Tote Hühner, mannshohes Unkraut und jede Menge Müll. Das erwartete Sebastian Rehm, seine Frau und die zwei gemeinsamen Töchter als sie im vergangenen Herbst die Tür zu ihrem neuen Anwesen in Goßmannsdorf, einem Stadtteil von Hofheim, öffneten. Jetzt, gut ein Jahr später, ist der Müll verschwunden. Im Hof hinter dem Haus tummelt sich eine quicklebendige Hühnerschar.

Doch die Rehms leben nach wie vor auf einer Baustelle. Im Hinterhof stapeln sich Balken und Bretter übereinander. Das Wohnhaus ist von einem Gerüst umgeben. Im Obergeschoss sind Sebastian Rehm und ein Helfer gerade am Werkeln. Hier nimmt das neue Zuhause erste Formen an.

Rehm verweist auf den neuen Dachstuhl, der das Haus überspannt. Die Wände, die das Obergeschoss ursprünglich in eher kleinere Räume unterteilten, sind verschwunden. Neben dem Treppenaufgang liegt die Hauswand frei. Dicke Eichenbalken stützen die steinernen Fachwerkfelder.

"Wir wollten ein altes Haus haben", sagt Rehm und fügt an: "Ich liebe die Bausubstanz." Die Begeisterung ist ihm deutlich anzumerken. Er deutet auf die Eichenbalken, erklärt, dass diese vermutlich aus einem herrschaftlichen Anwesen stammen, und zeigt, wo früher das Dach verlaufen ist. Schnell wird dabei klar, hier kennt sich jemand aus.

Rehm ist seit 25 Jahren im Baunebengewerbe tätig. Den Großteil der Sanierungs- und Umbauarbeiten stemmt er in Eigenleistung. "Wir haben genau gewusst, worauf wir uns einlassen. Man braucht einen Plan, die Flexibilität, diesen immer wieder an Unvorhergesehenes anzupassen, und vor allem starke Nerven", sagt er und lacht.

Den Standort genau analysiert

Die Entscheidung, nach Goßmannsdorf zu ziehen, war dabei keineswegs Zufall, sondern Ergebnis einer, wie Rehm sagt, "sozialwissenschaftlich peniblen" Standortanalyse. "Man muss sich überlegen, was will ich und was davon ist mir am wichtigsten."

Den Rehms war es wichtig, einen guten Bildungsstandort für ihre Töchter zu finden. Das Angebot der Waldorfschule in Haßfurt entsprach den Vorstellungen der Familie, wie Adina Rehm erzählt.

Außerdem entschied sich die Familie bewusst gegen die Ballungszentren und für den ländlichen Raum. In Bayern sollte es aber schon sein, wie Sebastian Rehm sagt. Der 46-Jährige stammt ursprünglich aus der Landeshauptstadt München.

Die Rehms hielten bei ihrer Suche Ausschau nach einer intakten Dorfstruktur. Es sollte kein ausgestorbener Ort sein. "Goßmannsdorf hat sich schnell als guter Standort erwiesen", berichtet Rehm. Er verweist auf die Nähe zu Hofheim und die Anbindung nach Haßfurt. Es gibt eine Gaststätte im Ort und das Dorfleben funktioniert. Einzig ein Dorfladen wäre vielleicht noch wünschenswert, sagt Rehm.

Liebe auf den ersten Blick

Blieb nur noch die Frage nach einem geeigneten Haus. "Meine Frau hat sich in das Grundstück verliebt als wir es gesehen haben", erinnert sich Sebastian Rehm. "Ich wäre ihm schier böse gewesen, wenn wir es nicht genommen hätten", sagt Adina Rehm mit einem Augenzwinkern.

49 000 Euro zahlte die Familie für das Wohnhaus - günstig, aber angesichts des Zustands der Anlage mit viel Arbeit verbunden. "Meine Mutter war ganz entsetzt, dass wir uns eine ,Müllhalde‘ aneignen", erzählt Adina Rehm. "Sie konnte sich auch nicht vorstellen, dass das parallel mit den Kindern zu schaffen ist."

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Bereut hat die junge Familie ihre Entscheidung für das alte Haus und für den Standort Goßmannsdorf bislang nicht. "Wir wurden mit offenen Armen willkommen geheißen", erzählt Sebastian Rehm. Die Familie ist im Ort auf viele hilfsbereite Menschen getroffen, auch neue Freunde haben die Rehms schnell gefunden.

Platz, Ruhe und frische Luft

"Es war schon ein komisches Gefühl, in ein Dorf zu ziehen, das man nicht kennt", sagt Adina Rehm. "Aber wir haben uns sehr schnell zuhause gefühlt." Anders als in der Großstadt sind die Nachbarn nicht mehr nur anonyme Gesichter. Die frische Luft auf dem Land tut vor allem der ältesten Tochter, die Asthma hat, gut.

Adina Rehm freut sich auch über die Nähe zur Natur, über den Platz, den das neue Grundstück bietet, und - über die Ruhe. "Danach sehnen wir uns doch in dieser schnellen Welt. Unser erstes Weihnachten hier das war wirklich eine ,Stille Nacht‘."

Bis zum zweiten Weihnachtsfest der Familie in Goßmannsdorf sind vielleicht auch schon die Kinderzimmer im Obergeschoss bezugsfertig.

Leerstandsmanagement in der Hofheimer Allianz

Förderprogramm Seit 2008 gibt es in der Gemeinde-Allianz "Hofheimer Land" ein Leerstandsmanagement. Wie Allianzmanager Matthias Hirschmüller auf Anfrage berichtet, konnten von 2008 bis Ende 2018 insgesamt 276 leerstehende private Gebäude wiederbewohnt werden.

Ansprechpartner Auf der Suche nach Fördergeldern fand Familie Rehm in der Hofheimer Allianz einen kompetenten Ansprechpartner. "Man fühlt sich bei so etwas immer ein bisschen als Bittsteller", sagt Adina Rehm. "Aber hier hat man uns gleich willkommen geheißen, verstanden, um was es geht, und sich gut um uns gekümmert." Hirschmüller wiederum sagt: "Es ist super, was die Familie Rehm durchzieht, sehr vorbildlich. Mir wurde erst durch den TV-Bericht auf Vox* klar, wie viel Arbeit mit dem Herrichten des Anwesens wirklich verbunden ist." (*Die Familie Rehm war in der Dokumentation "Wohnwahnsinn" zu sehen, in der es um die Wohnungsnot in Deutschland ging.)

Neue Leerstände Unter anderem aufgrund des demografischen Wandels stehen immer wieder Gebäude leer. Es gebe auch künftig beim Leerstandsmanagement viel zu tun, sagt Hirschmüller. "Zwar gibt es in Hofheim mehr Zu- als Wegzüge, aber diese können den Bevölkerungsrückgang durch Sterbeüberschuss nicht ausgleichen."

Von der Stadt auf's Land Zuzug aus den Zentren gibt es öfters, sagt Hirschmüller. "Mir liegen zwar keine genauen Zahlen darüber vor, grob geschätzt kommen aber etwa 30 Prozent der Neubürger aus Verdichtungsräumen wie Nürnberg/Fürth/Erlangen, Frankfurt oder München."

Flächensparpreis Anfang Oktober hat die Allianz das erstmals vergebene Gütesiegel "Flächenbewusste Kommune" von der bayerischen Staatsregierung erhalten. "... eine Anerkennung für den jahrelangen sparsamen Umgang mit der Ressource Boden", sagt Hirschmüller. "Es ist aber auch eine Bestätigung, auf dem richtigen Weg zu sein, und zeigt, dass es sinnvoll ist, auf großzügige Ausweisung von neuem Bauland bei gleichzeitigem innerörtlichen Leerstand zu verzichten."