Im Zentrum des jüngsten Drogenprozesses vor dem Jugendgericht am Amtsgericht Haßfurt stand ein 21-jähriger Mann, der als sogenannter Kronzeuge den gleichaltrigen Angeklagten, seinen ehemaligen Komplizen, schwer belastete. Aufgrund der Zeugenaussage des Handwerkers stand für das Jugendgericht fest, dass der Beschuldigte mit 450 Gramm fast ein Pfund Marihuana von dem Zeugen gekauft und damit teilweise Handel getrieben hatte. Ob sich das gelohnt hat, darüber darf der junge Mann bei einem einwöchigen Dauerarrest im Jugendknast in Würzburg nachdenken.

Laut Anklageschrift des Staatsanwalts spielte sich das Tatgeschehen zwischen Februar und Juni 2018 ab. Damals verkaufte der Kronzeuge dem jetzt Beschuldigten mehrere Male größere Mengen des Rauschgiftes. Konkret wurden vier Verkaufsvorgänge aufgelistet: einmal 250, einmal 100 und zweimal 50 Gramm sollen im Maintal und in Schweinfurt den Besitzer gewechselt haben. Bei diesen Mengen liegt es auf der Hand, dass sie nicht nur für den Eigenverbrauch, sondern auch für den Weiterverkauf genutzt wurden.

Die genannte Kronzeugenvorschrift wurde vom Gesetzgeber erlassen, um die Polizei dabei zu unterstützen, in die oft mit konspirativen Mitteln abgeschirmten Kreise der Rauschgifthändler einzudringen. Um das zu erreichen, gibt es für aussagewillige Aussteiger aus dem Drogenmilieu einen Anreiz zur Mithilfe: Wer durch seine Aussage bei den Drogenfahndern wesentlich dazu beiträgt, dass Drogendelikte von Rauschgiftkonsumenten oder -händlern aufgeklärt oder verhindert werden, darf darauf hoffen, dass das Gericht ihn selber strafmildernd behandelt oder gleich auf eine Bestrafung verzichtet.

Der junge Mann auf der Anklagebank erklärte, nur jeweils ein oder zwei Gramm zum Eigenkonsum gekauft zu haben. Alles in allem habe er maximal 30 Gramm erworben, lautete seine Behauptung. Den Vorwurf der Anklage, wonach er mit dem Rauschgifthandel seinen eigenen Konsum finanziert haben soll, wies er energisch zurück.

Sein Verteidiger Hubertus Krause hinterfragte kritisch die Aussagen des Kronzeugen. Dieser, so der Rechtsanwalt, tendiere - um für sich selber den größtmöglichen Nutzen zu erzielen - in aller Regel dazu, möglichst viele andere Leute aus dem Drogenmilieu durch übertriebene Aussagen ans Messer zu liefern. Im vorliegenden Fall sei diese Strategie auch erfolgreich gewesen, da der Belastungszeuge in einem bereits abgeschlossenen Prozess gegen ihn selbst ein umfassendes Geständnis ablegte und mit einer Bewährungsstrafe davonkam. Bezüglich seines Mandanten hielt der Anwalt eine Auflage zur Ableistung von gemeinnützigen Arbeiten für ausreichend.

Da der Angeklagte juristisch als Heranwachsender gilt, schilderte eine Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe dessen bisherige Laufbahn. Nach seinem Hauptschulabschluss begann er eine handwerkliche Ausbildung, die er aber im dritten Lehrjahr abbrach. Nach den Gründen dafür befragt, gab der Beschuldigte an, damals an die falschen Freunde geraten zu sein. In der Folge hätten sich die Fehltage auf der Arbeit gehäuft. Zurzeit ist er arbeitslos.

In seinem Plädoyer schloss sich der Staatsanwalt der Auffassung der Jugendgerichtshilfe an, wonach es bei dem jungen Mann noch Reifedefizite gebe. Deshalb war er damit einverstanden, das wesentlich mildere Jugendstrafrecht anzuwenden. Der Jurist sah im Gegensatz zur Verteidigung keinen übertriebenen Belastungseifer bei dem Kronzeugen und hielt ihn deshalb für glaubwürdig. Mit Blick auf eine einschlägige Eintragung im Vorstrafenregister betonte der Ankläger, dass der Angeschuldigte kein unbeschriebenes Blatt sei. Bei der großen Menge an Rauschgift handele es sich um kein Kavaliersdelikt mehr, unterstrich er. Von daher forderte er einen empfindlichen Dauerarrest.

Jugendrichter Martin Kober hielt den Tatvorwurf ebenfalls für erwiesen und übernahm das vorgeschlagene Strafmaß in seinem Urteil. Ob der Verurteilte gegen den Richterspruch in Berufung geht, blieb offen.