Was war das aufregend, mit der Mama in die Stadt zu gehen. Es bedeutete damals, nicht wie heute festgegurtet und angeschnallt im Auto lange stillsitzen zu müssen. Es bedeutete, die eine Straße weiter zu gehen als sonst. Normalerweise war mit Portemonnaie und Tragetasche übers Kopfsteinpflaster die nächste Straßenecke das Ziel, wo in einem kleinen dunklen, kühlen Raum vor einer Theke riesige Milchkannen, Getreide- und Mehlsäcke standen. In der Theke lag ein kleiner Berg Butterstücke, die mit blau-roter Schrift auf dem Pergamentpapier bedruckt waren, und es gab Flaschen mit Sahne. Die Milch wurde ins Tragekännchen gezapft.

50 Meter sind eine ganze Welt

"Die Stadt", das war eine Querstraße weiter die Obere Hauptstraße. Autos fuhren vorbei in beiden Richtungen - bei weitem nicht so viele wie heute, bei weitem nicht so schnell und so laut. Gleich links lag das Konditorgeschäft Philipp Zehe, zu dem man drei, vier Treppen hochsteigen musste und dafür Zuckerluft schnuppern konnte.

Da war es, das Paradies, aller Gelüste Ziel: die kleinen festen Vanille-, Erdbeer- und Waldmeister-Eiskugeln, die einzige Auswahl und vollkommen ausreichend.

Ein Haus weiter links, der Eisenwarenladen Fischer. Beile, Hämmer, Eisenkörbe und Saftpressen, und was nicht alles in tausenden kleinen Schublädchen (winzigakribisch mit Hand beschriftet) in den hohen Regalwänden. Den Kunden empfingen ernste Männer in taubenblauen Arbeitsmänteln, die gleich davoneilten, um das Gewünschte zu besorgen. Oder, noch besser, die die neugierige kleine Nase in die Schubläden spitzen ließen. An der Kasse die Chefin, wunderschön, mit schwarzen Haaren und rotem Mund, ein Schneewittchen mit einer langen Zigarettenspitze in der Hand, aus der der blaue Rauch kringelte.

Drei, vier Häuser Richtung Rathaus noch so ein Laden: Ein paar Treppchen hoch lagen Kartoffeln und Kohlköpfe in Weidenkörben, Wirsing und Mohrrüben. Viele dünnbeinige Ständer mit Körben und Blumen und natürlich süßes Obst! Kirschen, Birnen, Äpfel, Orangen, Zitronen, besonders die Bananen. Sie wurden erst Mitte der 1960er Jahre in Deutschland durch die Erfindung der Bananenkiste zum Grundnahrungsmittel. Vorher: unbezahlbar.

Mangos, Kiwis, Papayas? Gab es nicht. Höchstens getrocknete Feigen und Datteln, die sich, einzeln abgezählt, die Mama manchmal gönnte. Am allerbesten war es, wenn die Reise weiterging und man, fest an der Hand, rechts schauen, links schauen, die Straße überquerte zum Kaufmann. Oder in den Stoffladen, auch der groß und dunkel. Eine solche Lichterflut in den Läden wie heute, das gab es nicht. Die Stoffballen lagen auf dunkelbraunen Holzregalen, spiegelglatt von den vielen Berührungen reichten die gedrechselten Regalsäulen bis zur Decke.

Die Hände darum schließen und sich drehen... Wenn die beiden Frauen gerade nicht aufpassten, nachdem sie die meterhohen Leitern in den Schienen hin- und hergezogen hatten, um an den Stoffballen ganz oben an der Decke zu gelangen.

Schwupps, hochklettern und hoffen, nicht gleich mit spitzem Schrei zurückgeholt zu werden. Auch hier lechzten die breiten Ladenvitrinen danach, erkundet zu werden. Appetit machte von oben der Blick durch dicke Glasscheiben auf den Inhalt: Spitzen, Borten, Reißverschlüsse, Stickgarn, Nadeln, glitzernde Knöpfe - ein Wunderkosmos für die Grundschülerin, die gerade bei Schwester Bernita das Stricken lernte.

Schlachten live

Nach dem alten Beck, vorbei an Wein- und Rauchgeruch dieser Weinstube, in der sich beim Jüngling die honorigen Stadtoberen gerne zum Schoppen trafen, kam der Höhepunkt: die Fische. Sie schwammen in der Haßfurter Hauptstraße vor dem Feinkost-Wendenburg. In einem Aquarium auf einen Rollgestell schlängelten sich, umspült von Luftblasen im trüben grünen Wasser Aale, Karpfen, Forellen - genau in Kopfhöhe. Perfekt platziert zur Beobachtung. Wenn's gut lief, kam der Ladenbesitzer und holte mit Netz und schnellem Griff einen Fisch heraus, der plötzlich schrecklich zappelte.

Neben der hinteren Theke war auf dem Hackstock Endstation und Schauplatz eines blutigen Geschehens: Zack, ein kräftiger Holzstab trifft das Fischgenick, das große Messer schlitzt den Bauch auf. Die Hand greift hinein und reißt die Innereien heraus - weg damit in einen Eimer. Durchgewaschen am Waschbecken und so schnell ist der tote Fisch dann in ein weißes Papier und eine Zeitung eingeschlagen, dass kaum Zeit bleibt, sich ihn zu betrachten. Wobei: Zuschauen war klasse, Fisch essen eher nicht.

Die Zapfsäule am Opel-Autohaus

So vieles gab es in Kindheit und Jugend in der Oberen Hauptstraße, das heute verschwunden ist: die Autowerkstatt und Tankstelle Kirchner, wo man mit einem Hebel den Treibstoff herauspumpte oder das BayWa-Lager in der alten Zehntscheune. Was für ein Getriebe! Oben auf der Rampe standen Helfer, drunten fuhren die Bauern vor, Zurufe, Hin und Her, Stroh und Spelzen, die im Staub tanzten.

Heute erzeugen die Trekker bei Oldtimer-Treffen Schmunzeln, damals fuhren die Bauern damit stolz in die Stadt. Auf dem Anhänger den Ertrag der Jahresarbeit, der ihnen wohl besser entlohnt wurde als heute. Mancher Bauer war arm. Trotzdem war sich jeder seines Wertes bewusst. Was man in der Stadt einkaufte, das wurde geprüft, ob es des schwer verdienten Geldes würdig war.

Der Duft der Fasern und Pflanzen

Wichtige Station - neben dem Schweinemarkt - war übrigens für die Landwirte die Seilerei Elsen - übrigens Ausgangs- und Endpunkt jeden Stadtbesuchs der Familie Hohenberger. Und auch um diesen wundervollen Laden winden sich so schöne Erinnerungen: der trockene, feine Duft der Hanffasern, Holz- und Eisenzeug, Sämereien. Als die Eltern endlich erlaubten, fünf der großen Bambusstangen zu kaufen, mündete das ins schönste Kindheitserlebnis: Das aus den Stangen, Betttüchern und Decken zusammengestückelte eigene "Tipi" bildete im Garten fortan den Schauplatz schönster Spiele und die allersicherste Rückzugshöhle vor der Welt.