller stand eine Aufzuchtanlage für Marihuana-Pflanzen, und immerhin 389 Gramm der bereits abgeernteten Pflanzenteile befanden sich im Wohn- und Schlafzimmer. Problematisch war für den jungen Handwerker (20 Jahre), der sich auf diese Weise als Hobbygärtner betätigt hatte, vor allem die nicht geringe Menge von mehr als 300 Gramm mit einem Wirkstoffgehalt von mehr als elf Gramm des Inhaltsstoffes Tetrahydrocannabinol (THC). Das Jugendschöffengericht am Amtsgericht in Haßfurt verurteilte den Heranwachsenden zu einer vergleichsweise milden Geldauflage von 3000 Euro.

Das Besondere an diesem Fall lag darin, dass der junge Mann aufgrund einer medizinisch festgestellten Störung als sogenannter Schmerzpatient anerkannt war. Der ihn behandelnde Arzt hatte ihm deshalb vor zweieinhalb Jahren monatlich 50 Gramm medizinisches Cannabis auf Rezept verschrieben. Allerdings übernahm die Krankenkasse damals nicht die Kosten für das seit kurzem auch in Deutschland zugelassene Medikament.

Der Teenager befand sich in dieser Zeit in der Ausbildung zu einem Handwerksberuf. Mit seiner Ausbildungsvergütung war es ihm natürlich nicht möglich, die Kosten für das Medikament von monatlich rund 1200 Euro aufzubringen. Deshalb, so sein Anwalt Jochen Kaller, habe sein Mandant zur Selbsthilfe gegriffen, sich die Marihuana-Samen aus dem Internet bestellt und eine Aufzuchtanlage eingerichtet.

Bei der Hausdurchsuchung, die am 14. November 2018 stattfand, beschlagnahmten die Drogenfahnder die gesamte mit Zeltstangen aufgebaute Anlage. Dazu gehörten Lampen, LED-Lichter, Ventilatoren, Filter sowie ein Trafo. Mit einer Taschenlampe und einem als Taschenmesser getarnten Elektroschockgerät wurden weitere Utensilien konfisziert.

Da die Verhandlung vor dem Jugendschöffengericht des Amtsgerichts stattfand, erläuterte eine Vertreterin der Jugendgerichtshilfe den bisherigen Werdegang des Angeklagten. Sie schilderte, dass er in prekären Familienverhältnissen aufgewachsen sei. Seine Mutter leide unter schweren Depressionen und müsse immer wieder stationär behandelt werden. Zum Vater habe der Jugendliche nur selten Kontakt. Seit seinem dritten Lebensjahr sei er deshalb im Haushalt und unter der Obhut seines Großvaters aufgewachsen.

Der Staatsanwalt sprach in seinem Plädoyer von etlichen "Schicksalsschlägen", die dem Angeschuldigten das Leben schwer gemacht hätten. Allerdings war er überzeugt, dass der Junge mit der erheblichen Menge an Rauschgift auch Handel getrieben habe. Nur auf diese Weise, so der Jurist, habe er genug Geld bekommen, um sich mit dem qualitativ hochwertigen medizinischen Cannabis zu versorgen. Er forderte eine Bewährungsstrafe von zehn Monaten sowie eine Geldauflage von 3000 Euro.

Obwohl der Verteidiger der Auffassung des Anklagevertreters vehement widersprach, war auch das Schöffengericht vom Handeltreiben überzeugt. Die seinerzeitige Hausdurchsuchung hatte auf den Heranwachsenden offensichtlich aber eine nachhaltige positive Wirkung gehabt. Denn seit dieser Zeit, beteuerte er, sei er clean und habe sich von dem zweifelhaften Freundeskreis endgültig getrennt. Auch vor Gericht hinterließ der inzwischen als Handwerksgeselle tätige junge Mann einen durchaus vernünftigen Eindruck. Das Urteil wurde unmittelbar nach der Verkündung rechtskräftig.